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Veröffentlicht: 13.06.2017, 05:56 Uhr

TV-Kritik: Hart aber fair Notwendiges Übel oder segensreiche Einrichtung?

Es ging um Pflegeheime in einer alternden Gesellschaft. Vor allem Eckart von Hirschhausen bemühte sich, nicht nur aus einer von Ängsten bestimmten Perspektive zu argumentieren.

von Frank Lübberding
© WDR/Oliver Ziebe Hatten auch bei diesem Thema mal was zu lachen: Karl Lauterbach und Eckart von Hirschhausen

Den wichtigsten Satz formulierte gestern Abend Frank Plasberg: Pflegeheim klinge mehr nach einem „notwendigen Übel als nach einer segensreichen Einrichtung.“ Es ging unter dem Titel „Waschen, pflegen, trösten - wer kümmert sich um uns, wenn wir alt sind?“ um eines der wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen der näheren Zukunft. Der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD) benannte das Problem: Allmählich nähern sich die Baby-Boomer-Jahrgänge dem Rentenalter und damit auch der eigenen Pflegebedürftigkeit. Sie selbst haben aber wesentlich weniger Kinder, die sich um sie kümmern könnten.

Die Pflege wird so zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, weil die meisten familiären Solidarsysteme damit schlicht überfordert sind. Sobald aber die Familien aus dieser Verantwortung faktisch entlassen werden, wird die Pflege zu einem Verhandlungsgegenstand der Politik. Sie muss entscheiden, ob die Pflegeheime zu einer „segensreichen Einrichtung“ oder zu einem angstbesetzten „notwendigen Übel“ werden.

Pflege als Verteilungskonflikt

Damit haben wir es mit einem Begriff zu tun, der gestern Abend allerdings nicht fiel: Mit Verteilungskonflikten. Die Pflege konkurriert jetzt mit allen anderen Politikbereichen um die knappen Ressourcen, wenn sich nicht mehr wie früher vor allem die Töchter und Schwiegertöchter unentgeldlich um die pflegebedürftigen Eltern und Schwiegeltern kümmern. Ein Betreiber von Pflegeheimen wie Bernd Meurer sieht darin ein Geschäftsmodell, während sich ein Altenpfleger wie Ante Caljkusic um die Belange der Beschäftigten sorgt.

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Susanne Hallermann vertrat dagegen mit ihrer Lebensgeschichte die Sichtweise der pflegenden Angehörigen. Sie hatte ihre Oma und den Vater betreut, deswegen ihren Beruf als Krankenschwester aufgegeben, und war schließlich auf die Grundsicherung, also Hartz IV, angewiesen. Das führt zu entsprechenden Einbußen bei ihren Ansprüchen an die gesetzliche Rentenversicherung und die Aussicht auf Altersarmut. Mit der Gründung des Vereins „Wir pflegen e.V." will sie den Interessen dieser Gruppe eine Stimme verschaffen. Das betrifft etwa die Anerkennung von Pflegezeiten, vergleichbar mit den Kindererziehungszeiten für Väter und Mütter. Das wurde übrigens schon vor der Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung im Jahr 1995 diskutiert, ist aber erst in dieser Legislaturperiode umgesetzt worden.

Bei Frau Hallermann wurde der Widerspruch in dieser Debatte deutlich. Wenn sie sich um pflegebedürftige Menschen außerhalb der eigenen Familie gekümmert hätte, wäre das ein Beruf gewesen: Mit einem Gehalt, geregelten Arbeitszeiten, Urlaubsansprüchen und der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Als pflegende Familienangehörige hat sie darauf keine Ansprüche. Aber sie übernimmt diese Aufgabe nur aus Solidarität mit ihren unmittelbaren Familienangehörigen. Für Fremde hätte sie das sicherlich nicht getan. Daraus nun entwickeln sich Ansprüche an den Sozialstaat, der diese Opferbereitschaft kompensieren soll. Frau Hallermann fand ein entsprechendes ökonomisches Argument: den weitgehend unbezahlten Aufwand von Familienangehörigen den Kosten in Einrichtungen wie Pflegeheimen gegenüberzustellen.

Einen Berufsstand vor die Wand gefahren?

Unter diesen Voraussetzungen kann man allerdings schlecht die Ökonomisierung der Pflege beklagen. Sie findet dort ihr wichtigstes Argument. Die Pflege ist somit längst von einer Privatangelegenheit betroffener Familien zu einer sozialpolitischen Aufgabenstellung geworden. Genausowenig ist die These überzeugend, dass man mit den Pflegeberufen „in den letzten zwanzig Jahren einen ganzen Berufsstand vor die Wand hat fahren lassen“, wie es der Moderator und Buchautor Eckart von Hirschhausen formulierte. Nichts ist falscher als diese Annahme. Schon vor der Einführung der Pflegeversicherung galten die Alten- und Pflegeheime zumeist als bloße „Verwahranstalten“. Für viele Familien waren sie auch keine Alternative, weil es keine sozialstaatliche Kostenübernahme außerhalb des damaligen Sozialhilfesystems gab. Viele Töchter und Schwiegertöchter waren nicht zuletzt deshalb schlicht gezwungen, sich um ihre Familienangehörigen zu kümmern. Es war gewissermaßen alternativlos.

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