http://www.faz.net/-gsb-9137b

TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Rhetorisches Muskelspiel

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner (Mitte) diskutiert in ihrer Sendung mit Hasnain Kazim, Sabahattin Cakiral,Norbert Röttgen, Seyran Ates und Ahmet Toprak (von links). Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Der türkische Präsident rät seinen Landsleuten davon ab, die Union, die SPD oder die Grünen zu wählen. Diese Parteien seien Feinde der Türkei. Maybrit Illners Gäste sehen das – mit einer Ausnahme – anders.

          Wieder einmal setzt Frau Illner nach Ende der Sommerpause das Thema Türkei auf ihre Tagesordnung. Keine politische Talkshow hat so oft wie ihre über die politische Entwicklung in der Türkei und die deutsch-türkischen Beziehungen geredet. Das führt zu einer geschmeidigen Routine, zumal für den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag: Norbert Röttgen wagt sich stärker aus der Deckung, obschon auch die Bundeskanzlerin scharfe Kritik am türkischen Präsidenten geübt hat.

          Ist das nur Getöse im Wahlkampf? Das ist kaum zu erwarten. Die Inhaftierung von deutschen Journalisten und Interpol-Haftbefehle gegen einen deutschen Staatsbürger sind eine Eskalation, die niemand auf die leichte Schulter nimmt. Nur wie ist darauf zu antworten? Ändern die Reaktionen etwas an den strategischen Interessen Deutschlands und der Türkei? Oder läuft hinter der Kulisse des Streites das politische Geschäft einfach weiter?

          Die Moderatorin klingt an diesem Abend wie eine politische Akteurin, als verfolge sie eine eigene Agenda. Danach seien schärfere Töne gegen Präsident Erdogan längst nötig gewesen. Warum hat sie dann mit Sabahattin Cakiral, dem frisch ins Amt berufenen Generalsekretär der BIG-Partei, einen Proporz-Vertreter der Erdogan-Anhänger ins Studio eingeladen? Cakiral verteidigt Erdogans Einmischung in den deutschen Wahlkampf als Antwort auf die deutsche Einmischung in die Abstimmung über das türkische Verfassungsreferendum.

          Türkischstämmige Wahlberechtigte haben Interessen

          Der Politikwissenschaftler Ahmet Toprak würdigt Erdogans Intervention als Demonstration seiner Macht. Sie reiche nur nicht so weit, dass sie die politischen Präferenzen der wahlberechtigten und eingebürgerten türkischstämmigen Wähler tatsächlich ändern werde. Der Spiegel-Korrespondent Hasnain Kazim, der seiner Aufgabe nur noch von Wien aus nachgehen kann, versteht nicht, warum die Bundesregierung sich nicht schärfer gegen Erdogan positioniere. Etwas anderes als Kraftmeierei verstehe Erdogan nicht. Röttgen gefällt sich in der rhetorischen Pose eines römischen Senators und wiederholt zum x-ten Mal, dass die EU-Beitrittsverhandlungen beendet werden sollten.

          Das wirkt angesichts der Frage, was damit tatsächlich bewirkt werden könnte, erstaunlich substanzlos. Natürlich waren alle schockiert darüber, dass ein Interpol-Haftbefehl gegen Dogan Akhanli seit 2013 in Europa kursiert, ohne dass deutsche Behörden den Kölner Autor darüber informiert haben. Warum kam es zwischen den europäischen Polizeibehörden nicht längst zu der Verabredung, politisch motivierte Verfolgung von Regimegegnern nicht zum Gegenstand europäischer Haftbefehle werden zu lassen? Zudem stellt sich die Frage, wer den spanischen Behörden den Tipp gegeben hat und warum sie ihn befolgt haben. Die Festnahme in Spanien ist mehr als nur eine Panne.

          Seyran Ates berichtet von 1.500 türkischen Reisepässen, die Interpol als gestohlen gemeldet wurden, was Mandanten ihrer Kanzlei Probleme bereitet. Ihre durchaus nicht gestohlenen Pässe werden von den Vereinigten Staaten wegen der Interpol-Meldung nicht als Reisepapiere anerkannt,

          Weitere Themen

          Warum sind Atatürks Enkel so wütend?

          Zur Lage in der Türkei : Warum sind Atatürks Enkel so wütend?

          Der Journalist Baha Güngör hat ein Buch über die Türkei geschrieben. Er will Verständnis für die Entwicklung des Landes schaffen. Wie erklärt der einstige Redaktionsleiter bei der Deutschen Welle das Phänomen Erdogan?

          Netanjahu greift Erdogan an Video-Seite öffnen

          Konflikte um Jerusalem : Netanjahu greift Erdogan an

          Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat Israel als "terroristischen Staat" bezeichnet, der "Kinder tötet". Israels Premierminister Benjamin Netanjahu reagiert bei einem Treffen mit dem französischen Präsidenten in Paris deutlich auf Erdogans Vorwürfe und greift ihn direkt an.

          „Jamaika“-Kompromisse nicht Verhandlungsgrundlage Video-Seite öffnen

          Maybrit Illner : „Jamaika“-Kompromisse nicht Verhandlungsgrundlage

          SPD-Vize Manuela Schwesig zweifelt an der Zukunftsfähigkeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Schwesig sagte am Donnerstag in der ZDF-Sendung „maybrit illner“: „Dieses Land braucht Führung.“ Die Bürger vermissten jemanden, der ihnen sage, wie es in den nächsten fünf bis zehn Jahren weiter geht in Deutschland, Europa und der Welt.

          Topmeldungen

          Roy Moore : Missbrauchsvorwürfe? Und wenn schon!

          Roy Moore will heute gegen den Willen des republikanischen Establishments Senator von Alabama werden. Der Missbrauchsskandal hat ihm geschadet, trotzdem hat er gute Chancen die Wahl zu gewinnen – auch weil eine Wählergruppe zu ihm hält, von der man es nicht erwartet hätte.

          Antisemitismus in Deutschland : Judenhass

          Die antisemitischen Hassausbrüche in ganz Europa sprechen für sich. Mit Kritik an Israel und Donald Trump haben sie nichts mehr zu tun. Das haben allerdings immer noch nicht alle verstanden.
          Ein ICE 3 auf der neuen Strecke Berlin-München

          Zugausfälle wegen ETCS : Chaos mit vier Buchstaben

          Eine neue Technologie namens ETCS soll einen Flickenteppich von Systemen ersetzen. FAZ.NET erklärt, wie sie funktioniert und warum sie im Moment Zugausfälle verursacht.

          Selbstfahrende Autos : Elon Musk kommt zu spät

          2018 würden Autos sich selbst steuern, sagte Elon Musk. Jetzt muss er diese Prognose zurücknehmen. Sein neues Zieldatum ist aber auch schon bald.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.