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Veröffentlicht: 07.10.2015, 04:43 Uhr

TV-Kritik: Sandra Maischberger Dunkle Ecken und einfache Botschaften

Wie verändern Flüchtlinge unser Land? Das kann noch niemand wissen. Dabei gibt es Lösungsvorschläge, die vielversprechend sind.

von Frank Lübberding
© dpa Moderatorin Sandra Maischberger

Die Stimmung in der Flüchtlingsdebatte sei gekippt. Die „Grummelnden in den dunklen Ecken des Internets, der CDU und die Springerpresse“ hätten den Diskurs übernommen. Das diagnostizierte gestern Abend der Journalist Jakob Augstein. In solchen dunklen Ecken kann man sicher Aussagen wie diese lesen, bezogen auf den CDU-Politiker Thomas Strobl aus Baden-Württemberg: „Strobl kann jetzt sagen, jetzt betrifft es schon die deutschen Volksgenossen wegen der bösen Ausländer“. Hintergrund war die Kündigung einer kommunalen Wohnung durch eine Stadtverwaltung. Die langjährige Mieterin soll ausziehen, weil die Stadt Flüchtlinge unterbringen muss. Das aber stand gestern Abend nicht in den dunklen Ecken des Internets. Diesen Nazi-Jargon benutzte Augstein bei Sandra Maischberger.

Es war kein Ausrutscher, sondern ein bewusst eingesetztes rhetorisches Stilmittel. Das wurde spätestens deutlich als es um die Bochumer Polizeibeamtin Tania Kambouri ging. Ihre Eltern stammen aus Griechenland, sie wurde aber in Bochum geboren. Kambouri ist das, was man unter einem Musterbeispiel für gelungene Integration versteht. Für Augstein ist sie ein Problem. In seinem keineswegs linken Paralleluniversum darf es eine Frau wie Kambouri nicht geben. Sie war vor zwei Jahren mit einem Leserbrief bekannt geworden, in dem sie schonungslos die alltäglichen Schwierigkeiten der Polizei mit zumeist jungen Männern aus muslimischen Einwanderer-Milieus schilderte. Respektlosigkeit, Beleidigungen, tätliche Übergriffe.

Einschüchterungen bis zur Selbstdemontage

Augstein wusste, was ihn erwartete. Was liegt näher, als es bei der Bochumer Kommissarin gleich mit kaum versteckten Beleidigungen zu versuchen? Ihre Erfahrungen seien nicht verallgemeinerbar. Warum hier nicht ein Hamburger Kriminologe säße? Der wüsste wohl alles viel besser - nämlich so wie Augstein. Sein einziges Ziel war die Einschüchterung einer jungen Frau, die fast über Nacht zur öffentlichen Person geworden ist. Ein Medienprofi wie Augstein macht das selbstredend anders als dumme Jungs auf Bochumer Straßen.

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In diesem Fall führte das allerdings zur Selbstdemontage von Augstein. Er berichtete von Deutschen mit Integrationsproblemen. Sie könnten nicht mit Einwanderern umgehen, die den sozialen Aufstieg geschafft haben. Die gibt es bestimmt. Augstein hatte ja auch mit Frau Kambouri ein Problem. Erfahrungen wie mit jungen Muslimen habe sie mit Deutschen nicht gemacht, so ihre Aussage. Außer jetzt mit Augstein, so wäre hinzuzufügen.

Renate Künast (Grüne) hat das alles übrigens nicht gestört. Sie hat das noch nicht einmal bemerkt. Sie wird ein derartiges Verhalten noch von Joschka Fischer gekannt haben. Aber dafür wollte sie ernsthaft mit der Bochumer Polizistin darüber diskutieren, ob sie sich im Einsatz im Namen der Religionsfreiheit vor den Türen von Muslimen die Schuhe ausziehen muss. Vielleicht sollte sich Frau Künast bei der Bochumer Polizei um ein Praktikum bemühen. Sie sollte aber festes Schuhwerk wählen.

Eine einfache Botschaft

Tania Kambouri hatte in der aktuellen Flüchtlingsdebatte eine einfache Botschaft: Wer in diesem Land dauerhaft leben will, muss sich anpassen. So wie sich ihre Eltern angepasst hatten. Sie selbst bleibt trotzdem Griechin, so ihre Aussage, mit doppelter Staatsangehörigkeit. Eine solche Polizistin steht für den gesellschaftlichen Fortschritt der vergangenen zwanzig Jahre, übrigens von Einwanderern und Frauen.

Jakob Augstein © Picture-Alliance Vergrößern Jakob Augstein, Journalist und Verleger

Augstein sprach davon, dieses Land werde sich durch die Flüchtlinge verändern. Dieses Land hat sich längst verändert. Kambouri verkörpert das geradezu. Sie formulierte die Botschaft, die die Flüchtlinge von uns erwarten dürfen. Das ist hilfreicher als weitere Papierstapel zum Thema Leitkultur aufzuhäufen. Oder das Grundgesetz auf Arabisch zu verteilen, das wahrscheinlich noch nicht einmal Augstein komplett auf Deutsch gelesen hat. Anpassung bedeutet, die Grundsätze dieses Landes zu akzeptieren. Ob als Muslim, Christ oder Atheist. Die kulturellen Traditionen haben sich dem unterzuordnen. So einfach ist das. Selbst für Deutsche mit Integrationsproblemen wie Augstein.

