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Veröffentlicht: 14.12.2014, 06:02 Uhr

TV-Kritik: „Wetten, dass..?“ Vollgas in den Himmel

Die letzte „Wetten, dass..?“-Sendung aus Nürnberg war eine würdige Abschiedsvorstellung, die noch einmal deutlich machte, wie gemütlich Fernsehen sein kann, aber auch, wie wenig dieses erzlangweilige Format noch in unsere Zeit passt.

von Oliver Jungen
© AP Gut gelaunt bis zum Schluss: Moderator Markus Lanz

Über „Wetten, dass..?“ scheint alles gesagt. So viele Nachrufe, wie in den letzten Tagen erschienen sind, würde vermutlich nicht einmal das Internet erhalten, wenn es wegen Verlotterung plötzlich dichtgemacht würde. Der Tenor der Nachrufe war eindeutig: Wehmut ist erlaubt, ja national-kulturell gefordert (der letzte Wurmfortsatz der alten Bundesrepublik wird gekappt), aber die Richtigkeit der Entscheidung des ZDF stellte niemand in Frage. Es gab keine Hoffnung mehr, dass dieser Patient noch einmal aus dem Koma erwachen würde. Das Abstellen der Geräte trotz immerhin noch sechs Millionen Zuschauern kommt dem Erweis der letzten Ehre gleich.

Ruhe in Frieden, du altes, bräsiges Unterhaltungsformat, und erinnere uns nicht länger daran, dass wir dich einmal geliebt haben, obwohl du eigentlich nie anders warst (aber wir). Wir werden es überleben, wenn am Samstagabend keine Deckchen mehr von zwei Baggerschaufeln gehäkelt oder fünfzig verschiedene Politiker am Geruch erkannt werden. Wir sind jetzt groß.

Von Anfang an ein Unfall

Erstaunlich wenig war in den Würdigungen von der formalen Singularität von „Wetten, dass..?“ die Rede, die singulär vor allem deshalb blieb, weil sie eigentlich von Anfang an ein Unfall war, eine Missbildung, ein Geburtsfehler. Die zwei Welten, die diese Show umfasste, kamen nie zusammen. Auf der einen Seite standen die Wettkandidaten, Hinz oder Kunz aus dem gemeinen Volk, auf der anderen die wettenden, aber eigentlich ziemlich überflüssigen Prominenten. Sie waren nur da, um sich und ihre Produkte zu bewerben, was nicht einmal ein Geheimnis war. Sofern letztere das Prinzip der Sendung überhaupt verstanden haben, was bei vielen internationalen Gästen bezweifelt werden darf, brachten sie es doch nur selten fertig, glaubhaftes Interesse an dem Geschehen jenseits des Prominentensofas zu heucheln. Und bei den Wetten wurde irgendwann nur noch das Dekor ausgetauscht, weil alles in der einen oder anderen Form schon dagewesen ist.

"Wetten, dass...?" Abschiedssendung aus Nürnberg © dpa Vergrößern Jan Josef Liefers, Wotan Wilke Möhring und Moderator Markus Lanz (von links) in der letzten Sendung von „Wetten,dass...?“.

Was man sich vielleicht einmal als Win-Win-Situation vorgestellt hatte, wurde zum allmonatlichen Nachweis der prinzipiellen Unvereinbarkeit beider Sphären. Volk und Medienadel hatten sich einfach nichts zu sagen. Schlimmer noch: Die Rührung, das Gestammel, die auswendig gelernten Floskeln der Kandidaten, wenn ihnen ein (dazu gezwungener) Hollywood-Star kurz auf die Schulter klopfte, das waren immer die bedrückendsten Momente von „Wetten, dass..?“ Dabei konnte keine der beiden Seiten etwas dafür. So sind die Regeln des Showgeschäfts, Hinz und Kunz kommen da nicht vor.

German TV show host Lanz watches as actor and director Herbig and moderator Elton play a game during the final German game show "Wetten Dass..?" (Bet it...?) in Nuremberg © Reuters Vergrößern Für skurrile Wetteinsätze war die Show bekannt: Hier bekommt Elton Leberwurst auf die Backe geschmiert, die er sich von einem Hund ablecken lassen muss.

Es spricht für Markus Lanz, dass er in der allzeit letzten „Wetten, dass..?“-Sendung gegensteuerte, so gut es ging, und wenigstens die Illusion einer Zusammengehörigkeit erweckte. Bei den fünf Wetten, die übrigens alle gewonnen wurden, standen nicht große Gerätespektakel im Vordergrund, sondern charismatische Personen, die wirklich etwas konnten, wenn man einmal von der Cheerleader-Truppe gleich zu Beginn absieht, die lediglich ein bisschen Akrobatik vorturnte und offenbar jugendliches „Topmodel“-Flair in die Sendung bringen sollte. Doch die Buchstabenanzahl eines beliebigen vorgelesenen Textes vor dem inneren Auge mitzuzählen, wie das Thomas Egold aus Königsdorf vormachte, oder – nicht minder beeindruckend – per selbst antrainierter Echolotung Puzzleteile am Schallrückwurf zu erkennen, wie das der blinde Schüler Dave Janischak zeigte, das waren Wetten wie in der guten alten Zeit, von denen eine gewisse Magie ausging.

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