http://www.faz.net/-gsb-93h31

ZDF-Krimi „Dengler“ zum NSU : Zwei tote Uwes machen noch keinen Doppelmord

  • -Aktualisiert am

Feuer und Flamme: Dengler (Ronald Zehrfeld) hat durchgeladen. Bild: ZDF und Julia Terjung

Im ZDF geriert sich Ermittler Georg Dengler als Ein-Mann-Untersuchungsausschuss zum Rechtsterror des NSU. Das mündet in eine Verschwörungstheorie, die nicht mal als Fiktion einleuchtet.

          Eine schützende Hand ist immer noch eine Hand. Sie kann sich, um eigene Spuren zu verwischen, blitzschnell um den Hals legen. Nur drei Wochen nach Dominik Grafs umstrittenen RAF-„Tatort“, der einen bewusst nicht verhinderten Suizid oder gar eine staatlich gedeckte Hinrichtung der Stammheimer Gefangenen als Denkmöglichkeit durchspielte, behelligt das ZDF uns mit einer Verschwörungstheorie auf der anderen Seite des politischen Spektrums.

          Es handelt sich um die dialoglastige Verfilmung des achten Romans über den ehemaligen BKA-Ermittler Georg Dengler. Sein Autor, Wolfgang Schorlau, nutzt die Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dem offiziell als Suizid geltenden Tod der beiden zum sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) gehörenden Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 für die steile These, der Verfassungsschutz habe sich dabei zweier inoffizieller Mitarbeiter entledigt. Ein geheimer Auftraggeber – da wartet also eine kleine Überraschung – hat Dengler auf den Fall angesetzt.

          Weiß mehr, sagt es aber nicht: Schweikert vom BKA (Jürgen Prochnow).
          Weiß mehr, sagt es aber nicht: Schweikert vom BKA (Jürgen Prochnow). : Bild: ZDF und Julia Terjung

          Nach der NSU-Trilogie der ARD, der man allenfalls vorhalten kann, aus realen Mordtaten reichlich früh Fernsehunterhaltung gemacht zu haben, ist das der zweite Spielfilm zu dieser Thematik, der noch vor dem Abschluss des Münchner NSU-Prozesses zu sehen ist. Sollte es in solchen Fällen nicht eine Pietätsfrist geben? Zumal, wenn man auf einen Thriller abzielt? Dominik Graf hat immerhin vierzig Jahre gewartet.

          Tatsächlich erweist sich der Krimi um den ehemaligen Zielfahnder Dengler (Ronald Zehrfeld) in jeder Weise als Gegenstück zum Rotschatten-„Tatort“: Wo dort Fragen zu weiteren Fragen führten, verstolpert man sich hier in großspurige Antworten, wo dort eine erzählerisch komplexe Atmosphäre eine eigene Sogwirkung entfaltete, pfropft man die Spekulationen hier einer müden Handlung auf. Das ist schade, weil Lars Kraume (Buch und Regie) ausgerechnet in diesem virulenten Fall unter dem Niveau bleibt, das diese Serie bislang auszeichnete.

          Dass Dengler seinen Job beim Bundeskriminalamt an den Haken gehängt hat, weil ihm Zweifel an den offiziellen Ermittlungen zum Kölner Nagelbombenattentat des NSU gekommen waren, wissen wir aus einer früheren Episode. Warum er jedoch persönlich derart involviert ist, dass es selbst seinen engsten Mitstreitern – abermals die rotzig-rührende Hackerin Olga (Birgit Minichmayr), daneben der LKA-Mitarbeiter Marius Brauer (Tom Wlaschiha) – obsessiv vorkommt, erklärt sich auch diesmal nicht. Überhaupt interessiert sich der Film für seine Figuren weit weniger als für die Aktenlage, so dass wir auf die Motorrad-Action und die Kabbeleien früherer Ausgaben verzichten müssen zugunsten einer Talking-Heads-Regie, die nur unterbrochen wird für Schwarzweißszenen, die den imaginierten Tathergang von Eisenach zeigen.

