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TV-Kritik: „Maischberger“ : Adam hat die rote Karte

  • -Aktualisiert am

TV-Moderatorin Sandra Maischberger Bild: dpa

Sandra Maischberger diskutiert mit ihren Gästen über den Religionskrieg des „Islamischen Staates“ und das Verhältnis der Katholiken zur Abtreibung. Der Erkenntnisgewinn geht gegen null. Nur Heiner Geißler fällt aus dem Rahmen.

          Religionskritik und Amtskirchen haben etwas gemeinsam. Beide fallen gerne hinter einen erreichten Reflektionsstatus zurück. Tertullians „Credo, quia absurdum est“ („Ich glaube, weil es unvernünftig ist“) wird unter Wert gehandelt. Gottes Sohn ist sterblich. Zumutungen erscheinen heute nicht mehr zumutbar. Die Radioandachten der evangelischen und der katholischen Kirche morgens um 6:35 Uhr im Deutschlandfunk bezeugen eine bestürzende Einfalt. Es wäre eine groteske Überschätzung, traute man diesen Tönen zu, die Welt zu spalten. Der Titel der Sendung von Sandra Maischberger („Spaltet Religion die Welt?“) beschwört zudem die Idee einer einigen Welt, die nicht einmal als fromme Wunschvorstellung ernst genommen werden könnte.

          Schartige Religionskritik

          Mit welcher Evidenz wird der einen Religion Friedfertigkeit zu-, der anderen aberkannt? Die Gesellschaft scheint heute so säkular zu sein, dass die Instrumente der Religionskritik schartig werden. Dagegen wirkt der greise Heiner Geißler schon fast wie ein Moses, wenn er feststellt, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Gott werde quasi in Haftung genommen für fundamentalistischen Unsinn.

          Was für ein Kontrast zur Einfalt der Religionskritik, wie sie an diesem Abend von Philipp Möller („Ich bin als Atheist zur Welt gekommen“) und Angelika Kallwass vertreten wird, wenn man Gerhard Rühms „glaubensbekenntnis“ hört. Tatsächlich folgt die Dramaturgie der Sendung unfreiwillig einem Skript, das der Chef des „Islamischen Staates“ Abu Bakr al-Baghdadi 2014 in der Großen Moschee von Mossul verkündet hat. Er erhebt sich zum Kalifen und definiert das Territorium des Kalifats. Seither führt das Kalifat einen Religionskrieg. Die Antwort des Westens, der „Krieg gegen den Terror“, ist säkular, umgeht die Unheilstheologie des Kalifats, wenngleich es unter den Freischärlern dieses Krieges auch christliche Fundamentalisten gibt.

          Ob der Westen es will oder nicht, ändert nichts daran, dass er sich aus dem Blickwinkel seiner Gegner in einem Religionskrieg befindet. Das nicht zu verstehen, kann auch unfreiwillig zu Komik führen, wenn der Katholik Martin Lohmann lapidar einräumt, dass bei den Kreuzzügen einiges schief gelaufen sei. Er sähe Religion lieber als „Vehikel des Friedens“, ein Papamobil des Eiapopeias.

          Bewundernswerter Wilder

          Was soll eine Bischöfin außer Dienst auf die Frage antworten, ob die Welt besser wäre ohne Religion? Margot Käßmann sagt, sie sei überzeugte Christin. Was fügt das „überzeugt“ ihrem Christsein zu, das darin nicht enthalten ist? Heiner Geißler wird immer mehr zu einem bewundernswerten Wilden. Nicht umsonst hat er bei den Jesuiten studiert. Gott als den ganz Anderen zu wissen, macht ihn zum Christen, ohne dass er Zuflucht bei einem Adjektiv suchen muss. Dem Gott des Evangeliums sei nie so geschadet worden wie durch die Theologie und die im Namen Gottes verübten Verbrechen.

          Was hat in dieser Diskussion die einfältige Wutrede des Konzertveranstalters Marek Lieberberg am Nürburgring („Rock am Ring“) zu suchen? Was hat der extrem gebügelte Geschäftsmann den Muslimen der Welt mitzuteilen, was sie nicht wissen? Khola Maryam Hübsch weist darauf hin, dass die überwiegende Mehrheit der Muslime sich vom Terror distanzieren.

          Schlupfwespe und Plattenverschiebungen

          Auf Martin Lohmanns katholisches Selbstbekenntnis antwortet Geißler mit der Theodizeefrage, warum Gott die Schlupfwespe und die tektonischen Plattenverschiebungen zwischen Europa und Afrika geschaffen habe. Lohmann möchte weder über die Schlupfwespe noch über die Theodizee reden. Der Ingrimm Geißlers („ich habe den Glauben verloren, den evangelische und katholische Kirche repräsentieren“) hätte ohne den Firlefanz der anderen Gäste für einen spannenden Abend gesorgt. Es gab zu viel Mumpitz, etwa dass Gott Gebete erhört (Hübsch) und dass Religionen Antwort auf menschliche Ängste seien (Kallwass). Geißler dagegen tobt gegen Thomas von Aquin und Augustinus, als läge es in seiner Macht, sie aus der Überlieferung zu tilgen.

          Die Diskussion über das Verhältnis der katholischen Kirche zur Abtreibung führt zu keinen neuen Erkenntnissen, davon abgesehen, dass sie Martin Lohmann Gelegenheit dazu gibt, Werbung für eine Kundgebung in Berlin zu machen. Ein anderer Fall ist das Urteil eines Strafgerichts in Cottbus. Was bringt die Richter auf die Idee, die Tötung einer Frau aus Rücksicht auf den muslimischen Glauben des Mannes nur als Totschlag zu bestrafen? Gilt ein religiöses Bekenntnis als strafmilderndes Tatbestandsmerkmal?

          Die weitere Diskussion mäandert ohne Erkenntnisgewinn über die Dörfer. Zwei bekennende Atheisten, die glaubensselige Muslima, der selbstgefällige Katholik und die lutheranische Bischöfin a.D. hätten besser zu Hause bleiben und da einem spannenden Einzelgespräch Sandra Maischbergers mit Heiner Geißler zuhören können. Wäre da nicht Michelangelos Adam, der seinem Schöpfer die rote Karte zeigt. Diese Bildmontage im Hintergrund des Studios hätte eine andere Diskussion möglich gemacht. Verschenkt!

          Quelle: FAZ.NET

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