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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Die weiseren Deutschen kommen aus dem Orient

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Sandra Maischberger diskutierte über den Zerfall des Nahen Ostens. Bild: dpa

Sandra Maischberger diskutierte mit ihren Gästen über die Krisen im Nahen Osten. Während Journalist Jürgen Todenhöfer die Fakten seinem Weltbild unterordnete, sorgten zwei Gäste mit Wurzeln in der Region für interessante Einblicke.

          Jürgen Todenhöfer ist Jahrgang 1940. In dieser Generation waren die Vereinigten Staaten der entscheidende Faktor in der politischen Sozialisierung. Das betraf die Kritiker der amerikanischen Politik unter den 68ern in gleicher Weise wie die Befürworter einer möglichst engen Bindung an den Verbündeten, wie den früheren CDU-Bundesabgeordneten Todenhöfer. Die Vereinigten Staaten wurden als dominierende Weltmacht wahrgenommen; politisch, ökonomisch und kulturell. Dieses Denken entwickelte zuweilen Allmachtsphantasien über die Möglichkeiten der Amerikaner, ob nun zum Positiven oder Negativen. Die Vereinigten Staaten waren für jede weltpolitische Krise verantwortlich. Entweder weil sie sie verursacht oder nicht gelöst haben.

          Was bei Todenhöfer zusammenpasst

          Diese Allmachtsphantasien gab es zwar auch in den Vereinigten Staaten selbst, zuletzt unter der Präsidentschaft des jüngeren Bush. Aber die derzeitige Präsidentschaft kann man als Ernüchterung über die Grenzen amerikanischer Weltpolitik definieren. Nur Todenhöfer argumentiert immer noch, wie in den alten Zeiten. Frau Maischberger diskutierte gestern Abend über den Krisenbogen im Mittleren Osten mit zerfallenden Staaten von Libyen bis zum Irak. Über die Rolle von Nachbarn wie der Türkei in dieser zerfallenden Staatenordnung von 1919. Welche Konsequenzen das für uns hat, nicht zuletzt mit den nach Westeuropa drängenden Flüchtlingen aus der Region. Diese historisch zu nennende Umbruchsituation reduziert Todenhöfer auf eine schlichte Ursache: Letztlich wären die Amerikaner dafür nicht nur verantwortlich, sie hätten dieses Chaos sogar bewusst erzeugt.

          „Teile und herrsche“, so nannte Todenhöfer diese Strategie. Als Quelle gab er eine Äußerung des Direktors des Pentagon-Geheimdienstes CIA, Douglas Wise, an. Nun gehörten zu Beginn des syrischen Bürgerkrieges auch extremistische Islamisten zur vom Westen unterstützten Koalition gegen Präsidenten Assad. Deren eigentlichen Förderer fanden sich aber vor allem auf der arabischen Halbinsel und in Ankara.

          Das Problem des Westens in diesem zerfallenden Mittleren Osten ist gerade nicht seine Allmacht, sondern lediglich ein Akteur unter anderen geworden zu sein. Präsident Obama ist seine Zögerlichkeit nicht nur in den Vereinigten Staaten als Schwäche ausgelegt worden. Todenhöfer hat den syrischen Präsidenten Assad getroffen. Er war beim IS gewesen, in Libyen und dem Irak.

          Hat er in der Region jemanden getroffen, der auf die Anweisungen aus Washington oder subalternen Geheimdienst-Direktoren wartet? Vielmehr warnte Todenhöfer ausdrücklich vor einer Strategie des IS, die Vereinigten Staaten im Irak wieder in einen langen Boden- und Guerillakrieg zu verwickeln. Wie das zusammenpasst? Gar nicht.

          Fakten und Weltbilder

          Nun ist der frühere ARD-Korrespondent in Beirut, Ulrich Kienzle, sogar vier Jahre älter als Todenhöfer, aber ohne die Vorurteile seiner Generation. Er erklärte den Zusammenbruch dieser Staatenordnung aus der regionalen Dynamik, die nicht einmal mehr von einer Weltmacht gesteuert werden kann. Es liegt eben nicht am fehlenden Willen der USA, der ließe sich ja ändern. Es fehlt in diesem Chaos aus unterschiedlichen Interessen und religiösem Wahn ein Ordnungsfaktor, weswegen Kienzle nur im „Ausbluten dieser Kriege“ ein mögliches Ende erkennen kann. Der IS konnte das mit dem „arabischen Frühling“ entstandene Machtvakuum nutzen, weil ihn andere Akteure zu instrumentalisieren versuchten. Das war am Anfang der Westen gegen Assad, während dieser später den IS als Instrument gegen die syrische Opposition betrachtete.

          Ob dieser Konflikt mit dem Dreißigjährigen Krieg vergleichbar wäre, so Frau Maischbergers Frage. Kienzle betrachtete den Vergleich als zutreffend. Allerdings wird man Probleme haben, einen mit dem IS vergleichbaren Faktor zu finden.

          Insofern wird es wenig nutzen, neuerdings die Türkei an die Stelle der Amerikaner zu setzen. Deren Rolle in dem Konflikt bestimmte aber weitgehend die Diskussion. Der türkisch-deutsche Unternehmer Remzi Aru unterstellte der Politik des türkischen Präsidenten Erdogan eine gewisse Logik. So beruhe dessen Gegnerschaft zum Assad-Regime auf die Unterstützung der syrischen Muslimbrüder als politische Alternative. Diese habe es aber beim IS nicht gegeben. Die logistische Hilfe für den IS über das türkische Staatsgebiet resultiere aus der fehlenden Kontrollierbarkeit der langen Grenze mit Syrien.

