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TV-Kritik: Menschen bei Maischberger : Der Anfang vom Abschied vom Fernsehen

  • -Aktualisiert am

Hape Kerkeling will die große TV-Bühne verlassen. Bild: dpa

In zwei Monaten wird Hape Kerkeling 50 und will sich von der großen TV-Bühne verabschieden. Sandra Maischberger blickte schon einmal auf seine Kindheit und Karriere zurück - und war leider wild entschlossen, viel Spaß dabei zu haben.

          Sandra Maischberger ist unbedingt amüsierbereit. Sie hat sich ein silbernes Glitzerjackett angezogen und sogar extra Zuschauer zum Mitlachen ins Studio setzen lassen. „Wir haben heute Publikum eingeladen“, sagt sie in fröhlicher Sinnlosigkeit, „weil der Mann, den ich heute begrüße, immer vor Publikum arbeitet.“ Sie verbringt die nächsten 75 Minuten in einer Haltung, als sei sie immer kurz davor, gleich losprusten zu müssen. Selbst wenn ihr Gast gerade erzählt, dass seine Oma Bertha, die sich nach dem Tod seiner Mutter um ihn kümmern musste, ein schweres Leben hatte, weil ihr Mann zwölf Jahre als politischer Gefangener im Konzentrationslager saß, meint man sie im Hintergrund glucksen zu hören.

          Dabei ist Hape Kerkeling gar kein Talkshow-Gast, der Schenkelklopfer produziert. Natürlich kann er lustige Anekdoten erzählen, aber die meiste Zeit formuliert er ruhig und nachdenklich, ungemein vorsichtig und manchmal fast ein wenig widerwillig. Während die Kameraleute in dem fürs Publikum umgebauten Studio irgendwelche sichtlich ungewohnten Schwenks und Fahrten versuchen, ist der Phantomschmerz wieder besonders akut, die Erinnerung, dass Sandra Maischberger früher - ohne Publikum, in einer kleinen Kammer, bei n-tv - ungemein konzentrierte und spannende Einzelgespräche geführt hat.

          Dies ist kein solches Gespräch.

          Anlass für den Besuch ist das Buch, das Kerkeling kurz vor seinem 50. Geburtstag über sein Leben geschrieben hat: „Der Junge muss an die frische Luft.“ Das wiederum nimmt  Maischberger als Anlass, noch einmal Ausschnitte aus dem Wirken Kerkelings zu zeigen, die der durchschnittliche Zuschauer kaum mehr als dreihundert Mal gesehen haben dürfte, die unvermeidliche falsche Königin Beatrix, natürlich, zu der Kerkeling noch einmal alles sagen muss, was er schon so oft gesagt hat, von Maischberger angestrengt mit dem Durcharbeiten der Kindheitserinerungen durch den Satz verknüpft: „Der Auftritt hätte Omma Änne gefallen.“ Zu einer Politesse, die Kerkeling bei einer Versteckten-Kamera-Szene in „Darüber lacht die Welt“ spielte, leitet Maischberger mit dem Hinweis über, das könnte auch so eine Frau gewesen sein, die er in seiner Kindheit im Krämerladen seiner Oma erlebt haben könnte.

          Maischberger vermisst Kerkelings Figur des schmierigen Grevenbroicher Lokaljournalisten Horst Schlämmer.

          Ein krudes Das-war-ihr-Leben hat die Redaktion zusammengestöpselt, in dem selten etwas zusammenpasst. Wenn die Rede von Oma Bertha ist, ist hinten auf der großen Leinwand Oma Änne zu sehen. Wenn es um den Karneval geht, erscheinen erst einmal Fotos, die nicht beim Karneval entstanden sind. Und wenn Kerkeling sich beklagt, wie die Zeitungen in den vergangenen Tagen, „mehr oder weniger geschmackvoll“, über den Suizid seiner an schweren Depressionen leidenden Mutter berichtet haben, worüber er nicht glücklich sei, fährt die Kamera ungerührt über eine Schlagzeile der „Bild“-Zeitung.

