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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Kulturkampf gegen die „Homo-Lobby“?

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Es blieb ihnen auch gar nichts anderes übrig. So saß Steeb neben einem schwulen CDU-Politiker und einem Mann in Frauenkleidern. Es war als Erwachsenenbildung gemäß dem von ihm abgelehnten Bildungsplans zu verstehen. Steeb erlebte homosexuelle Lebenswelten als praktische Widerlegung seiner Befürchtungen. Weder ist dadurch seine eigene Wertvorstellung über Ehe und Familie in Gefahr geraten, noch seine heterosexuelle Identität, so ist zu vermuten. Zudem erfuhr er den Unterschied zwischen Sexualität und sexueller Identität. Spahn und Jones machten nämlich keine Anstalten, diesen kategorialen Unterschied aufzuheben. Warum das in Schulen nicht funktionieren soll, konnte Steeb allerdings nicht erklären.

Was Frau Kelle aber nicht daran hinderte, diesen Vorwurf an die Landesregierung in Stuttgart zu erheben. Sie zählte im Bildungsplan 26 Mal das Wort Sex. Darüber hinaus berichtete sie über die Erwähnung lesbischer sexueller Praktiken im Schulunterricht, die aber bekanntlich nicht nur bei lesbischen Paaren vorkommen sollen. Was das mit dem Thema „sexuelle Identität“ zu tun hat, war nicht ersichtlich. Schließlich zitierte Frau Kelle aus einem Papier der „Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft“ (GEW) Baden-Württemberg, das sie als Propagierung lesbischer Lebensformen interpretierte. Die Idee von der „Verführung unschuldiger Kinder“ scheint tief in der Vorstellungswelt der Kritiker des Bildungsplans verankert zu sein. Wie absurd das ist, müsste Frau Kelle gestern Abend deutlich geworden sein. Spahn und Jones machten an ihren eigenen Biographien deutlich, wie sich sexuelle Identitäten entwickeln und welche Widersprüche sie dabei aushalten mussten. Die GEW spielte dabei keine Rolle.

Frau Kelle ist aber gleichwohl ein wichtiger Hinweis zu verdanken. Sie machte deutlich, wie der Begriff „Toleranz“ mittlerweile zur Formel für Beliebigkeit geworden ist. So bedeutet Toleranz gerade nicht den Verzicht auf die Idee der Überlegenheit des eigenen Wertesystem. Jemand wie Steeb kann selbstverständlich eine auf das Christentum beruhende Vorstellung von der „natürlichen Ordnung“ haben, die auf der lebenslangen Ehe und der Aufzucht von Kindern beruht. Solche Wertvorstellungen muss man tolerieren, wenn der Begriff einen Sinn machen soll, gerade wenn man sie nicht teilt. Das ist auch unproblematisch, wenn solche Werturteile in der Sphäre der Gesellschaft bleiben. Eine völlig andere Frage ist aber, ob der Staat als Gesetzgeber ein Wertesystem für alle Bürger verpflichtend macht. Frau Kelle sah im Bildungsplan dieses Motiv. Eine „Homo-Lobby“ wolle ihre Wertvorstellungen zur Richtlinie staatlichen Handelns machen, auch wenn sie diesen Begriff nicht benutzte. Sie werde damit gezwungen, die Erziehung ihrer Kinder im Widerspruch zu ihren eigenen Überzeugungen zu akzeptieren.

Mit diesem  Argument darf man nicht leichtfertig umgehen, gerade weil sich der Staat in den vergangenen Jahrzehnten mühsam in Richtung gesellschaftspolitischer Neutralität entwickelt hat. Er hat nicht nur die Strafbarkeit der Homosexualität abgeschafft, sondern solche Lebensformen weitgehend mit der klassischen Ehe gleichgestellt. Der Gesetzgeber kann aber nicht die Existenz unterschiedlicher Wertesysteme in Frage stellen. Das schließt auch das Modell von Steeb oder Frau Kelle ein. Beide müssen sich in solchen vom Staat verordneten Bildungsplänen wiederfinden können, wenn Toleranz mehr sein soll als eine hohle Phrase. Steeb wusste dabei interessanterweise von eigenen Diskriminierungserfahrungen zu berichten: Ein gläubiger Christ mit 10 Kindern muss nicht unbedingt mit der Toleranz seiner Mitmenschen für seinen Lebensentwurf rechnen. Wohl eher mit Hohn und Spott - oder sogar offener Verachtung.

Jens Spahn bewies bei Frau Maischberger ein Gespür für diese Ambivalenz, wenn er vor den „Eiferern“ auf beiden Seiten des politischen Spektrums warnte. Er machte aber gleichzeitig deutlich, warum er die Argumente der Kritiker des Baden-Württemberger Bildungsplans nicht für überzeugend hielt. Nur zur Erinnerung: Es sind die Pläne der politischen Konkurrenz. Seine Warnung vor einem Kulturkampf 2.0 ist nicht unbegründet, aber es zeigte sich zugleich der Unterschied zu den Zeiten von Bismarck. Man kann heute von Konservativen etwas über Liberalität lernen. Allein deswegen lohnte sich schon das Aufbleiben.

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