          Aru bemühte sich auch die Fortschritte deutlich zu machen, die die Türkei in der bisherigen Regierungszeit Erdogans gemacht habe. Die sind unbestritten, worauf Todenhöfer hinwies. Allerdings bewies er profunde historische Kenntnisse, weil er irgendwie den Westen auch für die Lage in der Türkei verantwortlich machen musste. Franzosen und Briten hätten nämlich „zynischerweise“ nach dem Ersten Weltkrieg das „osmanische Reich“ zerschlagen.

          Nur hatten im 19. Jahrhundert allein diese beiden Großmächte dem „kranken Mann am Bosporus“ das Überleben ermöglicht. Aus machtpolitischen Gründen zur Eindämmung Russlands, damit aus Istanbul nicht unversehens wieder Konstantinopel werden konnte. Aber Fakten müssen ja nicht immer zu Weltbildern passen.

          Kritik an Erdogan

          Interessanterweise zitierte aber Aru in diesem Zusammenhang einen Satz von Erdogan. Der Fluss finde „langsam wieder in seine Spur zurück“. Es ginge aber nicht „um eine neues Osmanisches Reich mit einem Sultan“, so Arus beschwichtigende Ergänzung. Nur worum geht es dann? Darüber rätseln auch die Berufszyniker in den Auswärtigen Ämtern in Paris oder London. Eine stringente außenpolitische Strategie bei Erdogan zu finden, wäre nämlich eine echte Neuigkeit gewesen.

          Dieser will es mit dem Westen nicht verscherzen und Russlands Putin bei Laune halten. Außerdem Assad loswerden, selbst wenn das nur mit den Kopfabschneidern des IS gehen sollte. Oder geht es nur um innenpolitische Motive? Erdogan betreibe gerade „Wahlkampf mit Jagdbombern“, so Kienzle. Es ginge ihm lediglich um den Machterhalt nach der Wahlniederlage bei den Parlamentswahlen. Deshalb die Aufkündigung des Waffenstillstands mit der kurdischen PKK. Erdogan ginge es letztlich um die Zerschlagung der neuen demokratischen Opposition in der Türkei, die eine Gefahr bei der Re-Islamisierung des Landes werden könnte.   

          Die Fernsehjournalistin Düzen Tekkal argumentierte ähnlich. Sie ist Deutsche und eine kurdische Jesidin. Frau Tekkal ist eine bemerkenswerte Frau. Schon vor der Sendung war sie in den sozialen Netzwerken als „Jesiden-Propagandistin“ oder in der Logik von Islamisten als „Teufelsanbeterin“ denunziert worden. Es entspricht der Logik dieses Konflikts, in solchen ethnischen oder religiösen Kategorien zu denken. Dem entzog sich Frau Tekkal. In ihrer Berichterstattung aus der Region arbeite sie als „deutsche Journalistin“, nicht als Jesidin. Sie machte damit deutlich, was der Standpunkt einer modernen Gesellschaft sein muss: Die Orientierung an den Grundwerten moderner Verfassungsstaaten – und nicht an der Identitätslogik von Ethnien oder Religionen. Sie kritisierte Erdogan nicht als Kurdin oder Jesidin, sondern weil er demokratische Prinzipien nicht mehr akzeptiert.

          Deutschen zuhören

          Das war auch das Problem von Aru. Er sah darin ebenfalls den eigentlichen Fortschritt, den Erdogan möglich gemacht habe. Nur wie wahrscheinlich ist es dann, dass ausgerechnet die Ultranationalisten Erdogan zu einem Kurswechsel gegenüber der PKK gezwungen haben, wie Aru meinte? Hier spiegelt sich der Konflikt, den nicht nur die Türkei bestimmt. Eine moderne Demokratie ist mit dieser Identitätslogik nicht vereinbar. Frau Tekkal kennt diese Erfahrung als Jesidin und Kurdin, nur lässt sie sich nicht darauf reduzieren. Deshalb muss man auch ihren Hinweis zur Kenntnis nehmen, dass die Barbarei des IS im Irak nur mit Unterstützung von sunnitischen Muslimen möglich gewesen ist. Ein Islam in modernen Gesellschaften muss sich mit seinem Selbstverständnis beschäftigen. Die Antworten darauf wird er nicht im Koran finden.

          „Ich mache mir Sorgen um das Land, in dem ich lebe“, so Frau Tekkal. Sie meinte damit Deutschland. Diese Sorge ist begründet, allerdings nicht nur wegen der Islamisten. Die Deutschen selbst müssen aufpassen, nicht der gleichen Ausgrenzungslogik zu verfallen. Es gibt allerdings Hoffnung. Man musste lediglich zwei Deutschen zuhören: Sie hießen Düzen Tekkal und Remzi Aru. Wenn deren Disput Maßstab für den Umgang mit Konflikten werden sollte, müsste man sich um dieses Land weniger Sorgen machen. Jürgen Todenhöfer darf derweil an seinem Weltbild arbeiten.

          Quelle: FAZ.NET

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