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TV-Kritik: Maybrit Illner : Ein moderner Herostratos?

  • -Aktualisiert am

ZDF-Moderatorin Maybrit Illner Bild: Imago

Fassungslosigkeit ist das Wort der Stunde angesichts des Absturzes in den französischen Alpen. Journalisten können die nur zum Ausdruck bringen. Ihnen geht es damit nicht anders als allen anderen.

          Die Stadt Ephesos hatte ein ähnliches Problem wie die heutigen Medien. Nachdem der Hirte Herostratos den Tempel der Artemis in Brand gesteckt und zerstört hatte, verhängte sie eine, modern gesprochen, Nachrichtensperre über die Brandstiftung und den Täter. Es hat nichts genutzt. Er erlangte mit der Zerstörung eines der sieben antiken Weltwunder Ruhm. Als Herostrat gilt seitdem ein Mensch, der solche Verbrechen allein aus Ruhmsucht begeht. Herostratos brauchte für seinen Ruhm den Historiker Plutarch. Heute sind es Massenmedien, die den Germanwings Kopiloten Andreas L. zu weltweiter Bekanntheit verhelfen. Den Namen nicht zu nennen, wäre aber genauso vergeblich wie es die Bemühungen der Stadt Ephesos waren, den Frevel des Herostratos durch Verschweigen ungeschehen zu machen. Ein Flugzeug mit 149 anderen Menschen an Bord willentlich an einer Felswand zerschellen zu lassen, ist zu ungeheuerlich. Es wäre das grauenhafteste Verbrechen, das dieses Land seit 1945 erlebt hätte. Will man dann wirklich über die „Bild“-Zeitung und deren Chefredakteur diskutieren?

          Wissen wir jetzt alles?

          Gestern erlebte man nicht nur eine die Überforderung der Medien. Fassungslosigkeit war das am meisten gehörte Wort. Überall, nicht nur im „ZDF-Spezial“ oder im ARD-„Brennpunkt“, versuchte man sich an Erklärungen. L. könnte Depressionen gehabt haben, habe seine Ausbildung bei der Lufthansa unterbrochen, sei aber ansonsten unauffällig gewesen. Psychologen versuchten den Mechanismus zu entschlüsseln, der Menschen zu solchen Taten antreibt. Da wurde von Kränkungen geredet, die der Täter nicht verarbeitet haben könnte. Vom erweiterten Suizid und früheren Fällen, bei denen Piloten ihre Flugzeuge entsprechend missbrauchten. Nachdem man am Dienstag und Mittwoch noch gar nichts wusste, aber trotzdem wild spekulierte, war man sich gestern plötzlich sicher, alles schon zu wissen.

          Der frühere Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) scheint mehr von der Aufgabe der Medien zu verstehen als diese selbst. Er stellte nämlich bei Maybrit Illner die Frage, seit wann man eigentlich unversehens alles glaubt, was ein Staatsanwalt als Erkenntnisse mitteilt. Richter, so sein Einwand, kommen häufig zu anderen Ergebnissen. Man muss diesen Tag wirklich rekonstruieren, um zu verstehen, was passiert ist. Er begann mit einer Meldung der „New York Times“, dass ein Pilot allein im Cockpit des Germanwings-Flugs  gewesen sei. Das sei das Ergebnis der Analyse des Sprachrecorders gewesen. Die Zeitung berief sich auf einen Mitarbeiter der Untersuchungskommission in Frankreich, wird aber diese Quelle sicherlich an anderer Stelle verifiziert haben. Unter diesem Druck teilte der Staatsanwalt in Frankreich in der Mittagszeit mit, dass es sich um einen vorsätzlich verursachten Absturz gehandelt habe.

          Kurze Zeit später übernahmen die beiden betroffenen Fluggesellschaften diese Darstellung. Allein die Pilotengewerkschaft Cockpit äußerte Zweifel an der Indizienkette, die vom Staatsanwalt in Marseille dargelegt worden war. „Wenn wir von einem Bild der Flugunfalluntersuchung sprechen, dann fehlen uns noch viele Puzzle-Teile“, so formulierte das, hinreichend vorsichtig, bei Maybrit Illner das Cockpit-Vorstandsmitglied Markus Wahl. Der Journalist Andreas Spaeth sprach von dem Erstaunen, dass plötzlich „vom Staatsanwalt so weitreichende Schlussfolgerungen gezogen worden sind“.  Er wies auch auf frühere Fälle hin, in denen sich französische Staatsanwälte bei Abstürzen mit Airbus-Maschinen mehr darum bemüht hätten, Schaden von Airbus abzuwenden als Sachverhalte aufzuklären.

          Hören die Moderatoren noch zu?

          Deshalb müsse die Indizienkette des Staatsanwalts nicht falsch sein, so Spaeth, aber das von der „New York Times“ beschleunigte Verfahren muss erstaunen. Allerdings fragte man sich schon im „heute journal“, ob Journalisten eigentlich noch zuhören. Der Moderator Christian Sievers interviewte im Studio den Psychologen Rudolf Egg. Dieser sprach von einem Abschiedsbrief, den der Täter „wohl geschrieben haben muss.“ Das wäre der Beweis für den Suizid, den die Indizienkette des Staatsanwalts auch nach dessen eigener Aussage nicht zu erbringen vermochte. Nur, warum kümmert sich niemand um diese Vermutung, geäußert von einem angesehenen Vertreter seines Fachs in einer der wichtigsten deutschen Nachrichtensendungen? Warum lieber Mutmaßungen über psychologische Dispositionen? Sievers überging die Aussage. Er nahm sie noch nicht einmal kritisch zur Kenntnis, in der späteren Sendung von Maybrit Illner geschah das allerdings auch nicht. Es sind solche Versäumnisse, die einen wirklich fassungslos machen. Niemand wird ein Puzzle beenden können, wenn man solche Teile unter den Tisch fallen lässt. Ob es passt, wird man so übrigens auch nicht feststellen können.

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