http://www.faz.net/-gsb-874e4

TV-Kritik: Sandra Maischberger : Die weiseren Deutschen kommen aus dem Orient

  • -Aktualisiert am

Aru bemühte sich auch die Fortschritte deutlich zu machen, die die Türkei in der bisherigen Regierungszeit Erdogans gemacht habe. Die sind unbestritten, worauf Todenhöfer hinwies. Allerdings bewies er profunde historische Kenntnisse, weil er irgendwie den Westen auch für die Lage in der Türkei verantwortlich machen musste. Franzosen und Briten hätten nämlich „zynischerweise“ nach dem Ersten Weltkrieg das „osmanische Reich“ zerschlagen.

Nur hatten im 19. Jahrhundert allein diese beiden Großmächte dem „kranken Mann am Bosporus“ das Überleben ermöglicht. Aus machtpolitischen Gründen zur Eindämmung Russlands, damit aus Istanbul nicht unversehens wieder Konstantinopel werden konnte. Aber Fakten müssen ja nicht immer zu Weltbildern passen.

Kritik an Erdogan

Interessanterweise zitierte aber Aru in diesem Zusammenhang einen Satz von Erdogan. Der Fluss finde „langsam wieder in seine Spur zurück“. Es ginge aber nicht „um eine neues Osmanisches Reich mit einem Sultan“, so Arus beschwichtigende Ergänzung. Nur worum geht es dann? Darüber rätseln auch die Berufszyniker in den Auswärtigen Ämtern in Paris oder London. Eine stringente außenpolitische Strategie bei Erdogan zu finden, wäre nämlich eine echte Neuigkeit gewesen.

Dieser will es mit dem Westen nicht verscherzen und Russlands Putin bei Laune halten. Außerdem Assad loswerden, selbst wenn das nur mit den Kopfabschneidern des IS gehen sollte. Oder geht es nur um innenpolitische Motive? Erdogan betreibe gerade „Wahlkampf mit Jagdbombern“, so Kienzle. Es ginge ihm lediglich um den Machterhalt nach der Wahlniederlage bei den Parlamentswahlen. Deshalb die Aufkündigung des Waffenstillstands mit der kurdischen PKK. Erdogan ginge es letztlich um die Zerschlagung der neuen demokratischen Opposition in der Türkei, die eine Gefahr bei der Re-Islamisierung des Landes werden könnte.   

Die Fernsehjournalistin Düzen Tekkal argumentierte ähnlich. Sie ist Deutsche und eine kurdische Jesidin. Frau Tekkal ist eine bemerkenswerte Frau. Schon vor der Sendung war sie in den sozialen Netzwerken als „Jesiden-Propagandistin“ oder in der Logik von Islamisten als „Teufelsanbeterin“ denunziert worden. Es entspricht der Logik dieses Konflikts, in solchen ethnischen oder religiösen Kategorien zu denken. Dem entzog sich Frau Tekkal. In ihrer Berichterstattung aus der Region arbeite sie als „deutsche Journalistin“, nicht als Jesidin. Sie machte damit deutlich, was der Standpunkt einer modernen Gesellschaft sein muss: Die Orientierung an den Grundwerten moderner Verfassungsstaaten – und nicht an der Identitätslogik von Ethnien oder Religionen. Sie kritisierte Erdogan nicht als Kurdin oder Jesidin, sondern weil er demokratische Prinzipien nicht mehr akzeptiert.

Deutschen zuhören

Das war auch das Problem von Aru. Er sah darin ebenfalls den eigentlichen Fortschritt, den Erdogan möglich gemacht habe. Nur wie wahrscheinlich ist es dann, dass ausgerechnet die Ultranationalisten Erdogan zu einem Kurswechsel gegenüber der PKK gezwungen haben, wie Aru meinte? Hier spiegelt sich der Konflikt, den nicht nur die Türkei bestimmt. Eine moderne Demokratie ist mit dieser Identitätslogik nicht vereinbar. Frau Tekkal kennt diese Erfahrung als Jesidin und Kurdin, nur lässt sie sich nicht darauf reduzieren. Deshalb muss man auch ihren Hinweis zur Kenntnis nehmen, dass die Barbarei des IS im Irak nur mit Unterstützung von sunnitischen Muslimen möglich gewesen ist. Ein Islam in modernen Gesellschaften muss sich mit seinem Selbstverständnis beschäftigen. Die Antworten darauf wird er nicht im Koran finden.

„Ich mache mir Sorgen um das Land, in dem ich lebe“, so Frau Tekkal. Sie meinte damit Deutschland. Diese Sorge ist begründet, allerdings nicht nur wegen der Islamisten. Die Deutschen selbst müssen aufpassen, nicht der gleichen Ausgrenzungslogik zu verfallen. Es gibt allerdings Hoffnung. Man musste lediglich zwei Deutschen zuhören: Sie hießen Düzen Tekkal und Remzi Aru. Wenn deren Disput Maßstab für den Umgang mit Konflikten werden sollte, müsste man sich um dieses Land weniger Sorgen machen. Jürgen Todenhöfer darf derweil an seinem Weltbild arbeiten.

Quelle: FAZ.NET

Weitere Themen

Erdogan legt im Streit mit Amerika nach Video-Seite öffnen

„Keine Demokratie“ : Erdogan legt im Streit mit Amerika nach

Recep Tayyip Erdogan hat bei einer Rede in Istanbul gesagt, dass Amerika keine Demokratie sein könne. In den Vereinigten Staaten werden derweil Sicherheitskräfte Erdogans verklagt, weil sie bei einem Amerika-Besuch des türkischen Präsidenten gewalttätig gegenüber Demonstranten geworden sein sollen.

Wenn Konfusion zur Methode wird

TV-Kritik: „Maischberger“ : Wenn Konfusion zur Methode wird

Das Bild im Studio zeigt einen Flüchtlingstreck aus dem Jahr 2015 – musikalisch untermalt von der düsteren Melodie der amerikanischen Serie „House of Cards“. Die Sendung von Sandra Maischberger zum Thema „Einwanderungsgesetz“ stiftet große Verwirrung.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.