          „Wir haben vereinbart“, sagt Maischberger, „dass wir natürlich nicht darüber reden, was in dieser Nacht passiert ist“, in der die Mutter sich das Leben nahm, um dann, natürlich, zu erzählen, was in dieser Nacht passiert ist. „Wie bleibt ein Junge zurück, der das erlebt“, fragt sie Kerkeling. „Da fehlen mir auch die Worte“, sagt der unerfreut und sucht sie immerhin doch: „Das ist ein sehr traumatisches Erlebnis, fühlt sich für mich an wie eine nicht sichtbare Kriegsverletzung.“

          Vorbild Sonya Kraus

          Warum hat der Schauspieler und Komiker, der sein Privatleben sonst sehr schützt, in seinem Buch diese Erfahrung öffentlich gemacht? Kerkeling erklärt es mit zwei Gründen. Er habe erlebt, wie die Moderatorin Sonya Kraus im Fernsehen über eine ähnliche Erfahrung berichtet habe, was ihn sehr beeindruckt und ihm Kraft gegeben habe - und das Gefühl, seine Geschichte könnte dem ein oder anderen auch helfen. Und beim Versuch, seine Autobiographie zu verfassen, habe er gemerkt, dass es ihm nicht gelingt, um diese Erfahrung drumherum zu schreiben.

          „Dass es so einen Presseaufschlag gibt - das mag kokett klingen - das hab ich nicht erwartet“, sagt Kerkeling, und ob es Koketterie ist oder nicht: Die Frage hätte man ihm schon gerne gestellt, wie er denn nicht damit rechnen konnte, dass dieses ungeheure Erlebnis in seiner Kindheit nicht zu den größten Schlagzeilen führen könnte, nachdem zum Beispiel die „Bild“-Zeitung vor acht Jahren schon aus einer harmlosen Erzählung in seinem Jakobsweg-Buch eine endlose Kampagne für „Rückführungen“, also die Erforschung vermeintlicher früherer Leben, machte.

          Popularität ist nicht nur ein Segen

          Merklich zurückhaltend, als würde er die mögliche Schlagzeile schon mitdenken, äußert er sich über politische Themen. Darüber, dass er die Berichterstattung über Christian Wulff „unangemessen“ fand, und sich darüber geärgert habe, dass Demonstranten bei seinem Abschied im ägyptischen Stil Schuhe über den Zaun geworfen hätten: „Wir sind nicht von einem Diktator befreit worden!“ Oder darüber, dass es das gute Recht von Bundeskanzlerin Merkel sei, gegen das Adoptionsrecht von Homosexuellen sei - „sie müsste es aber begründen!“

          Seine ganz besondere Popularität, das ahnt man, sie ist nicht nur ein Segen. Und vielleicht hat sein Vorsatz, den er bei Maischberger bekräftigte, nach seinem 50. Geburtstag im Dezember keine großen Shows mehr zu machen, auch damit etwas zu tun. Eine Ahnung davon, was ihn antreibt und was ihn abschreckt, im Leben und in seinem öffentlichen Wirken, verschafft diese Sendung den Zuschauern nicht, was nicht nur an der Verschlossenheit und Kontrolliertheit Kerkelings liegt, sondern auch daran, dass die amüsierwillige Moderatorin taub ist für alle Zwischentöne. Sie findet die Geschichte von Tante Lisbeth, die im Kloster lebte und Kerkeling nach dessen Fernseh-Outing durch Rosa von Praunheim dorthin beorderte, nur zum Kichern und nicht auch tragisch. Sie amüsiert sich sehr über die Großmutter, die sich in ihrer Demenz für eine junge Frau hielt. Und sie überhört Kerkelings Andeutungen, dass er seine Karriere keineswegs als so kometenhaft empfand, wie sie geschildert hat, sondern mit Höhen und erheblichen Tiefen erlebte, und fragt nicht nach.

          Stattdessen trauert sie darum, dass man Kerkelings Figur des schmierigen Grevenbroicher Lokaljournalisten Horst Schlämmer nie wieder sehen dürfe. Kerkeling tröstet sie damit, dass der doch bestimmt wiederholt werde. Und man kann sich vorstellen, dass er es vielleicht ganz schön finden könne, dass er dann, anders als an diesem Abend, nicht immer dabei sein müsste.

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