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Veröffentlicht: 10.01.2014, 08:09 Uhr

TV-Kritik: „Millionärswahl“ Die Möchtegernmillionäre und die brutale Realität des Fernsehens

Pro Sieben und Sat.1 lassen das Fernsehvolk abstimmen, wer eine Million Euro bekommt. Doch die neue Show scheitert spektakulär an ihren demokratischen Elementen - und an ihren undemokratischen.

von Stefan Niggemeier
© dpa Keiner der anderen Kandidaten hatte etwas zu bieten, das auch nur annähernd so attraktiv war wie der gute Zweck und die Opferbereitschaft von Ralf Zanders

Spätestens, als Ralf Zanders heulend, zitternd und zappelnd an der Wand eines alten Fabrikturms herunterlief, war klar, wie dieser Abend ausgehen würde: Dieser Mann, der darum spielte, eine Million zu gewinnen, um seiner Patentochter Neele zu helfen, die mit einem schweren Gendefekt geboren wurde, würde in dieser Show alle Mitbewerber um das Geld aus dem Rennen schlagen.

Er leidet an heftiger Höhenangst, weshalb sich die Redaktion die Herausforderung mit dem 26 Meter hohen Turm für ihn ausgedacht hatte. Er musste sie nicht annehmen, um sich für den Gewinn zu qualifizieren. Aber er wollte es natürlich, um zu beweisen, dass er wirklich alles tun würde, um Neele zu helfen. Es wirkte einerseits sadistisch, dass die Verantwortlichen der „Millionärswahl“ ihn so an seine Grenzen und darüber hinaus führten. Und andererseits halfen sie ihm auf zynische Weise damit: Nachdem das Publikum gesehen hatte, wie er sich zu dieser Aufgabe überwand, war seine Bereitschaft, für ihn zu stimmen und ihn so der Million näher zu bringen, sicher noch größer als vorher.

Die Sendung endete im Schock

Und so lief die erste von acht Sendungen, an deren Ende Pro Sieben und Sat.1 jemanden zu „Deutschlands ersten demokratisch gewählten Millionär“  machen wollen, auf ein sehr vorhersehbares Ergebnis hinaus. Keiner der anderen Kandidaten hatte etwas zu bieten, das auch nur annähernd so attraktiv war wie der gute Zweck und die Opferbereitschaft von Ralf Zanders.
Tatsächlich bekam er die meisten Stimmen von den Fernsehzuschauern und auch von den über 25.000 Leuten, die sich als Teilnehmer an der Show beworben hatten. Aber am Ende des komplexen dreistufigen Verfahrens durften auch die sieben Kandidaten der Show untereinander die Stimmen abgeben. Und sie verwöhnten den Break-Dancer Benedikt Mordstein, der in der Show so unauffällig war, dass er vom Fernsehpublikum auf den vorletzten Platz gewählt wurde, so sehr mit Punkten, dass er am Ende ganz vorne lag und es ins Finale schaffte. Ralf Zanders war raus.

Liveshow "Millionärswahl" © dpa Vergrößern Der Sieger der ersten Show, Breakdancer Benedikt Mordstein

Damit endete die Sendung nicht furchtbar vorhersehbar, sondern im Schock: Das Publikum im Studio war hörbar fassungslos, dass Zanders seines scheinbar sicheren und verdienten Sieges beraubt wurde. Und im Internet braute sich ein Empörungssturm zusammen. Er richtete sich gegen Pro Sieben und das Abstimmungskonzept dieser neuen Show. Vor allem aber gegen die Kandidaten, die als letztes ihre Stimmen abgeben durften und mit ihrem Votum möglicherweise absichtlich, zweifelsohne aber sehenden Auges Neele um die Chance auf eine Million Euro brachten.

Es war eine Gruppe von Altrockern, die unter dem Namen „Gift“ Anfang der siebziger Jahre einige Erfolge hatte und nach vierzig Jahren ein Comeback versuchen wollen. Nach den Kommentaren zu urteilen, die Zuschauer auf ihrer Facebook-Seite hinterlassen haben, sieht es damit nun schlecht aus. „Könnt Euch gleich wieder auflösen“, schrieb einer. „EUCH will keiner mehr sehn!“ Es war einer harmlosesten Kommentare.

Die Moderatoren übersahen die große Frage

Dass die Kandidaten mit ihren Voten das Urteil des Publikums noch komplett umwerfen können, war kein Versehen, sondern von den Erfindern ausdrücklich so konzipiert - die Show ist eine Eigenentwicklung des Juristen und Fernsehautors Karsten Dusse mit der Produktionsfirma Brainpool. Der Ausgang der ersten Show war  insofern in ihrem Sinne der Erfinder, als er nicht erwartbar war. Aber der Preis dafür ist hoch: Es blieb ein schales Gefühl, das ausgerechnet dem eigentlich reizvollen Konzept widersprach, einen Millionär vom Volk wählen zu lassen. „Vielleicht ist der Reichtum im Deutschland falsch verteilt“, hatte Moderator Elton am Anfang der Sendung gefragt. „Aber nicht bei uns.“ Von wegen.

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