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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Lieber Xavier Naidoo – oder lieber Burka?

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„Wer sind wir wirklich?“: Über diese Frage zerbrachen sich Sandra Maischberger und ihre Gäste den Kopf Bild: WDR

In der Show von Sandra Maischberger hätte über viele Fragen diskutiert werden können. Stattdessen schickt die Moderatorin einen lange verstorbenen Komponisten als Thema in die Leitkulturdebatte. Beim deutschen Selbstfindungsprozess hilft das nur bedingt.

          Am kommenden Samstag wird kein Beethoven auftreten. Beim europäischen Gesangswettstreit – dem Eurovision Song Contest – repräsentiert der deutsche Beitrag sicherlich nicht die deutsche Leitkultur, sondern er ist Ausdruck einer global gewordenen Popkultur. Deren Kennzeichen ist das weitgehende Verschwinden national geprägter kultureller Besonderheiten. Insofern ist der ESC das genaue Gegenteil von dem, worüber Frau Maischberger gestern Abend diskutierte: „Beethoven oder Burka – Braucht Deutschland eine Leitkultur?“ Warum Beethoven die deutsche Leitkultur repräsentieren musste, und nicht Heino, die Toten Hosen oder Xavier Naidoo, wurde allerdings nicht geklärt. Wobei der Titel „Xavier Naidoo oder Burka“ interessante Perspektiven auf die Frage nach der deutschen Leitkultur ermöglicht hätte.

          Dazu war es nun nicht gekommen. Beethoven ist ja zum Glück unverfänglich, weil längst nicht mehr Gegenstand politischer Kontroversen. Zudem ist jede Nation das Produkt ihrer historischen und kulturellen Umstände. Das bedeutet einen Kommunikationszusammenhang, der in Deutschland eben spezifisch anders ist als in anderen Teilen der Welt. Dazu gehört bekanntlich unsere Neigung, sich über die deutsche Identität besonders häufig den Kopf zu zerbrechen. Wir haben halt immer „grundsätzlich ein Problem mit dem Deutsch-sein“, wie es die Publizistin Birgit Kelle nicht völlig grundlos formulierte.

          „Sie fühlten sich als Bittsteller“

          In dieser Tradition sind die zehn Thesen des Bundesinnenministers in der „Bild am Sonntag“ zur deutschen Leitkultur einzuordnen. Sie sorgten für die bekannten politischen Frontverläufe. So kritisierte der Stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges deren instrumentellen Charakter. Es ginge im Wahlkampf um eine Botschaft der Union an die konservativen und rechten Wähler, und gerade nicht um die Einwanderer als Adressaten. Solche Debatte grenzten zudem die Migranten bewusst aus den politischen Diskurs aus, so Sawsan Chebli (SPD). „Sie fühlten sich als Bittsteller“, wie es die Staatssekretärin im Berliner Senat formulierte. Dagegen verteidigte Joachim Herrmann (CSU) erwartungsgemäß den Begriff der Leitkultur. Alle redeten in Deutschland von Integration, so der bayerische Innenminister, aber dann wäre zugleich die Frage zu beantworten, „wohin man die Migranten integrieren will.“

          Frau Kelle nannte etwa die Akzeptanz von Regeln, sowie unserer Sitten und Gebräuche. Jörges befürwortete zwar eine solche Selbstverständigungsdebatte, wollte sie aber an Werten orientieren. Dafür hatte er ein gutes Argument: Die Dynamik in unseren gesellschaftlichen Verhältnissen. Sitten und Gebräuche ändern sich, wie er am Beispiel des Umgangs mit Homosexualität deutlich machte. Jede Definition einer Leitkultur wäre tatsächlich zu statisch, um diesen Wandel auszudrücken. Allerdings hat diese Perspektive zugleich einen Pferdefuß. Die Kritik am gegenwärtigen Islam beruht nämlich gerade auf dessen gesellschaftspolitischen Konservativismus, der von dieser Dynamik möglichst nichts wissen will. Nur wird diese Kritik häufig von Konservativen formuliert, während die Linke kurioserweise meint, den konservativen Islam ausgerechnet gegen diese deutschen Konservativen verteidigen zu müssen. An Komplexität fehlt es solchen Diskussionen immerhin nicht.

          Letztlich geht es somit nicht um eine für alle Staatsbürger verbindliche Leitkultur. Deren Definition wird in pluralistischen Gesellschaften immer umstritten bleiben, wenigstens wenn mehr als die schlichte Akzeptanz von Recht und Gesetz gemeint sein sollte. Vielmehr ist Zugehörigkeit das eigentliche Thema. So ist die durch eine Fernsehshow bekannt gewordene Tänzerin Motsi Mabuse gebürtige Südafrikanerin und mittlerweile deutsche Staatsbürgerin. Trotzdem hat sie immer noch Schwierigkeiten, sich selbst als Deutsche zu bezeichnen, so ihre Formulierung. Eine Staatsbürgerschaft bedeutet erst einmal nur die Übernahme von Rechte und Pflichten.

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