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Veröffentlicht: 26.11.2014, 06:19 Uhr

TV-Kritik: Maischberger Tote Flüchtlinge: Falsche Panik oder echtes Problem?


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Politischer Flüchtling oder Wirtschaftsflüchtling?

Warum dieses Spiel nicht funktioniert, wurde an dem Stuttgarter Mediziner Farzam Vazifehdan deutlich. Er kam Mitte der 1980er Jahre mit 16 Jahren nach Deutschland, stammt aus dem Iran und wäre in einem damaligen Asylverfahren wohl kaum als „politischer Flüchtling“ anerkannt worden. Der Nachweis politischer Verfolgung wäre ihm kaum geglückt, aber seine Motive zur Flucht waren zweifellos der politischen Situation im nachrevolutionären Iran des Ajatollah Chomeini geschuldet. Der Sohn einer wohlhabenden Familie wollte aber gleichzeitig seine Lebensperspektiven sichern. Er hatte somit das klassische Motiv eines Einwanderers. Nur kam er mit dem Flugzeug, brauchte keine Asylunterkunft, schaffte das Abitur und ist heute Chefarzt und deutscher Staatsbürger.

Heiner Geißler © dpa Vergrößern Der frühere CDU-Politiker Heiner Geißler

Ob Vazifehdan politischer Flüchtling oder ein Wirtschaftsflüchtling gewesen sei, so Frau Maischbergers Frage. Er könne „mit diesen Schubladen“ nichts anfangen, in die sie ihn hartnäckig stecken wollte. Sie war auch nicht zu beantworten und dementierte damit wirkungsvoll die vorherige Diskussion. Frau Petry sah darin allerdings einen Beleg für ihre These einer „gesteuerten Zuwanderung“. Nur wäre Vazifehdan dann nie Arzt geworden und, wenn doch, wohl in ein anderes Land gegangen. Er wollte nämlich ursprünglich zu seinem Bruder nach Amerika. Das ist auch das Problem der „Green Card“ gewesen. Die Kriterien so hoch und restriktiv anzulegen, dass aus der gesuchten Gruppe der Hochqualifizierten kaum jemand Deutschland als ein attraktives Einwanderungsland versteht. Sie können sich nämlich aussuchen, wo sie hinwollen.

Absurdität einer Debatte

Nicht jeder Flüchtling wird einen mit Vazifehdan vergleichbaren Lebensweg nehmen. Aber auch nicht jeder gebürtige Deutscher wird bekanntlich Chefarzt. „Es fehlt mir eine offene Diskussion, was wir mit diesen Leuten anfangen wollen.“ Das sagte Judith Assländer, die mit ihrer Familie seit diesem Sommer insgesamt 15 junge Flüchtlinge in ihrem Haus untergebracht hat, unter anderem aus Somalia und Afghanistan. Sie verschwieg weder die Anpassungsprobleme im Zusammenleben, noch idealisierte sie ihre dabei gemachten Erfahrungen. Aber in dieser Frage wird die Absurdität einer Debatte deutlich, die sich allein darum dreht, was wir mit diesen Leuten nicht anfangen wollen, obwohl sie jetzt hier sind. Ein Anfang wäre allerdings gemacht, wenn man sich von den Fiktionen in der Debatte verabschiedet.

Frau Petry erinnerte an das Schicksal der deutschen Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg. Die waren plötzlich einfach da. Entweder in den Kriegswirren geflohen oder nach der Kapitulation aus dem früheren deutschen Osten deportiert. Niemand konnte sie zurückschicken oder deren Ankunft verhindern. Man musste in den vier Besatzungszonen mit ihnen leben, ob man wollte oder nicht. Damals auch durch Einquartierung in Privathäuser.

Obwohl gestern Abend jeder erklärte, man solle jeden politischen Flüchtling aufnehmen, wird das nie passieren, weil der Begriff schon längst obsolet geworden ist. Diese Idee ignoriert den einfachen Sachverhalt, sich heute entscheiden zu müssen, ob tote Flüchtlinge für uns ein Problem sind oder nicht, welche Motive sie auch immer für ihre Flucht haben. Alles andere wird sich daraus ergeben. „In diesem Wissen appelliere ich daher an Sie, daran zu arbeiten, dass Europa seine gute Seele wiederentdeckt“, so formulierte es Papst Franziskus vor dem Europäischen Parlament. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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