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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Rhetorisches Muskelspiel

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Maybrit Illner (Mitte) diskutiert in ihrer Sendung mit Hasnain Kazim, Sabahattin Cakiral,Norbert Röttgen, Seyran Ates und Ahmet Toprak (von links). Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Der türkische Präsident rät seinen Landsleuten davon ab, die Union, die SPD oder die Grünen zu wählen. Diese Parteien seien Feinde der Türkei. Maybrit Illners Gäste sehen das – mit einer Ausnahme – anders.

          Wieder einmal setzt Frau Illner nach Ende der Sommerpause das Thema Türkei auf ihre Tagesordnung. Keine politische Talkshow hat so oft wie ihre über die politische Entwicklung in der Türkei und die deutsch-türkischen Beziehungen geredet. Das führt zu einer geschmeidigen Routine, zumal für den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag: Norbert Röttgen wagt sich stärker aus der Deckung, obschon auch die Bundeskanzlerin scharfe Kritik am türkischen Präsidenten geübt hat.

          Ist das nur Getöse im Wahlkampf? Das ist kaum zu erwarten. Die Inhaftierung von deutschen Journalisten und Interpol-Haftbefehle gegen einen deutschen Staatsbürger sind eine Eskalation, die niemand auf die leichte Schulter nimmt. Nur wie ist darauf zu antworten? Ändern die Reaktionen etwas an den strategischen Interessen Deutschlands und der Türkei? Oder läuft hinter der Kulisse des Streites das politische Geschäft einfach weiter?

          Die Moderatorin klingt an diesem Abend wie eine politische Akteurin, als verfolge sie eine eigene Agenda. Danach seien schärfere Töne gegen Präsident Erdogan längst nötig gewesen. Warum hat sie dann mit Sabahattin Cakiral, dem frisch ins Amt berufenen Generalsekretär der BIG-Partei, einen Proporz-Vertreter der Erdogan-Anhänger ins Studio eingeladen? Cakiral verteidigt Erdogans Einmischung in den deutschen Wahlkampf als Antwort auf die deutsche Einmischung in die Abstimmung über das türkische Verfassungsreferendum.

          Türkischstämmige Wahlberechtigte haben Interessen

          Der Politikwissenschaftler Ahmet Toprak würdigt Erdogans Intervention als Demonstration seiner Macht. Sie reiche nur nicht so weit, dass sie die politischen Präferenzen der wahlberechtigten und eingebürgerten türkischstämmigen Wähler tatsächlich ändern werde. Der Spiegel-Korrespondent Hasnain Kazim, der seiner Aufgabe nur noch von Wien aus nachgehen kann, versteht nicht, warum die Bundesregierung sich nicht schärfer gegen Erdogan positioniere. Etwas anderes als Kraftmeierei verstehe Erdogan nicht. Röttgen gefällt sich in der rhetorischen Pose eines römischen Senators und wiederholt zum x-ten Mal, dass die EU-Beitrittsverhandlungen beendet werden sollten.

          Das wirkt angesichts der Frage, was damit tatsächlich bewirkt werden könnte, erstaunlich substanzlos. Natürlich waren alle schockiert darüber, dass ein Interpol-Haftbefehl gegen Dogan Akhanli seit 2013 in Europa kursiert, ohne dass deutsche Behörden den Kölner Autor darüber informiert haben. Warum kam es zwischen den europäischen Polizeibehörden nicht längst zu der Verabredung, politisch motivierte Verfolgung von Regimegegnern nicht zum Gegenstand europäischer Haftbefehle werden zu lassen? Zudem stellt sich die Frage, wer den spanischen Behörden den Tipp gegeben hat und warum sie ihn befolgt haben. Die Festnahme in Spanien ist mehr als nur eine Panne.

          Seyran Ates berichtet von 1.500 türkischen Reisepässen, die Interpol als gestohlen gemeldet wurden, was Mandanten ihrer Kanzlei Probleme bereitet. Ihre durchaus nicht gestohlenen Pässe werden von den Vereinigten Staaten wegen der Interpol-Meldung nicht als Reisepapiere anerkannt,

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