Schwäbisch-Gmünd macht alles richtig

Integration ist etwas, das vor Ort entschieden wird. Warum das so ist, wurde an Richard Arnold (CDU), Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd, und Marie-Luise Balk-Egger aus Weinheim deutlich. Arnold macht alles richtig. Er bemüht sich um die Flüchtlinge in seiner Stadt. Sie werden dezentral untergebracht, möglichst schnell in das Gemeinschaftsleben eingebunden. Arnold bietet Deutschkurse an und bemüht sich um ihre Ausbildung für den Arbeitsmarkt. Damit das aber so funktioniert, müssen die entsprechenden Voraussetzungen existieren. Etwa aufnahmefähige Immobilien- und Arbeitsmärkte. Zudem ein charismatischer Bürgermeister wie Arnold, der seine Mitbürger vom Sinn dieser Politik überzeugen kann.

Balk-Egger schilderte am Beispiel ihres Heimatort Weinheim, was passiert, wenn das nicht funktioniert. Es ist das, was Soziologen Segregation nennen. In Weinheim, so ihre Kritik, konzentriert man die Flüchtlinge in einem Stadtteil. In Notunterkünften, deren Überbelegung in ganz Deutschland zu beobachten ist. Damit werden aber zugleich die unvermeidlichen Integrationsprobleme konzentriert. Es entstehen die bekannten „sozialen Brennpunkte“, die schon vor der Flüchtlingskrise das Problem waren. Die Kanzlerin besuchte erst vor wenigen Wochen Duisburg-Marxloh. Es ging darum, was man in 50 Jahren nicht geschafft hatte.

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Berlin-Neukölln ist nicht Schwäbisch-Gmünd. Wer wüsste das besser als der frühere Berliner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky? Er wird in seiner Amtszeit von den Möglichkeiten geträumt haben, die seinem Kollegen Arnold zur Verfügung stehen. In Schwäbisch-Gmünd gab es nie Parallelgesellschaften wie in Neukölln. Keine Integrationsprobleme von Deutschen oder Zuwanderern. Niemand käme dort auf die Idee, Polizistinnen zu beleidigen. Schwäbisch-Gmünd ist wahrscheinlich so idyllisch, dass einige junge Leute ernsthaft überlegen werden, nach Berlin auszuwandern. Das soll bei Schwaben schon vorgekommen sein.

Was Unruhe erzeugt

Buschkowsky konnte daher mit der optimistischen Rhetorik des „Wir schaffen das“ nichts anfangen. Er machte aber deutlich, warum die Stimmung in Deutschland gekippt ist. Nicht wegen der „dunklen Ecken des Internets“, wo einige Außenseiter den Nazi-Jargon pflegen. Es ginge nicht um die Einschränkungen im täglichen Leben, etwa wegen der Nutzung von Sporthallen als Notunterkünfte. Das akzeptierten die Bürger noch. „Aber es kommen ja noch viel mehr. Das erzeugt die Unruhe“, so Buschkowsky. „Sie haben nicht das Gefühl, dass die Eliten des Landes die Entwicklung im Griff haben.“

Sie haben sie noch nicht einmal verstanden, wenn man Journalisten wie Augstein zur Elite dieses Landes rechnen kann. Kommissare aus dem gehobenen Dienst gehören für sie ja nicht dazu. Augstein sprach von einer neuen Abschottungspolitik, die die Kanzlerin mit den zum Asylrecht getroffenen Beschlüssen einleiten wolle.

Die werden aber nichts nutzen. Angela Merkel müsste schon einen Aufnahmestopp verkünden und durchsetzen, damit die aus Bundesbehörden kolportierte Zahl von 1,5 Millionen Flüchtlingen allein in diesem Jahr keine Wirklichkeit wird. Sie müsste vor allem ihren politischen Fehler eingestehen: dieser Staat hat faktisch keine Grenzen mehr. Es gibt weder ein funktionierendes Asyl-, noch ein Einwanderungsrecht. Es kommen lediglich jeden Tag 10.000 weitere Flüchtlinge an. Die meisten Kommunen müssen sich um deren Integration keine Sorgen machen - wissen sie häufig noch nicht einmal mehr, wo sie die Menschen überhaupt bis zum Winter unterbringen sollen.

Darüber wird Anne Will an diesem Mittwoch mit der Bundeskanzlerin reden. Ohne Polizistin aus Bochum und ohne Augstein. Aber dessen Hinweis auf die „Volksgenossen“ hat durchaus einen kritischen Sinn. Die meisten von ihnen waren bis 1945 blind, taub und stumm. So marschierten sie in die Katastrophe. Das wird uns erspart bleiben. Wer will schon im Garten von Augstein ein Zeltlager für Flüchtlinge errichten? Notfalls wird unter Umständen Schwäbisch-Gmünd aushelfen. Vermutlich ist das auch die einzige verbliebene Hoffnung der Kanzlerin.

Glosse

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Alles außer Autoreifen: Es begann mit leicht bis kaum bekleideten Frauen, doch das ist längst kein Thema mehr. Der Pirelli-Kalender gibt sich immer bedeutsamer. Mehr 2 6

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