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Veröffentlicht: 12.02.2016, 04:41 Uhr

TV-Kritik: Maybrit Illner „...dann kommt der Krieg zu uns“

Ist Russland der einzige Akteur im syrischen Bürgerkrieg, der noch erfolgreich eigene Ziele verfolgt? Findet Amerika zu einer neuen Rolle? Und wieso zitiert die Verteidigungsministerin Gedichte falsch?

von Hans Hütt
© Picture-Alliance Woche für Woche im Einsatz gegen die Probleme der Welt: Moderatorin Maybrit Illner

Welche Rolle spielt Deutschland in einem Krieg, in dem schon jetzt zu viele Mächte mit zweifelhaften Zielen mitmischen? Kein Wunder, dass wie ein Menetekel der Dreißigjährige Krieg in Erinnerung gelangt, auch wenn er in der Diskussion bei Maybrit Illner nur als stiller Gast zugegen war.

Den Auftakt macht ein Abtrünniger. Dominic Musa Schmitz ist ein vom Glauben abgefallener Salafist. In seinem Repertoire sind nur die weichen Worte der Ideologie erhalten geblieben. Auch sie machen schaudern. Halt habe er im Salafismus gefunden, Brüder, Ordnung und Struktur im Alltag. Wie er redet, illustriert er Sozialarbeit als Rekrutierungsstrategie, die die Einfalt und Sehnsucht ihrer Kämpfer im Wartestand geschickt ausbeutet und so genau diejenigen Seiten anspricht, die einer auf Rationalität setzenden politischen Bildung unzugänglich scheinen.

Für den Krieg in Syrien sieht er „keine Endlösung“, was nicht besonders verwundert in einer Runde mit der deutschen Verteidigungsministerin, dem amerikanischen Oberbefehlshaber in Europa, einem amerikanischen Think-Tank-Manager, dem Vorsitzenden der Bundestagsfraktion der Linken und dem UN-Korrespondenten der taz. Welche Rolle spielt der junge Abtrünnige in dieser Runde? Müssen erst alle wie er vom Glauben abfallen, für den sie Krieg führen, ehe eines fernen Tages das Schlachten aufhört?

Lyrische Verwirrung

Ministerin von der Leyen sucht Zuflucht bei Bertolt Brecht, allerdings mit einer Zeile, die nachweislich nicht von ihm stammt. Da hat ihr Lyrik-Referent nicht aufgepasst. „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“. Das stammt von dem amerikanischen Autor Carl Sandburg. Die folgende Zeile „dann kommt der Krieg zu uns“ hat ein anonymer Autor dran geklebt.

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Hätte von der Leyen Brechts Gedicht „Wer zu Hause bleibt“ zitiert, wäre sie in eine Kalamität gelangt - denn um welche Sache ginge es Deutschland in diesem Krieg? So lange sie diese Frage nicht einmal halbherzig wahrheitsgemäß beantworten kann, sollte sie besser nicht mit Lyrik kommen und schon gar nicht mit Brecht. Immerhin hält sie zutreffend fest, dass in diesem Bürgerkrieg viele Akteure Interessen verfolgen.

Russland als Teil des Problems und der Lösung

Offenkundig gibt es zur Zeit nur Russland, das eigene Interessen nicht nur verfolgt, sondern auch durchsetzt, was General Hodges zu dem zwiespältigen Satz veranlasst: „Wir brauchen Russland als Teil der Lösung.“ Dass Russland auch ein Teil des Problems ist, scheint allen ohnehin bewusst. Dietmar Bartsch, der Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, sieht Kompensationsgelüste am Werk und betrachtet das russische Engagement als Antwort auf eine Bemerkung des amerikanischen Präsidenten Barack Obama, der Russland als Regionalmacht bezeichnet hatte.

Fred Kempe, der Think-Tank-Mann, bemängelt, dass die amerikanische Zurückhaltung in Syrien zu einem Machtvakuum geführt habe, das andere inzwischen füllten. Eine sehr zurückhaltende Würdigung der Roten-Linie-Politik Barack Obamas, der um keinen Preis im letzten Jahr seiner Amtszeit einen großen Krieg führen will.

Zu viel und zu wenig Wahrheit

Taz-Autor Andreas Zumach ist zu gut informiert, aber auch so ungeduldig, als verfolgte er ein eigenes Verhandlungsmandat, vermutlich im Namen der Wahrheit, von der es in diesem Konflikt zu viel und zu wenig zugleich gibt. Die Zeichen seien früh, aber folgenlos zu erkennen gewesen. Frau von der Leyen zieht eine Linie vom falsch zitierten Gedicht zur eigenen Politik: „Wir müssen uns kümmern!“ Nur worum? Mit welcher Aussicht auf Erfolg?

General Hodges ist der Empiriker in der Runde. Mit Interesse beobachtet er neuestes russisches Gerät im Einsatz, als wäre Syrien bloß eine Feldübung für einen größeren Einsatz. Gegen wen hat Russland seine modernste Luftabwehr nach Syrien gebracht? Doch nicht gegen fliegende Untertassen vom Mars! Die Neugier des Generals weicht der säuerlichen Einsicht, dass Russland Teil der Lösung werden müsse. Nur welcher?

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