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TV-Kritik: Maybrit Illner : Auf den Schock ist niemand vorbereitet

  • -Aktualisiert am

ZDF-Moderatorin Maybrit Illner Bild: ZDF und Svea Pietschmann

Was passiert, wenn Marine Le Pen entgegen aller Prognosen Frankreichs Präsidentin wird? Maybrit Illners Gäste scheinen diesen Ausgang für unwahrscheinlich zu halten. Die Situation erinnert an die falschen Vorhersagen zum Brexit-Referendum.

          Mit Bruno Le Maire saß ein französischer Politiker im Fernsehstudio von Maybrit Illner, der über seine Zeit als Landwirtschaftsminister in Nicolas Sarkozys Regierung ein sehr lesenswertes Buch geschrieben hat: „Jours De Pouvoir“, Tage der Macht. Darin beschreibt er, auf dem Höhepunkt der Eurokrise, einen deutsch-französischen Gipfel in Freiburg, bei dem Präsident Sarkozy zum Auftakt eine große Rede hält, auf die Kanzlerin Angela Merkel so gut wie gar nicht eingeht und stattdessen Wolfgang Schäuble das Wort erteilt. Es ist ein kurzes Kapitel der deutsch-französischen Beziehungen, das für Macron und Merkel die Lektion bereit hält, die symbolische Seite der Beziehungen zwischen beiden Ländern besser zu verstehen. Macron braucht den guten Willen einer parlamentarischen Mehrheit in der nächsten Nationalversammlung und in der EU. Sein Scheitern hätte 2022 so gut wie sicher einen Sieg des Front National zur Folge. Ein Sieg Macrons stünde für ein letztes Mal gekaufter Zeit, politische Versäumnisse in der europäischen Politik zu beheben. Mit Verve warb die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot dafür, diese Chance für einen demokratischen Neuanfang der EU zu nutzen.

          Prinzip Hoffnung

          Die Prognosen der Frankreich-Kenner Theo Koll und Peter Altmaier wirken zu routiniert, erinnern zu sehr an die optimistischen Prognosen zum Ausgang des Brexit-Referendums und der amerikanischen Wahlen. Sie blenden die Erinnerung an das gescheiterte französische Referendum über den Europäischen Verfassungsvertrag aus. Sie unterschätzen den Einfluss des schönen Wetters und eines verlängerten Wochenendes für die Wahlbeteiligung. Sie scheinen entschlossen dazu, die Veto-Positionen in der französischen Politik zu ignorieren, was Katja Kipping nicht daran hindert, diejenigen zu ermuntern, für Macron zu stimmen, die schon angekündigt haben, seine Reformpläne zu blockieren. Warum sollten die Franzosen nach zwei verlorenen Präsidentschaften sehenden Auges für eine ungewisse dritte stimmen?

          Gastgeberin Illner schob diese Zweifel beiseite und setzte in ihrer Runde gänzlich auf das Prinzip Hoffnung. Warum sagte weder Bruno Le Maire noch Theo Koll etwas über den gaullistischen Überläufer Nicolas Dupont-Aignan, der als Le Pens Kandidat für das Amt des Premierministers gehandelt wird? Le Maire argumentiert vorsichtiger als Koll. Das Rennen sei nicht gelaufen. Er betrachtet die Debatte zwischen Le Pen und Macron als riesige Enttäuschung. Frau Guérot erinnert daran, dass der linke Kandidat Mélenchon bei den bis zu 25 Jahre jungen Wählern vorne liege, Frau Le Pen bei den 25- bis 35-Jährigen. Die französische Jugend votiere in der Mehrheit nicht für Macron. Peter Altmaiers Hoffnung auf einen Sieg Macrons klingt wie Pfeifen auf dem Weg in den Keller der europäischen Geschichte. Ein Votum für das kleinere Übel übersieht den Verdruss, den zwei gescheiterte kleinere Übel seit 2007 bewirkt haben.

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