          Mit Verschwörungstheorien hat die Hackerin Olga (Birgit Minichmayr) kein Problem.
          Mit Verschwörungstheorien hat die Hackerin Olga (Birgit Minichmayr) kein Problem. : Bild: ZDF und Julia Terjung

          Auf der Seite des BKA sind wieder Dr. Müller (Rainer Bock) und Schneiderhahn (Götz Schubert) zu sehen, die sich mehr als verdächtig verhalten. Um die Verschwörungstheorie zu untermauern, muss Denglers ehemaliger Chef (Jürgen Prochnow) Dinge sagen wie: „Es gibt mehr Nazis in diesem Land, als man wahrhaben will. Dahinter steht ein starker politischer Wille.“ Er bringt die These ins Spiel, der NSU könnte Teil des V-Männer-Netzwerks des Verfassungsschutzes gewesen sein. Das alles ist hochpolitisch. Inszeniert aber wird es geheimnislos, wirkt oft geradezu aufgesagt.

          Wenn sich ein Film dermaßen auf eine schrille Vermutung zur Realgeschichte verlässt, ist es ruinös, wenn diese nicht haltbar ist. Ein gutes Jahr nach dem Erscheinen von Schorlaus Buch, in dem die Verschwörung ein noch viel größeres Ausmaß besitzt und wie ein schlechter Russenfilm in die amerikanische Botschaft führt, hat der NSU-Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags die beiden darin breit diskutierten Mordindizien zurückgewiesen. Dass sich keine Rußpartikel in Mundlos’ Lunge fanden, muss keineswegs bedeuten, dass er das Feuer im Wohnwagen nach den Schüssen auf Böhnhardt nicht selbst gelegt haben kann. Und die vermeintlich fehlende Gehirnmasse, die auf eine Exekution an anderem Ort hinweisen soll, wurde auf Fotos dann doch noch entdeckt.

          Fernsehtrailer : „Dengler – die schützende Hand“

          Dass Polizei und Verfassungsschutz im Fall der unfassbar schlampigen oder bewusst verschleppten NSU-Ermittlungen auch ohne Doppelmordhypothese schlecht dastehen, ist eine ganz andere Sache. Der Film hingegen krabbelt schließlich unwürdig aus dem angerichteten Schlamassel heraus und gibt uns dann doch – ähnlich wie Graf, aber noch unmotivierter – eine letzte Kopfnuss in Sachen reißerischer Systemkritik mit. Der nächste „Dengler“ wird hoffentlich wieder offener und spannender.

          Dengler – Die schützende Hand, heute, Montag 6. November, um 20.15 Uhr im ZDF.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Im Rennen um einen Oscar Video-Seite öffnen

          Fatih Akins „Aus dem Nichts“ : Im Rennen um einen Oscar

          Die Wut über den NSU-Skandal inspirierte den Regisseur und Autor zu seinem jüngsten Film. In der Hauptrolle: Diane Kruger. Premiere feierte der Film auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes, jetzt wird er von Deutschland als Beitrag für den besten ausländischen Film bei den „Academy Awards“ ins Rennen geschickt.

          Topmeldungen

          Unruhe bei Sozialdemokraten : Was will die SPD?

          Bloß keine Neuwahlen! Und bloß keine Große Koalition! Die SPD trägt ihren inneren Konflikt zur eigenen Zukunft mittlerweile offen aus.Parteichef Schulz steht bereits unter Beschuss. Wie viel Unterstützung hat er noch?
          Grau in grau - der November ist nicht leicht zu ertragen.

          Dunkle Jahreszeit : Novemberblues

          Da können wir unsere Städte noch so hell beleuchten – der menschliche Biorhythmus richtet sich weiter nach der Sonne. Dabei führte wärmeres Klima vor 8000 Jahren zu einer Erfindung, die heute so Manchem über den Winter hilft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.