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TV-Kritik: Maischberger : Tote Flüchtlinge: Falsche Panik oder echtes Problem?

  • -Aktualisiert am

Flüchtlinge vor der Küste von Lampedusa Bild: dpa

Kaum jemand in Europa gerät wegen toter Flüchtlinge noch in Panik. Vielmehr regiert die „Angst vor Flüchtlingen“. Wie auch in der Sendung von Sandra Maischberger. Leider.

          Man dürfe das Mittelmeer nicht zum Friedhof werden lassen, sagte Papst Franziskus in seiner beeindruckenden Rede vor dem Europäischen Parlament. In der Ägäis, so der frühere Vorsitzende von „Cap Anamur“, Elias Bierdel, werden aber immer noch Flüchtlingsboote von Grenzschützern mit Gewalt am Erreichen der EU gehindert. Das Bild Europas, so Franziskus, wirke „gealtert und erdrückt“, gerade nicht wie jemand, der weiß, was er will. Warum das so ist, lässt sich in der Flüchtlingspolitik erleben. Hier übt sich Europa darin, seine weiße Weste zu behalten, selbst wenn das Mittelmeer schon längst geworden ist, was es laut Franziskus nicht werden darf: Ein Friedhof.

          „Tote Flüchtlinge: Falsche Panik oder echtes Problem?“, wäre nach der Rede des Papstes ein interessanter Titel für die Sendung von Sandra Maischberger gewesen. Es hätte die moralische Herausforderung, um einmal diesen Plastikbegriff politischer Rhetorik zu benutzen, auf den angemessenen Punkt gebracht. Tatsächlich gerät in Europa kaum jemand wegen toter Flüchtlinge in Panik, noch halten es die meisten für ein echtes Problem. Unter anderem deswegen, weil man lieber wie gestern Abend die „Angst vor Flüchtlingen“ thematisiert. Der frühere CDU-Politiker Heiner Geißler machte dafür einen auch vom Papst angesprochenen Mentalitätswandel verantwortlich. „Wir haben uns in den vergangenen 20 Jahren eine unmoralische Haltung anerzogen“, nämlich nicht mehr „allen Menschen in der Not helfen“ zu wollen.

          Kainsmal der „zivilisierten“ Nationen

          Diese Pflicht zur Hilfe sei in jedem zivilisierten Staat zu finden, so Geißler. Die These, so schön sie sich anhört, widerspricht allerdings der historischen Erfahrung. Der Flüchtling, das wusste schon die 1975 verstorbene Sozialphilosophin Hannah Arendt, ist das Charakteristikum des 20. Jahrhunderts gewesen. Die Unfähigkeit, mit diesem Problem umzugehen, wurde zum Kainsmal der sich zivilisiert nennenden Nationen. Frau Arendt sah im Jahr 1943 in einer europäischen Föderation die Lösung dieses Problems. Das ist lange her. Wer wissen will, warum dieses Europa „gealtert und erdrückt“ wirkt, sollte den Verlust dieser Hoffnung zur Kenntnis nehmen, dem der Papst mit seiner Rede etwas entgegenzusetzen versuchte.

          Die Gedankenlosigkeit jener Mitbürger, die in Hamburg, Berlin oder Stuttgart wegen geplanter Flüchtlingsunterkünfte um ihre Behaglichkeit fürchten, brachte der Bild-Kolumnist Hugo Müller-Vogg zum Ausdruck. Es sei nun einmal üblich geworden, gegen alles zu protestieren, was diese störe. Ob Flughäfen, Bahnhöfe, Altenheime oder eben Flüchtlingsunterkünfte, gegen alles werde protestiert. Dem ist zwar kaum zu widersprechen. Nur stört halt jenes notorisch gute Gewissen, das dabei zum Ausdruck kommt.

          Lebenslüge Europas

          Alle waren sich darin einig, den wahren politischen Flüchtling „nach der Genfer Konvention“ aufnehmen zu wollen. Diese Figur ist die Lebenslüge Europas, weil er schon 1943 nicht mehr existierte. Wer daran festhält, wie Müller-Vogg oder Frauke Petry, AfD-Vorsitzende aus Sachsen, belügt erst sich selbst, anschließend sein Publikum. Das Ziel dieser Rhetorik ist auch ein anderes: Nämlich, wie Frau Petry, mit einem Lächeln und kaltem Herzen den sogenannten Wirtschaftsflüchtling in die Kulisse zu stellen. Dessen Anliegen verstehe man zwar, aber Deutschland sei halt nicht „das Sozialamt Europas“, so Müller-Vogg. Man müsse viel mehr, wie Kanada oder Australien, eine gesteuerte Zuwanderung einführen.

          Die gibt es zwar schon längst, etwa mit der „Green Card“ und vergleichbaren Projekten. Es ist ja nicht so, dass die deutsche Zuwanderungspolitik seit dem Asyl-Desaster der früher 1990er Jahre keine Fortschritte gemacht hat. Frau Petry wunderte sich trotzdem darüber, warum Deutschland so lange gebraucht habe, um sich als Einwanderungsland zu verstehen. Aber das ist bloße Camouflage. In Wirklichkeit will Frau Petry die Angst vor den Flüchtlingen politisch instrumentalisieren, indem sie den fiktiven guten Flüchtling der „Genfer Konvention“ dem ebenso fiktiven Wirtschaftsflüchtling gegenüberstellt. Tatsächlich weiß niemand, was der konkrete Mensch in der Flüchtlingsunterkunft jetzt gerade ist. Es ist aber nützlich mit diesen Kategorien zu hantieren. So kann man die Wirtschaftsflüchtlinge in der Nachbarschaft guten Gewissens ablehnen, weil man ja, wie Frau Petry, den fiktiven Flüchtling gerne aufnehmen will. Er soll allerdings nicht in der Nachbarschaft leben.

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