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TV-Kritik „Maischberger“ : Und was ist mit den wichtigen Fragen?

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger stell ihren Gästen (hier Moderator Johannes B. Kerner) viele konfuse Fragen. Bild: WDR/Max Kohr

Nach dem Kanzler-Duell tut Sandra Maischberger in ihrer Sendung so, als sei sie nicht dabei gewesen und stellt viele konfuse Fragen. Doch auch ihre Gäste erweisen dem Verständnis von Demokratie keinen Gefallen.

          Schon die Ankündigung der Sendung führte in die Irre. Es geht um die Frage „Der verwirrte Wähler - Welche Partei steht noch wofür?“ Und Sandra Maischberger baut erst einmal Pappkameraden auf. Welche konservativen Inhalte hat Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgegeben? War das Festhalten an der Atomkraft konservativ? War das Aussetzen (nicht die Abschaffung!) der Wehrpflicht nicht konservativ? Warum? Kennt sie das ARD-Interview mit der Kanzlerin, in der Frau Merkel den Unterschied zwischen Aussetzung und Abschaffung erläuterte? Offenkundig nicht. Und warum behauptet Frau Maischberger, die Perspektive eines EU-Beitritts der Türkei sei ein Eckpfeiler sozialdemokratischer Türkeipolitik? Von welcher Türkei redet sie da?

          Die von Frau Maischberger zu klassisch erklärten Lagerwahlkämpfe gibt es nicht, weil nach acht Jahren Großer Koalition mit einer dazwischen gemischten schwarz-gelben Episode fast wie ein Naturgesetz die politischen Ränder gewinnen und die FDP, nach schmählicher Performanz in der vorletzten Bundesregierung, schon glücklich darüber sein kann, wieder ins Parlament zu kommen und Sachkompetenz zu erwerben.

          Unerfreuliche Prosaformate

          Maischbergers Redaktion scheint auch nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, wie die politische Integralrechnung moderner Parteien heute aussieht. Sie haben Flügel, die ein breites Spektrum von Positionen vertreten und ihre Parteien damit wählbarer machen. Widersprüche sind Teil des politischen Spiels. Wahlprogramme werden von den wenigsten gelesen und gehören zu eher unerfreulichen Prosaformaten.

          Was aber macht so viele Wählerinnen und Wähler in diesem Jahr so kurz vor der Wahl so unentschieden? Weil die Unterschiede zwischen den regierenden Parteien und der Opposition nicht deutlich genug sind? Davon kann seit dem Markteintritt der sogenannten Alternative für Deutschland und angesichts der in manchen Ländern starken, in anderen schwachen Grünen keine Rede sein. Die Linke sehnt sich nach einer Verlängerung in der Opposition.

          Wer sich noch nicht entschieden hat, befindet sich in bester Gesellschaft. In Maischbergers Runde fehlten Beobachter aus den Vereinigten Staaten, aus Frankreich und dem Vereinigten Königreich, die über den deutschen Wahlkampf den Kopf schütteln. Welcher Spitzenpolitiker hat sich zu der Frage geäußert, welche Folgen eine entglobalisierte Weltwirtschaft für den Exportweltmeister haben würde? Wie gut und gerne lebt es sich in einem Land, dessen Geschäftsmodell sich in Zeitlupe zerlegen könnte?

          Statt solchen Fragen nachzugehen, widmet man sich der demoskopisch erhärteten Ungewissheit und strengt sich 75 Minuten ordentlich an, die Ungewissheit nach Kräften zu mehren. Der einzige in dieser Runde, der aufgeräumt argumentierte, war Johannes B. Kerner, der schon per Briefwahl gewählt hat. Provokativ unaufgeräumt war Jan Fleischhauer, der auf das Erstarken des Rechtsliberalismus im Parlament setzt.

          Einer wird gewinnen!

          In diesem Jahr sind 36,1 Prozent der Wähler älter als 60 Jahre alt. Szenen aus den Elefantenrunden der 80er Jahre nähren bei ihnen vermutlich weder Sehnsucht noch Abscheu, denn sie sind aus einer Welt, die es nicht mehr gibt. Ole von Beust vermisst die Elefanten nicht. Der weltanschaulichen Teilung weint er keine Träne nach. Ralf Stegner vermisst die Leidenschaft, als könnte er sie schnitzen. Treffender charakterisiert er die Angst vor Fehlern, die dazu führe, dass politische Positionen scheinbar uninteressant werden.

          Johannes B. Kerner geißelt das Kanzler-Duell, bei dem zu viel über Themen gesprochen worden sei, auf die die Wählerschaft keinen Einfluss hat. Seltsam berührt seine Idee, Wahlkampf als Wettbewerb um die beste Idee zu betrachten. Das klingt nach einer Show-Idee: Einer wird gewinnen. Leider gab es die erstmals in dem Jahr, in dem er geboren wurde.

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