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Veröffentlicht: 16.03.2017, 17:44 Uhr

ARD-Reihe „Kommissar Pascha“ Dieser echte Bayer kommt vom Bosporus

Ein deutsch-türkischer Fernsehermittler pfeift auf die Politik und führt vor, wie das mit dem Zusammenleben klappt: „Kommissar Pascha“ bietet famose Unterhaltung mit Esprit, und das sogar bei der ARD.

von Oliver Jungen
© ARD Degeto/BR/TV 60/Hendrik Heid Kommissar Zeki Demirbilek (Tim Seyfi) steht mit beiden Beinen auf dem Boden der Isar. Allerdings ist er nicht zum Vergnügen hier, irgendwo liegt schon eine Leiche.

Nicht erst seit Angela Merkel mit Hitlerbärtchen durch gelenkte türkische Medien geistert und der Journalist Deniz Yücel hinter osmanischen Gardinen sitzt, weiß man: Präsident Erdogans Alleinherrscher-Träume vergiften auch das gesellschaftliche Klima in Deutschland. Jetzt schlägt die ARD zurück – mit gnadenloser Harmonie. Dabei sieht es, was das deutsch-türkische Zusammenleben angeht, zunächst gar nicht so gut aus. Der erste Auftritt einer sogenannten Biodeutschen (erkennbar am kläffenden Leinenhund) gipfelt in der Forderung: „Alle verhaften, die Muslimisten!“

Aber Kommissar Zeki Demirbilek (Tim Seyfi), der Leiter der „für alles Tote, was nicht hiesig ist“, zuständigen „Migra-Abteilung“ der Münchner Polizei, ein fescher Frauenherzen-Eroberer, der sich einen hervorragenden Biergarten-Schweinsbraten nicht von seinem islamischen Glauben madig machen lässt, allerdings regelmäßig von einer hemdaufreißenden Istanbul-Sehnsucht gepackt wird, dieser fast schon überperfekt integrierte Bayer türkischer Abstammung also hat alles unter Kontrolle und befiehlt der Alten, die er „Sie depperte Nudel“ nennt, endlich „oa Ruh“ zu geben. Das wäre doch wirklich schön, wenn alle depperten Nudeln endlich Ruhe geben würden, gerade auch geifernde Möchtegern-Autokraten.

45323816 © ARD Degeto/BR/TV 60/Hendrik Heid Vergrößern Stoßen gemeinsam auf den ersten gelösten Fall an: (Von links) Zeki Demirbilek (Tim Seyfi), Pius Leipold (Michael A. Grimm), Isabel Vierkant (Theresa Hanich) und Jale Cengiz (Almila Bagriacik). Im Hintergrund telefoniert Zekis Tochter (Selen Savas).

Es geht allerdings kaum unpolitischer als in dieser ausgerechnet jetzt, auf dem Tiefpunkt der deutsch-türkischen Beziehungen anlaufenden Multikulti-Krimireihe nach Romanen von Su Turhan (Buch und Regie Sascha Bigler), die mit Humor aus der guten alten Klamottenkiste, unverfrorenem Vorurteile-Hopping und einem Protagonisten wie aus dem Herrenausstatter-Katalog – Markenzeichen: farblich stets passende Seidentücher – das Publikum bei seiner quotenstatistisch erwiesenen Sehnsucht nach seichten, amüsanten, flott erzählten Märchen mit exotischem Einschlag abholt.

Damit tritt der neuste deutsch-türkische Kommissar der ARD eher das Erbe von Kommissar Özakin (Erol Sander) aus der aufgrund der politischen Entwicklungen in der Türkei wohl kaum fortsetzbaren Orientalismus-Krimi-Soap „Mordkommission Istanbul“ an als das des bis heute vermissten, harten Undercover-Ermittlers Cenk Batu aus dem Hamburger „Tatort“, dessen Darsteller Mehmet Kurtulus im Jahre 2012 nach sechs nur mäßig erfolgreichen Folgen das Handtuch warf. Aber die sonnenüberflutete „Pascha“-Reihe hat doch mehr zu bieten als reine Wohlfühldramaturgie.

Glaubhaft trotz aller Karikierung

Zu Demirbileks „Migrantenbrigade“ gehören drei weitere fröhlich überzeichnete Charaktere: eine spröde, aber eifrige Kollegin mit dem schönen sprechenden Namen Isabel Vierkant (Theresa Hanich), zudem die in denkbar turbulenter Weise – eine oft gesehene Exposition – neu zur Abteilung gestoßene kesse Deutsch-Türkin Jale Cengiz (Almila Bagriacik) sowie der allem Dunkelhäutigen und ganz besonders dem Pascha-Kommissar („I trau koanem, der so mir nix dir nix die Sprache wechseln kann“) zutiefst abgeneigte, dann aber – Brüllerwitz – im „Türkenpuff“ erwischte und strafversetzte Urbayer Pius Leipold (Michael A. Grimm). Zwei Frauen, zwei Männer, zweimal Migrationshintergrund, zweimal ins Abstruse überdrehtes Teutonentum – mehr Proporz geht nicht. Alle aber spielen ihre Rollen mit solcher Hingabe, dass man selbst über die mitunter flachen Witze lachen kann. Die Beziehungen und Emotionen der vier Protagonisten wirken bei aller Karikierung erstaunlich glaubhaft: „Sag mal, baggert mich der Seppel gerade an?“ Und auch die Wechsel zwischen ironischen, melancholischen und rasanten Partien gelingen mühelos.

Nur der Fall ist ein wenig dünn. Er spielt im Dönermafia-Milieu und besteht auch sonst aus der Kumulation von Klischees. Im türkischen Hamam von Patriarchen sinister geschmiedete Ehen kommen vor, die islamische Hymen-Anbetung (bis hin zur Rekonstruktion), Ehrenmord (oder etwas Ähnliches), die Goldkettchen-Attitüde von Nachtclub-Betreibern („die Türkennummer“), ein skrupelloser Auftragskiller („Alles ist machbar, Efendi“) und sogar ein Sprengstoffgürtel, aber auch der hat nichts mit Islamismus zu tun. Doch Besserung ist in Sicht: Die nächste Episode, die von einem Brauereiverkauf mit Todesfolge ausgerechnet im Ramadan handelt, spielt zwar ebenfalls mit kulturellen Stereotypen, hat aber schon mehr narrative Konsistenz.

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In beiden Fällen geht es um familiäre Zwists und Wirtschaftskriminalität, nicht um Konflikte, die die deutsch-türkische Community gegenwärtig spalten. Das Politische derart auszublenden, um stattdessen mit Witz und Pfiff das Zusammenwachsen eines deutsch-türkischen Teams um einen Integrator mit Schlafzimmerblick und Sehnsucht nach seiner geschiedenen ersten Frau ins Zentrum zu stellen, das könnte man Eskapismus nennen. Es lässt sich aber durchaus auch programmatisch verstehen, als Ansage, sich nicht verrückt machen zu lassen. Die Schlussbilder, die ein idyllisches Postkarten-Istanbul zeigen, hätten dann sogar politische Aussagekraft, weil sie ganz naiv zeigen, wie schön es sein könnte in einer nicht mutwillig ins Fiasko gestürzten Türkei.

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