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TV-Kritik: Maybrit Illner : Europa droht der Trump-Effekt

  • -Aktualisiert am

TV-Moderatorin Maybrit Illner Bild: ZDF und Svea Pietschmann

Donald Trump ist mit Populismus zum Präsidenten geworden. Wird er damit zum Vorbild für heimische Politiker? In der Sendung von Maybrit Illner will ausgerechnet ein dröger CDU-Mann die Wähler bei ihren Emotionen packen.

          „Populisten erheben stets einen moralischen Alleinvertretungsanspruch: Sie und nur sie, so behaupten sie, verträten das wahre Volk.“ Das schrieb zwei Tage vor den amerikanischen Wahlen der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller aus Princeton. Dem Ideal demokratischer Wahlen ist so ein Alleinvertretungsanspruch wesensfremd. Dabei gehören populistische Elemente zum Handwerkszeug aller Parteien, nur nicht so drastisch, wie Trump das vorgemacht hat.

          Der Populismus scheint besonders gut in dramatisch gespaltenen Gesellschaften zu wirken. Er rückt die Defizite der Konkurrenten besser in den Blick, demobilisiert effektiv die Wähler der Konkurrenz. Dabei sind Populisten bedenkenlos nicht nur in der Wahl ihrer Mittel. Sie verdrängen auch erfolgreich Themen der Konkurrenz aus der öffentlichen Debatte. Ins Hintertreffen drohen diejenigen Parteien zu geraten, die die Agenda der Populisten nicht mit einer eigenen glaubhaften Agenda durchkreuzen.

          Ist die Zeit reif für ein linkes Angebot?

          Bernie Sanders, der demokratische Konkurrent Hillary Clintons, hat wie Stefan Petzner, einstiger Berater Jörg Haiders, erkannt, dass die Zeit in den Vereinigten Staaten reif war für ein linkes Angebot. Die Linke aber ziert sich oder verkämpft sich auf Symbolbaustellen. In der Sendung von Maybrit Illner plädiert Sascha Lobo dafür, aus Fehlern zu lernen. Aus welchen? In der Kunst der Manipulation gleichzuziehen mit Trump oder mit den untauglichen Fact Checks, auf die Frau Clinton in jeder Debatte hinwies? Sie haben nicht dazu beigetragen, Trump zu entzaubern. Aus der Ferne erklingt in Lobos Rat ein Echo des Philosophen Ernst Bloch, der nach dem Scheitern Weimars etwas rätselhaft formuliert hatte, was die Linke getan habe, sei richtig gewesen, was sie nicht getan habe, falsch. Sie scheint die Emotionen, die die Nationalsozialisten gekapert hatten, kampflos preisgegeben zu haben.

          Die junge Münchnerin Philomena Poetis empfindet Donald Trump als wunderbaren Entertainer, Frau Clinton dagegen als sehr streng. Nun sind Kandidaten keine Lehrer und Wähler keine Zöglinge. Erfolgreiche Kampagnen arbeiten aber mit diesen Bildern. Entertainer Trump brachte auch völlig unakzeptable Dinge erfolgreich in Verkehr. CDU-Mann Jens Spahn möchte die deutschen Wähler bei ihren Emotionen packen. Ob es diesem so ausgemacht dröge wirkenden Politiker gelingt, steht auf einem anderen Blatt.

          Zerbröselnder Zusammenhalt

          Wähler lieben es nicht, als bedauernswert abgetan zu werden. Auch Häme oder Dünkel ist fehl am Platz. Spahn findet es furchtbar, dass die Grünen immer schwärzer werden. Warum gelingt es der größeren Unionspartei so schlecht, Unterschiede zur Konkurrenz deutlich zu machen?

          Haider-Berater Petzner hat recht. Die soziale Frage drängt sich scheinbar fast ohne Zutun der Parteien von selbst wieder auf die Agenda. Es geht um Verteilungsgerechtigkeit, um neue Antworten auf den zerbröselnden Zusammenhalt der Gesellschaft. In einer Hinsicht gleicht die Lage in Deutschland der in den Vereinigten Staaten: der demographische Wandel macht ein Stadt-Land-Gefälle sichtbar. In Amerika hat das dünn besiedelte Land gegen die großen Städte gestimmt.

          Der Hinweis auf niedrige Arbeitslosenzahlen verfängt nicht bei Leuten, die nur mit mehreren Jobs über die Runden kommen. Kein Wunder, dass die AfD auch bei enttäuschten SPD-Wählern erfolgreich ist. Im Mantra des Zuhörens und Sorgenernstnehmens erklingt ein schiefer Ton. Lobo hat recht. Die Wähler sind nicht fremdbestimmt. Sie fühlen sich aber auch nicht angesprochen. Eine menschenfreundliche Gesellschaft ist mit Hetze nicht zu erreichen. Mit Hetze erreichte Trump allerdings unbezahlte Werbung auf allen Kanälen. Ist das ein Argument für Provokation? Möglicherweise, wenn sie sich anderer Register bediente. Die Rechtspopulisten verknüpfen die soziale Frage mit der Zuwanderung. Darauf haben die etablierten Parteien bisher kaum überzeugend geantwortet.

          Frank Stauss, dessen Agentur Wahlwerbung für die SPD macht, wirkt erstaunlich zaghaft: Soziale Probleme würden nicht gelöst, wen auch nur ein Ausländer ausgewiesen wird. Mit solchen Sätzen gewinnt die SPD keinen Blumentopf. Es hilft auch nicht, der Gegenseite vorzuhalten, sie setze auf Scheinkampagnen, wenn die eigenen Ideen nicht ziehen.Zwischendurch jammert Frau Poetis, die Politik müsse auch mit der Jugend reden. Aha! Als ob es daran mangelte! An falschen Metaphern gibt es auch keinen Mangel. Die Wähler schlafen nicht und brauchen deshalb auch nicht geweckt zu werden.

          Unterentwickeltes Gefühl für Tatsachen

          Warum gelingt es einem Multimilliardär, einem Erzmitglied des Establishments, glaubhaft zu machen, er trete gegen das Establishment an? Obwohl oder weil es sich geprügelt fühlt? Das Gerede von der postfaktischen Politik wirft ein Schlaglicht darauf, wie unterentwickelt das Gefühl für die Tatsachen inzwischen selbst bei Berufspolitikern scheint.
          Aus Freiburg kommt mit Martina Böswald eine Frau, die von der SPD zur AfD gewechselt ist. Die Änderung des Unterhaltsrechts hat die Rechtsanwältin und Mutter von drei Kindern besonders auf die Palme gebracht. SPD-Wahlkämpfer Stauss erklärt Frau Böswald für seine Partei verloren. Das sieht die SPD hoffentlich anders.
          Die Aussichten sind nicht gut. Trumps Erfolg verleiht auch europäischen Populisten Rückenwind. Wie wehren sich die demokratischen Parteien? Sie wirken immer noch so, als seien sie auf dem falschen Fuß davon erwischt worden. Sie sollten in der Tat das Streiten besser beherrschen, auch um die Frage, worüber sich das Streiten tatsächlich lohnt.

          Quelle: FAZ.NET

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