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TV-Kritik: Maischberger : Warum „Xavier“ nichts mit dem Klimawandel zu tun hat

  • -Aktualisiert am

Klimawandel-Debatte bei Sandra Maischberger Bild: WDR/Max Kohr

Sandra Maischberger diskutiert über den Klimawandel. Jörg Kachelmann widerspricht einem verbreiteten Mythos. Und ausgerechnet ein Politiker der Grünen hat ein Problem mit der Debatte.

          Wie sie es auch machen, sie machen es verkehrt. So gehört es zum Diskurs über den öffentlichen Diskurs besorgter Bürger, die Talkshows für ihre recht beschränkte Themenauswahl zu schelten. Immer nur Flüchtlinge und innere Sicherheit anstatt sich mit den Menschheitsthemen zu beschäftigen. Es wird zumeist der Klimawandel genannt. Gestern Abend war es soweit: Frau Maischberger diskutierte darüber – und jetzt war es auch schon wieder verkehrt. Der Europapolitiker und Finanzmarktexperte Sven Giegold (Grüne) drückte das noch vor Ausstrahlung der Sendung auf Twitter so aus: „Ich glaube, es hackt! 97 Prozent der Forscher halten den Klimawandel für menschengemacht. Trotzdem sitzt bei Maischberger heute ein Klimaskeptiker.“

          Er meinte damit Alex Reichmuth, Wissenschaftsjournalist bei der Schweizer „Weltwoche“. Nun haben vor der Finanzkrise des Jahres 2008 wahrscheinlich sogar 99 Prozent aller Forscher den systemischen Zusammenbruch des Finanzkapitalismus für ausgeschlossen gehalten. Er passierte trotzdem. Im wissenschaftlichen Diskurs zählt dummerweise das Argument, und nicht die Mehrheitsmeinung.

          Herrschaft des eigenen Diskurses

          Der Tweet Giegolds brachte eine Mentalität gut zum Ausdruck. Die früheren Anhänger des herrschaftsfreien Diskurses halten mittlerweile die Herrschaft des eigenen Diskurses für die einzige akzeptable Debatte. Kurioserweise vergessen die Giegolds damit die eigene Geschichte. So hielt in den 1970er Jahren die überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler und Ingenieure die Kritik der Ökologiebewegung an der Atomenergie für schlichten Unfug. Wer es von denen wagte, aus diesen Konsens auszubrechen, gefährdete seine Reputation und berufliche Zukunft. Die herrschende Meinung kann in der Beziehung unerbittlich sein. Es waren übrigens vor allem die Medien, die diesen Außenseitern eine Plattform boten.

          So kam gestern Abend besagter Reichmuth zu Wort, ohne dass allerdings gleich der Diskurs vor Entsetzen in sich zusammenbrach. Schließlich war mit Hans Joachim Schellnhuber einer der renommiertesten Vertreter der erwähnten 97 Prozent zu Gast. Schellnhuber gilt als einer der Erfinder des Zwei-Grad-Ziels in der weltweiten Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes. Außerdem noch mit Bärbel Höhn eine Parteifreundin Giegolds, die in Nordrhein-Westfalen von 1995 bis 2005 als Umweltministerin amtierte. Reichmuth werde gerne in Talkshows eingeladen, weil er „extreme Meinungen“ vertrete, so Höhn. So müsste man sich mit ihm beschäftigen anstatt mit der Bekämpfung des Klimawandels. Reichmuth entsprach Höhns Erwartungen. Er stellte sich nicht nur als „Klimaskeptiker“, sondern sogar als „Klimaleugner“ vor. So waren die Fronten rechtzeitig geklärt.

          Reichmuth hantierte mit einem Standardargument aus der wissenschaftstheoretischen Trickkiste. Das Klima wäre viel zu komplex, um den menschlichen Anteil am Klimawandel hinreichend zu bestimmen, so sein Argument. Das lässt sich allerdings über jede Form der Wissenschaft sagen. Sie verkündet schließlich keine ewigen Wahrheiten, sondern ist eine Methode, um alle möglichen Phänomene plausibel zu erklären. Die sich daraus ergebenden Erkenntnisse gelten solange bis eine bessere Erklärung vorgelegt wird. Reichmuth hat in der Hinsicht schlicht nichts anzubieten, außer seine Skepsis. In der Beziehung hatte Frau Höhn über die Klimaskeptiker einen passenden Einwand zu bieten. Diese kommen im „wissenschaftlichen Diskurs“ nicht durch. Sie artikulieren tatsächlich zumeist nur eine vulgäre Variante der Wissenschaftskritik.

          Auf Selbstmordkurs

          Nur geht es in der Debatte um den Klimawandel gar nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern um Politik. Und hier hat die Klimaforschung als politisches Projekt ein zentrales Problem. Sie fordert nämlich grundlegende Veränderungen in unserem Verhalten. Das betrifft praktisch alle Bereiche unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Die Wissenschaft soll diese Veränderungen legitimieren. Das bedeutet weniger Auto zu fahren, weniger Fleisch zu essen oder unser Landschaftsbild durch Windräder zu verschönern. Frau Maischberger zitierte sogar eine schwedische Studie von Klimaforschern, die ernsthaft die chinesische Ein-Kind-Politik als Reaktion auf den Klimawandel propagiert.

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