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TV-Kritik: Menschen bei Maischberger : Salut für Erich

Salut für Erich: Die Moderatorin Dagmar Frederic Bild: dpa

Der Herbst 1989 ist ein Vierteljahrhundert her. Zeit für Sandra Maischberger zu klären, ob die DDR Heimat oder ein Unrechtsstaat war. Es geht unentschieden aus, aber zu erzählen gab es trotzdem viel.

          Der Titel „War die DDR Heimat oder Unrechtsstaat?“ klingt zwar knackig, hätte aber, wäre man darauf in den anderthalb Stunden eingegangen, vermutlich nur Verwirrung gestiftet. Die Heimat, das Land, in dem Sandra Maischbergers Gäste lebten, ist ja noch da. Die Verhältnisse haben sich geändert, zum Glück, jedenfalls sahen das fast alle so.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Unbestimmt, ob die Schlagersängerin und Kessel-Buntes-Moderatorin Dagmar Frederic dem zustimmen würde. „Ein Kessel Buntes“ war eine große Sache zu DDR-Zeiten, sehr populär, eine Mischung aus Musikantenstadl und Carmen Nebels Show. Frau Frederic hatte den ersten Auftritt, weil sie gerade erst, bei einem Besuch im Wachsfigurenkabinett, neben Erich Honeckers Wachspuppe salutiert haben soll. Soll, denn bei Maischberger erklärte sie wortreich und hell empört, die hätten das so interpretiert, sie habe sich immer so verabschiedet, auf der Bühne. 52 Jahre im Beruf! Und das hätte sie nicht, wie behauptet, Erich Honecker zu verdanken, sondern ihrer Ausstrahlung. Und da, bei Madame Tussauds, da  stünden ja noch ganz andere herum, der Stalin, der Hitler, na eben alle.

          Als Ernst Elitz, lange politischer Journalist bei der ARD, ihren Redefluss irgendwann unterbrechen kann und freundlich sagt, sie habe damit Menschen, denen es weniger gut ergangen ist unter Honecker, verletzt, meint sie verdutzt: „Ach so?“. Sie zählt dann trotzdem noch rasch auf, was „ohne den Honecker nie was geworden wäre“: der Friedrichstadtpalast in Berlin, das Gewandhaus in Leipzig, die Semperoper. Und überhaupt hätten ihr die meisten dann doch gratuliert, wegen des Salutierens. Wer immer sie waren, es wurde zum Glück nicht erörtert.

          Wiedergänger

          Denn jetzt, wir sind etwa in Minute 20 einer Mauerfall-Jubiläumssendung, klingelt Peter Michael Diestels Handy. Ton: die DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“. Das dürfte eigentlich nicht passieren, sagt Frau Maischberger irritiert. Es musste aber passieren, weil es das Signal für das Plädoyer des Rechtsanwaltes für dieses schöne Lied war. Wir erfahren, dass er ihm immer noch hinterher trauert – weil sie schön sei, diese Hymne. Sie hätte gut in dieses geeinte Deutschland gepasst. Ein Verlust für ihn, das ist zu spüren, vielleicht auch eine Niederlage, weil sie vergessen ist.

          Schnitt, bevor auch dieses Statement aus dem Ruder laufen konnte: ein Zitat von Margot Honecker, warum damals alles besser war. Besseres Gesundheitssystem, bessere Kinderbetreuung, die Bildung, kaum Kriminalität. Das meiste davon bleibt unerörtert.

          Ernst Elitz, lange politischer Journalist bei der ARD
          Ernst Elitz, lange politischer Journalist bei der ARD : Bild: dpa

          Also war sie nun, die DDR, ein Unrechtsstaat? Natürlich, sagt Ernst Elitz, sie hatte ja keine unabhängige Justiz, war also kein Rechtsstaat. Und die Kinderbetreuung habe wenig mit Emanzipation zu tun gehabt, schließlich brauchte man die Frauen als Arbeitskräfte. Ein eigenes Thema, gleich abgehakt. Natürlich muss der Rechtsanwalt widersprechen, das mit dem Unrechtsstaat, das sei aus heutiger Sicht gesehen. Wortklauberei, als gelte es, einen Prozess zu gewinnen. Eigentlich aber ginge es ihm darum, daran zu erinnern, dass die Ostdeutschen sich das System, in dem sie lebten, nicht ausgesucht hätten. Das sei, im weitesten Sinn, in Jalta und Teheran entschieden worden. Und abgeschafft hätten sie es schließlich selbst und aus freien Stücken.

          Kein Widerspruch, nur ein Seufzer von Frau Frederic, ihr täte es weh, wenn man immer so schlecht rede über die Vergangenheit. Sie gehört, im weitesten Sinne, zu den immer Glücklichen, wohin das Leben sie auch stellt. Ellen Thiemanns Geschichte ist das Gegenteil der Fredericschen. Passt das? Irgendwie scheint alles in diese Runde zu passen.

          Ellen Thiemann war Journalistin, wollte Anfang der Siebziger mit ihrer Familie nur noch weg aus diesem engen Land. Die Flucht wurde verraten, sie nahm die Schuld auf sich, um ihren Sohn vor dem Kinderheim zu bewahren, musste drei Jahre ins berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck. Danach geht sie in den Westen. Als sie ihre Stasiakten liest, begreift sie, dass der Verräter ihr Ehemann war. Eine grauenvolle Geschichte, wie es sie viele gab. Eine Geschichte aus einem Unrechtsstaat.

          Der ehemalige DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel zusammen mit Joachim Gauck im September 1990.
          Der ehemalige DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel zusammen mit Joachim Gauck im September 1990. : Bild: Bundesarchiv

          Nur Rechtsanwalt Diestel muss auch hier intervenieren: Ein Einzelfall, nicht typisch, der Mann sei ein außergewöhnlicher Lump gewesen. Ernst Elitz hält dagegen. Aber Diestel lässt nicht locker, verliert sich noch einmal in den Normen des DDR-Rechts, die im Falle Thiemann vielfach gebeugt worden seien. Und nein, der DDR-Geheimdienst sei keine verbrecherische Organisation gewesen. Es wird ziemlich unerträglich und erklärt allenfalls ein paar Eigenheiten des Juristen, der vielleicht auch nur viel zu kurz für sein Ego Innenminister der Übergangsregierung bis zur Wiedervereinigung sein durfte.

          Mauersegler

          Die nächste Geschichte wartet schon. Drei sehr erstaunliche Brüder, keine Dissidenten, nur Menschen mit normalen Freiheitssinnen und abenteuerlichem Mut, erzählen ihre spektakulären Fluchten. Warum gingen sie weg? Abenteuer und das deutliche Gefühl, das hinter der Mauer das wirkliche Leben ist. Sie hätten halt schon ausgefeilte Fluchtgedanken gehabt. Der eine ließ sich als Soldat an die Grenze verpflichten und paddelte auf einer Luftmatratze über die Elbe, der Zweite balancierte auf einem Drahtseil zwischen zwei Häusern über den Todesstreifen, den dritten holten sie schließlich im Mai 1989 mit einem leichten Flieger nach West-Berlin. Eine schöne Geschichte, der man gern zuhört, zumal sowohl Frau Frederic als auch Rechtsanwalt Diestel schweigen.

          Dann sind, für diese Nacht, alle Geschichten erzählt. Die DDR bleibt Geschichte und ein Unrechtsstaat und die Sendezeit ist um. Es soll Fortsetzungen geben.

          Quelle: FAZ.NET

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