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TV-Kritik: Hart aber Fair : Was die Griechenland-Krise mit Konstantinopel zu tun hat

Frank Plasberg im Studio Bild: WDR/Klaus Görgen

Frank Plasberg findet in seiner Sendung tatsächlich noch neue Argumente zur Griechenland-Krise. Vielleicht begann alles vor mehr als 500 Jahren.

          Griechenland, Griechenland, Griechenland – kann die gefühlt 73. Talkshow rund um die griechische Schuldenkrise noch etwas Neues zum Thema bringen? Sie kann.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Während in Brüssel die Finanzminister der Eurozone einmal mehr unverrichteter Dinge auseinander gingen, hatte Frank Plasberg in „Hart aber fair“ der Sendung eine Runde zusammengestellt, die wenigstens etwas Erhellung brachte.

          Das lag nicht am ehemaligen Chef der Hilfsorganisation „Cap Anamur“, Elias Bierdel. Der klischierte den Griechenland-Versteher. Griechenlands Minister haben mehrere Familienmitglieder in neue Ämter gehoben? Nein, Vetternwirtschaft ist das nicht, findet Bierdel: Da sei eben eine Bewegung an die Macht gekommen, die jetzt die alten Leute aus den korrupten Apparaten ersetzen müsse.

          Die Journalistin und Brüssel-Korrespondentin Silke Wettach lieferte zuverlässig die Brüsseler Mainstream-Position: Griechenland darf zwar aus außenpolitischen Gründen nicht aus dem Euro ausscheiden, das würde ganz Europa gefährden und in Hellas möglicherweise einen „Failed State“ hinterlassen. Die neue Regierung aber erschwere mit ihrer Unprofessionalität und ihrem Hin-und-Her die Verhandlungen.

          Zwei Gäste brachten die Überraschung

          Auf der anderen Seite des Spektrums blieb AfD-Politiker Hans-Olaf Henkel voll in der Rolle dessen, der die Griechen möglichst schnell aus dem Euro haben möchte – so wie er es schon fast auf den Tag genau vor einem Jahr bei Frank Plasberg gefordert hatte. Und in den Jahren davor.

          Auch Bayerns Finanzminister Markus Söder wiederholte, was er immer sagt: Griechenland muss seine Hausaufgaben machen. Es geht nicht nur ums Geld, sondern auch um die Reformen: In Griechenland müsse ein funktionierender Staat geschaffen werden. Darin steckt viel Wahres, phrasenhaft bleibt es trotzdem. Das Wort „Hausaufgaben“ fiel kaum seltener als „Griechenland“.

          Doch mit zwei neuen, selten gesehenen Gästen schaffte Frank Plasberg noch die eine oder andere Überraschung. Der erste war Giorgos Chondros aus dem Vorstand von Alexis Tsipras‘ Partei Syriza. Dem rang Plasberg durch mehrfaches Nachfragen das Eingeständnis ab, dass Syriza ganz Europa auf die Links-Linie seiner Partei bringen wolle.

          „Deutscher Verstand und griechisches Herz“

          Spannender war aber der deutsch-griechische Filmregisseur Jorgo Papavassiliou, der in Deutschland sein Abitur gemacht hat und anschließend hier auch studierte. Er beschrieb – unter Kopfschütteln von Syriza-Vorstand Chondros –, wie in Griechenland mit Regeln umgegangen wird. Alles fange an mit Rauchverboten, die nicht eingehalten werden. Denn, so findet Papavassiliou: In Griechenland haben Regeln historisch einen kleinen Stellenwert.

          1453 eroberten die Osmanen Konstantinopel, danach hatten sie fast 400 Jahre lang die Macht über Griechenland und setzten ein Feudalsystem durch, in dem fast jeder Grieche von einem Großgrundbesitzer abhängig war – aber sich auch auf ihn verlassen konnte. „Die Griechen haben in den vergangenen Jahren immer nur einen neuen Großgrundbesitzer gewählt“, sagte Papavassiliou und zeichnete auf, wie selbst Dorfbürgermeister danach gewählt werden, wem sie welche Posten versprechen.

          Rauchverbot als Exempel

          Am simplen Beispiel der Rauchverbote, so fand er, hätte die neue griechische Regierung im Land ein Zeichen setzen können. Würde die Regierung erst mal Rauchverbote durchsetzen, würde sie signalisieren, dass sich das Land ändert und Regeln künftig einzuhalten sind.

          Da passte es, dass Plasberg einen Einspieler von Ministerpräsident Alexis Tsipras im griechischen Parlament hatte, in dem Tsipras die Bedeutung von Regeln kleinredete: Die Eurokrise entscheide sich nicht an den Details der Reform-Verhandlungen. Griechenland sei nicht wegen der Regeln in die EU oder in den Euro gekommen, sondern nur wegen des politischen Willens. Auf den werde es auch dieses Mal wieder ankommen.

          Regisseur Papavassiliou ist vor wenigen Jahren nach Griechenland zurückgezogen. Seine Kinder gehen dort aber auf die deutsche Schule. „Sie sollen mit deutschem Verstand und griechischem Herzen aufwachsen.“

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