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Fernsehfilm „Warschau ’44“ : Polen antwortet auf „Unsere Mütter, unsere Väter“

Der Aufständische Stefan (Józef Pawlowlsi) hat alles verloren. Er will nur noch überleben. Bild: ZDF

Sie zogen für die Freiheit in den Untergang. „Warschau ‘44“ zeigt den Warschauer Aufstand als Geschichte einer Gruppe von Freunden: die wuchtige Inszenierung eines nationalen Traumas.

          Zweimal sehen wir die beiden, zitternd dem Wasser entstiegen, auf einer Sandbank mitten in der Weichsel. Beim ersten Mal gleißt die Sonne alle Farben matt, Stefan (Joséf Pawlowski) und Ala (Zofia Wichlacz) sind kein Paar, vielleicht werden sie eines. Sie sind jung, keine zwanzig. Das Leben ist eine Verheißung, am Ufer juchzen die Freunde. Beim zweiten Mal haben die beiden sich nachts auf die Insel gerettet. Warschau brennt, Feuerschein leckt über ihre Gesichter. Vielleicht sind sie kein Paar mehr oder doch, das erscheint nicht mehr so wichtig. Sie haben eine Höllenfahrt hinter sich, und das Grauen ist noch nicht zu Ende. Der Fluss hat sich in den Styx verwandelt, am Ufer liegt die Stadt der Toten.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          200.000 Tote forderte der Warschauer Aufstand unter den Bewohnern. Die 63Tage andauernde Erhebung der Polnischen Heimatarmee gegen die deutsche Besatzung, die außerhalb Polens immer noch häufig mit dem Warschauer Getto-Aufstand verwechselt wird, endete vernichtend und zählt zu den schwersten Traumata der polnischen Geschichte. Von den westlichen Alliierten kam keine Hilfe, und die russischen Truppen, die kurz vor Warschau lagen, ließen die Deutschen ihr Werk tun. 71Jahre nach dem Beginn des Aufstands sendet das Zweite einen Film, der jedem Zuschauer klarmachen muss, was das hier Verhandelte für die Menschen in unserem Nachbarland bedeutet – und warum sie so sensibel auf das „Unsere Mütter, unsere Väter“ reagierten, Nico Hofmanns Weltkriegsepos für das ZDF, das 2013 auch im polnischen Fernsehen gezeigt wurde.

          Antworten im Sekundentakt

          „Warschau ’44“ ist gewissermaßen die Antwort auf den deutschen Dreiteiler. Hier wie dort folgt der Zuschauer einer Gruppe junger Leute in den Kampf und sieht die Vernichtung – auch die seelische – mit einer schonungslosen Bildgewalt inszeniert, die die amerikanischen Vorbilder wie „Band of Brothers“ übertreffen und eine neue Generation erreichen will. Hier wie dort erleben wir aus der Perspektive der Protagonisten, wie die entfesselte Gewalt binnen Tagen alle Refugien der Menschlichkeit auslöscht. Doch „Unsere Mütter, unsere Väter“ blickte aus den Augen innerlich zerrissener Deutscher auf die Verbrechen, die sie begehen. Dafür zeigte man in Polen Verständnis. Befremden löste dagegen aus, dass die ZDF-Produktion mehrere polnische Partisanen als Antisemiten zeichnete. Das wirke, als sei die Untergrundarmee Gehilfin der Vernichtungspolitik gewesen, lautete der Vorwurf, obwohl die Aufständischen durchaus differenziert gezeigt wurden.

          In „Warschau ’44“ befreit die Heimatarmee bei ihrem ersten Einsatz jüdische Gefangene. Zwischentönen und zwiespältigen Charakteren gibt der 1981 geborene Regisseur Jan Komasa, der auch das Drehbuch für seinen knapp zweistündigen Kinofilm „Warschau ’44“ geschrieben hat, gleichwohl immer wieder Raum. Er streift Verbände der Heimatarmee, die laut über eine Kollaboration mit der Wehrmacht nachdenken, und stellt egoistischen Überlebenswillen und Verantwortungsgefühl für die Sache einander gegenüber, ohne zu urteilen. Komasa zeigt seine Helden auch als von begründeter Rachelust überwältigte Mörder. Wir sehen Erschießungskommandos der Waffen-SS, wir sehen, wie Deutsche die Mutter und den kleinen Bruder Stefans, der die eigentliche Hauptfigur ist, ermorden, und schauen auf Berge von Leichen. „Woher der Hass in diesem Blick?“, fragt ein Deutscher Stefan voller Zynismus. Die Antwort gibt „Warschau ’44“ im Sekundentakt und lässt einen der Partisanen den Besatzern prophezeien: „Das wird euch die Welt niemals verzeihen.“ Doch es treten auch „gute Deutsche“ auf, was in diesem Fall heißt: solche, die den einen oder anderen davonkommen lassen, bevor sie den nächsten massakrieren.

          Eine allzu heile Welt im Untergrund

          Das Anliegen des Regisseurs besteht jedoch unmissverständlich darin, der Polnischen Heimatarmee ein Denkmal zu setzen. Er tut das unter Einsatz aller filmischen Überwältigungsstrategien: mit einer Ausstattung und Kulissen, die ihresgleichen suchen („Warschau ’44“ ist der teuerste polnische Film aller Zeiten), Spezialeffekten und einer Kameraarbeit (Marian Prokop), die jedem Actionfilm Ehre machen würde, mit Totalen, extremen Nahaufnahmen und Superzeitlupen, in denen Charaktere schwebend zu Denkmälern gefrieren. Wenn dazu Techno-Beats pulsen und Geschosse funkelnd in der Luft schweben, erinnert das an Szenen aus „Matrix“.

          „Warschau ’44“ ist ein Heldenepos und ein melodramatischer Liebesfilm, in dem Häuserkämpfe mit Tango, Schlager oder einem Requiem unterlegt werden, und scheut weder Pathos noch Kitsch. Im Gegenteil, er schwelgt zuweilen darin. Mitten im Kugelhagel scheint die Zeit stillzustehen, als Ala und Stefan einander zum ersten Mal küssen. In solchen Momenten kann man jede Hoffnung verlieren, die man in diesen Film gesetzt hat. Die erste halbe Stunde ist satt an Lieblichkeiten, die eine allzu heile Welt heraufbeschwören, die Kleidung, die Frisuren, der Lippenstift, der Nagellack. „Wir im Untergrund haben die schönsten Mädchen“, heißt es, und es stimmt.

          Aber am Balkon baumeln die Erhängten. Wie anders als garniert mit Besänftigungen inklusive einer Dreiecksgeschichte, fragt man sich mit jeder verstreichenden Minute, hätte dieses Pandämonium der Gewalt ein breites Publikum finden sollen? Haften bleiben ohnehin die schrecklichsten Bilder. Nach der Explosion eines Panzers regnet es Blut und Körperteile. Die Charaktere – noch halbe Kinder, die sich erst auf einem Abenteuerspielplatz wähnen – hören bald fast auf zu sprechen und ziehen ihre Bahnen fast blicklos durch den Schrecken. Das ist eindrucksvoll gespielt. Wir erfahren nicht allzu viel über die Figuren und auch nichts über viele Einzelheiten des Aufstands. Doch davon, was Polen vor Augen steht, wenn sie an den Zweiten Weltkrieg denken, erfahren wir eine Menge. Allein deshalb lohnt sich schon das Zusehen.

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