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TV-Kritik „Anne Will“ : Nazis sind immer die Anderen

Ministertreffen bei Anne Will: Eingeladen sind der deutsche Kanzleramtsminister Peter Altmaier (links) und der türkische Minister für Jugend und Sport, Akif Cagatay Kilic. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Bei Anne Will trifft Kanzleramtschef Altmaier auf den türkischen Jugendminister. Der tut so, als sei Erdogan ein echter Demokrat und der Nazi-Vorwurf gegen Deutschland und die Niederlande ganz okay. Ein denkwürdiger Abend.

          Die Talkshow von Anne Will im ersten Programm der ARD hat inzwischen einen Sonderstatus, für den der richtige Begriff noch nicht gefunden ist. Eine Talkshow im eigentlichen Sinne, in der widerstreitend diskutiert wird, ist sie an manchen Tagen, an anderen ist sie eine Plattform für die Bundeskanzlerin oder für den Kanzlerkandidaten der SPD.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          An diesem Abend ist sie, so wird es der Presse gegenüber annonciert, ein „Ministertreffen“. Eingeladen sind der deutsche Kanzleramtsminister Peter Altmaier und der türkische Minister für Jugend und Sport, Akif Cagatay Kilic. Das ist vor dem Hintergrund stattgefundener oder verhinderter Wahlkampfauftritte türkische Politiker in verschiedenen europäischen Ländern schon einmal bemerkenswert. Ein türkischer Minister redet eine Stunde lang live zur besten Sendezeit im ersten deutschen Fernsehen.

          Ist das nicht eine Pointe? Wo in diesem Land doch angeblich „Nazi-Methoden“ die Regel sind, also die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, gerade gegenüber türkischen Regierungspolitikern? Da sitzt der Minister also als Dementi seiner selbst: Er ist da und kann frei reden. Was bedeutet, dass er in freundlichen Worten wiederholt, was der türkische Präsident oder der Außenminister in den vergangenen Tagen eher geifernd von sich gegeben haben.

          Da stellen wir mal eine „konstruktive Frage“

          Doch die Sendung von Anne Will soll nicht nur ein „Ministertreffen“, sie will noch etwas anderes sein – ein Beispiel für „konstruktiven Journalismus“, für einen Journalismus, der nicht nur Kontroversen abbildet, sondern nach Lösungen, nach dem Positiven sucht.

          Also lautet die Leitfrage von Anne Will nicht, was in den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und einige seiner Minister gefahren ist, Deutschland „Nazi-Methoden“ anzukreiden und mit hetzerischer Rhetorik durch Europa zu ziehen, sondern: „Welcher Weg führt aus der Krise mit der Türkei?“

          Man habe sich „für eine bewusst konstruktive Frage entschieden“, sagt Anne Will und leistet sich einen Freudschen Versprecher, der andeutet, wie anspruchsvoll das in diesem Fall ist: Statt „Krise“ rutscht ihr das Wort „Kriege“ heraus. Angesichts der Ausfälle türkischer Regierungspolitiker, die jedes Maß verloren haben, erscheint das nur zu verständlich.

          Die Grundfrage aber ist nun denkbar neutral formuliert und gibt Akif Cagatay Kilic zunächst einmal die Gelegenheit, auf die „alten und sehr tiefen“ Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei hinzuweisen, auf fünfzig Jahre Einwanderungsgeschichte und die mehr als drei Millionen Türken und türkischstämmigen Deutschen in der Bundesrepublik. Er selbst ist für diese enge Bindung das beste Beispiel. Kilic ist geboren in Nordrhein-Westfalen, im Alter von zehn Jahren kehrte er mit seiner Familie in die Türkei zurück, er kennt beide Länder bestens und ist Erdogans erster Übersetzer ins Deutsche. Es gebe viele Brücken zwischen den beiden Ländern, sagt Kilic, so, als sei nichts geschehen und kein Wässerchen getrübt.

          Altmaier spricht niederländisch

          So wie er von Türkischen ins Deutsche und zurück wechselt – je nachdem, für welches Publikum seine Aussagen eher gedacht sind – verblüfft sein Gegenüber Peter Altmaier, den wir noch nie so souverän wie an diesem Abend im Fernsehen erlebt haben, mit einem souveränen Ausflug ins Niederländische. Denn so heimelig und harmlos, wie Kilic es anlegt, will es Altmaier denn doch nicht haben. Dass Vertreter der türkischen Regierung auch den Niederlanden, die unter der deutschen Besatzung und der NS-Zeit gelitten haben, „Nazi-Methoden“ vorhalten, findet er unerträglich. „Diese Vergleiche müssen aufhören“, sagt Altmaier – zuerst auf Niederländisch und dann auf Deutsch.

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