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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Der schockierende Alltag in deutschen Pflegeheimen

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg und seine Gäste Bild: ARD

Überfordertes Personal und vernachlässigte Patienten: Bei Plasberg berichteten Profis und Betroffene aus deutschen Pflegeheimen. Die Meinungen darüber, wie die Qualität verbessert werden kann, gehen weit auseinander.

          Alexander Jorde hat sich einen Namen gemacht, als er die Bundeskanzlerin in einer Wahlarena der ARD mit dem Pflegenotstand konfrontierte. Er ist noch Pflegeschüler und zeigt sich gut informiert über die Lage der Pflege in Skandinavien. Von skandinavischen Standards ist Deutschland weit entfernt. Jordes Auftritt hat ihm viel Zuspruch eingebracht. Merkels Versprechen, die Pflege zur Chefsache zu machen, nimmt er nicht ernst.

          Nachts allein verantwortlich für 50 Patienten

          Claudia Moll, mit Direktmandat für die SPD in den Bundestag gewählt, ist selbst examinierte Pflegefachkraft. Sie erzählt glaubhaft und anschaulich von der Überforderung, besonders bei Nacht- und Wochenenddiensten. Was ist davon zu halten, dass in einer Nachtschicht eine gelernte Pflegerin Verantwortung für bis zu 50 Pflegebedürftige trägt? Fehler sind programmiert. TV-Moderatorin Andrea Kaiser erzählt, ihrem dementen Vater habe man zwei Tage lang nicht das Gebiss eingesetzt.

          Stephan Baumann, Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Alten- und Behindertenhilfe e.V. und Mitgesellschafter mehrerer stationärer Pflegeeinrichtungen, kritisiert, dass sich die Situation der Pflege in den vergangenen 20 Jahren nicht verändert habe. Pflege leide darunter, dass sie keine Lobby habe. Das ist eine seltsame Aussage. Was macht sein eigener Verband, von den vielen frei-gemeinnützigen und privaten Trägern und ihren Verbänden ganz zu schweigen.

          Private Vorsorge unbeliebt

          Samuel Koch, durch einen Unfall bei „Wetten, dass?“ querschnittsgelähmt, fragt, wer von den Studiogästen pflegebedürftige Angehörige habe. Das sind mehr als zwei Drittel. Jochen Pimpertz, Gesundheitsökonom beim Institut der deutschen Wirtschaft, plädiert für mehr private Vorsorge und stößt damit bei Alexander Jorde auf scharfe Kritik. Wer fordert, dass die Finanzierungslasten anders verteilt werden müssen, lenkt rhetorisch von den entscheidenden Problemen ab. Vom Publikum in Plasbergs Studio hat kein einziger eine private Pflegeversicherung abgeschlossen.

          Tatsächlich ist der Pflegeschlüssel in Deutschland deutlich schlechter als in Norwegen. In einem deutschen Krankenhaus hat eine Pflegefachkraft nachts Verantwortung für bis zu 26 Patienten, in einem Pflegeheim für bis zu 52 Patienten. Finnland stecke drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Pflege. Das hieße auf Deutschland umgerechnet, dass die deutschen Ausgaben für die gesetzliche Pflegeversicherung von 29 Mrd. € im Jahr 2015 mehr als verdreifacht werden müssten.

          Notstand Norovirus

          Was passiert, wenn über Nacht ein ganzes Pflegeheim einschließlich des Personals vom Norovirus infiziert wird? Das will man so genau nicht wissen. Samuel Koch hat einen Teil seiner Rehabilitation in der Schweiz gemacht. Auch da war das Personal überfordert. Sein Glück sei es gewesen, dass seine Familie sich um seine Interessen gekümmert habe. Wenn die Babyboomer pflegebedürftig werden, erlebt das deutsche Pflegesystem ein Fiasko. Politische Prioritäten werden sich unter diesem Druck verändern, auch Koalitionsoptionen.

          Es gibt auch gute Beispiele wie eine Werbekampagne des Berliner Senats für die Berufsausbildung in der Pflege. Im Jahr 2014 stieg die Zahl der Auszubildenden infolge der Kampagne um 14,2 Prozent. Anschaulich erzählt MdB Moll von einem Spätdienst, bei dem sie einen Putzmann für einen herumlaufenden Patienten gehalten hatte und sich gefragt hatte, wie sie den ins Bett schaffen würde.

          Koch gewann zusätzliche Pflegehilfe mit einem Eintrag auf Facebook, mit dem er nach Leuten suchte, die seine Arme und Beine ersetzten. Viele hätten sich gemeldet, zwei Leute gehören nun zu seinem Team. Die Kosten werden nur teilweise von der Gesetzlichen Krankenversicherung übernommen, den Rest zahle er selbst.

          Viele Stellen unbesetzt, hohe Fluktuation

          Auf die bundesweite Lage hochgerechnet war die Berliner Kampagne ein Tropfen auf dem heißen Stein. 15.000 Pflegefachstellen sind unbesetzt. Gleichzeitig sind 29.000 Altenpflegehelfer arbeitslos gemeldet, weil jeder zweite Mitarbeiter eine examinierte Fachkraft sein müsse. MdB Moll will an diesem Schlüssel nichts ändern. Jorde berichtet zudem von der hohen Personalfluktuation in den Pflegeheimen.

          Offenbar haben an diesem Abend viele Praktiker zugeschaut. Sie plädieren für einen bundesweit einheitlichen Personalschlüssel, bessere Vergütung, weniger Dokumentationspflicht und damit mehr Zeit für die Patienten.

          Wie mit dem Ernstfall umgehen?

          Eine ganz andere Frage ist es, wie die Akzeptanz für die Unterbringung in einem Pflegeheim aussieht. Nur 15 Prozent wollen als Pflegefall ins Heim. Das ist eine harte Aussage, deren Härte dann auf die Probe gestellt wird, wenn trotz familiärer Versprechungen („Du kommst nicht ins Heim!“) pflegende Angehörige sich am Ende ihrer Kräfte erleben. Das ist vor allem bei Demenzkranken eine Belastung, von der sich viele Leute keine Vorstellung machen. Frau Kaiser bringt es auf den Punkt: Der pflegende Angehörige dürfe nicht zugrunde gehen.

          Dass 2016 für die Pflegeeinrichtungen noch der gleiche Personalschlüssel gelte wie 1996, ist nur eine Baustelle für die „Chefsache“ der Bundeskanzlerin. Ob ein Freiwilligendienst, wie ihn Koch vorschlägt, mehr als die Rolle eines Lückenbüßers spielen kann, erscheint zweifelhaft.

          Quelle: FAZ.NET

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