http://www.faz.net/-gsb-7n8c3

TV-Kritik: Hart, aber fair : Von der Realität überholt

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg Bild: WDR/Klaus Görgen

Der Prozess gegen Uli Hoeneß begann mit einem Donnerschlag. Bei Frank Plasberg zündete daraufhin bloß ein Knallfrosch. Die Gäste waren für eine ganz andere Diskussion bestimmt.

          Schon Günther Jauch hatte am Sonntag Abend mit seiner Sendung über den gestern begonnenen Prozess gegen Uli Hoeneß wirklich Pech gehabt. Er musste mit einem evangelischen Bischof über Moralfragen diskutieren, während hoch geschätzte Kollegen vom „Stern“ und dem Recherchebündnis von „Süddeutsche Zeitung“, WDR und NDR keine Ahnung hatten, was beim ersten Verhandlungstag geschehen sollte. Die Neigung von Rechtsanwälten und Staatsanwaltschaften, den Medien schon vor Prozessbeginn ihre Sicht der Dinge durch Akteneinsicht zu vermitteln, ist offenkundig aus der Mode gekommen. Wenigstens auf Seiten der Anwälte von Hoeneß. Seine Verteidiger ließen dem Gericht ein Jahr nach der Selbstanzeige 70.000 (!) Seiten Papier der Schweizer Bank Vontobel zukommen. Dort fanden sich die 50.000 (!) Transaktionen, die Hoeneß im Laufe von 9 Jahren über seine Bank abwickelte. Das für Gericht, Staatsanwaltschaft und Öffentlichkeit überraschende Ergebnis: Hoeneß räumt nicht nur die in der Anklageschrift zu findenden 3,3 Millionen Euro hinterzogenen Steuern ein. Es sind jetzt 18,5 Millionen Euro. Rechtlich bedeute das aber keine Neubewertung der Selbstanzeige von Hoeneß, so ließen die Anwälte im Gericht verlauten.

          „Habe ich richtig gehört?“

          Alles andere wäre auch überraschend gewesen. Man kann nun wirklich nicht von einer Verteidigung verlangen, die Schuld ihres Mandanten nachzuweisen. Die Gerichtsreporterin des „Spiegel“, Gisela Friedrichsen, schilderte angesichts dieser Einlassungen die Atmosphäre im Gerichtssaal: Die „Verwirrung war allumfassend“. Jeder habe gefragt: „Habe ich richtig gehört?“. Was die Redaktion von "Hart, aber fair" ein wenig bedauert haben muss. Schließlich war jetzt ihr schönes Sendekonzept der Selbstbezichtigung von Hoeneß zum Opfer gefallen. Hatte Frank Plasberg doch die Gäste eingeladen, die auch schon nach der ersten Veröffentlichung der Causa Hoeneß im April vergangenen Jahres die Talk Shows bevölkerten. Den Finanzminister von NRW, Norbert Walter-Borjans, als Verteidiger der Steuergerechtigkeit. Utz Claassen, früher Manager in diversen deutschen Konzernen, heute ein profilierter Kritiker der Steuerverschwendung. Sowie Friedrich Schneider, Volkswirt an der Universität Linz, seit Jahrzehnten Spezialist beim Thema Schwarzarbeit. Dazu schließlich Manfred Breuckmann, legendärer Sportreporter des WDR, der auch jenseits der WDR 2 – Bundesligakonferenz sinnvolle Sätze zu formulieren weiß.

          So war die Sendung für jene Debatte gerüstet, die zwischen den Polen „Wir sind alle kleine Sünder“ und der „Staat ist ein großer Verschwender“ angetreten war, Erbauliches über den größten Fußball-Manager aller Zeiten, den barmherzigen Samariter der Armen und Geknechteten, jenen allzu-menschlichen Menschen Uli Hoeneß beizutragen. Man konnte sich denken, was noch gekommen wäre. Die Medienhetze, das Leiden des Uli H. an der Öffentlichkeit, der Prominenten-Malus als neues Stigma, vergeben von einer unbarmherzigen Staatsanwaltschaft. Hoeneß sei gestraft genug, so der zu erwartende Subtext. Selbst die Diagnose „Spielsucht“ sollte nicht fehlen. Jenes Narrativ, das Hoeneß über ein Interview mit der „Zeit“ der erstaunten Öffentlichkeit als Erklärung für seine Steuerhinterziehung im vergangenen Jahr angeboten hatte.

          Ein Interview mit Kärnten

          So war es wohl geplant. Die Gäste hätten nur das wiederholen müssen, was sie vor einem Jahr auch schon zu sagen hatten, und alles wäre gut gewesen. Am Donnerstag spricht das Gericht sein Urteil – und am kommenden Montag könnte Plasberg die nächste Sendung machen. Vielleicht mit einem Markencheck zum Thema Krimsekt. Leider kam der heutige Verhandlungstag dazwischen. Zwar mühte sich der Moderator, etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Er befragte Frau Friedrichsen in einem Einzelinterview als Prozessbeobachterin. Genauso wie Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“, der erstaunlicherweise den Hoeneß-Prozess an seinem Urlaubsort in Kärnten erlebt. Aber Frau Friedrichsen scheute sich, klare Antworten zu geben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundestagsvizepräsident : Der Problem-Kandidat

          Wenn der Bundestag an diesem Dienstag seine Vizepräsidenten wählt, könnte es zum Eklat kommen. Dass der AfD-Kandidat Albrecht Glaser scheitert, gilt als sicher – aber was geschieht dann?

          Streamingdienst : So analysiert Netflix seine Nutzer

          Die Online-Videothek gibt Milliarden für Eigenproduktionen wie „Stranger Things“ aus. Deshalb wird der Erfolg dieser Serien minutiös geplant. Und der Geschmack der Zuschauer ganz genau durchleuchtet.
          Facebook-Post von Hildmann: „Ein Bild mit einer Pumpgun beim Sportschießen ist noch lange keine Gewaltandrohung“, sagt er.

          Vegan-Koch Attila Hildmann : „Wir werden ja sehen, ob ich ausraste“

          Der Vegan-Koch Attila Hildmann schreibt, dass er einer kritischen Journalistin gerne Pommes „in die Visage gestopft“ hätte. Dann lädt er sie und ihre Kollegen zum Essen ein – dazu stellt er ein Foto, das ihn mit Schusswaffe zeigt. Was soll das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.