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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Jetzt wissen wir, was Angela Merkel macht: Revolution!

Angela Merkel 2012 bei einem Moschee-Besuch in Indonesien Bild: dpa

Mit den Flüchtlingen kommt der Islam nach Deutschland. Doch wer verändert wen: die plurale Gesellschaft die Religion oder umgekehrt? Folgen wir „Hart aber fair“, setzt die Bundeskanzlerin das Land gerade einem Test aus.

          Frank Plasberg traut der Bundeskanzlerin ganz schön was zu. Was wäre, fragt der Moderator gegen Ende seiner Talkshow „Hart aber fair“ an diesem Montag, wenn Angela Merkel die Tür für die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten auch deshalb so weit geöffnet hätte, damit wir endlich „klare Kante“ zeigen und über so etwas wie „Leitkultur“ oder besser „demokratische Grundwerte“ sprechen können, ohne in irgendwelche Political-Correctness-Debatten zu verfallen? Tja, was wäre dann?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Dann hätte Angela Merkel ein zweites Mal alle überrascht und jene Lügen gestraft, die ihr nachsagen, sie handele erst lange gar nicht und dann überhastet und immer populistisch, nie aus Prinzip.

          Es wäre der zweite Realitätsschock, den die gelernte Physikerin dem Land verpasst. Der erste war der Atomausstieg. Der zweite ist die Einwanderung. Beides wollen wir an dieser Stelle mit der Bundeskanzlerin einmal „alternativlos“ nennen. Weil in Jahrmillionen herum strahlendem Atommüll nicht die Zukunft der Energiegewinnung liegt und weil die Flüchtlinge kommen, ob irgendjemand das will oder nicht.

          Union und Grüne bilden keine Fronten mehr

          Und weil man zu guten Lösungen nur kommt, wenn man das Problem erkannt hat und – nur als Beispiel – nach fünfzig Jahren Zuwanderung nicht immer noch der Fiktion nachhängt, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Das aber sagt heute sogar in der CSU kaum noch jemand laut, schon gar nicht in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs. Und worüber reden SPD und Grüne fortwährend? Vom Grundgesetz, das alle zu respektieren haben, von den Pflichten der Zuwanderer und davon, dass nicht alle bleiben können. So schnell haben sich die Fronten verkehrt, so gut funktioniert die Dialektik der Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin macht Revolution von oben und (fast) keiner merkt es.

          Was diese Revolution angeht: Willkommen heißen wollen die Flüchtlinge in diesem Land die meisten, und das ist auch gut so. Nur ist es damit selbstverständlich nicht getan, wie sich nach den ersten Tagen des Ansturms schnell zeigt. Die Aufgabe ist gewaltig, reagieren Politik und Bürokratie mit dem üblichen Tempo, könnte nicht nur die Stimmung kippen, sondern die Gesellschaft einer Zerreißprobe ausgesetzt sein. Diese könnte – neben der logistischen Herausforderung – mit dem Thema zu tun haben, das sich Frank Plasberg ausgesucht hatte: „Merkel bejubeln, an Mohammed glauben: Wie viel Islam gehört zu Deutschland?“

          Kein Handschlag für den Imam

          Dass immer mehr Islam zu Deutschland gehört, braucht man angesichts der Flüchtlingszahlen aus dem Nahen Osten niemandem zu erklären. Dass die Aufgabe wächst, diese Religion auf den im Grundgesetz formulierten Wertekanon zu verpflichten, versteht sich auch von selbst. Und es sollte sich zudem verstehen, dass die islamischen Verbände in diesem Land langsam konsequent entsprechend auftreten und handeln.

          Mit dem ewigen Salbadern und dem Herumeiern sollte es vorbei sein. „Klare Kante“ ist angesagt, nicht nur, wenn es darum geht, zu beteuern: Der IS hat nichts mit dem Islam zu tun. Sondern auch, wenn das Verhalten eines Imams zu beurteilen ist, der in Rheinland-Pfalz bei der Aufnahme von Flüchtlingen mitwirkt, der CDU-Politikerin Julia Klöckner aber nicht die Hand geben will.

          Leider fällt der Beitrag von Zekeriya Altug von Vorstand der DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) in NRW genau an dieser Stelle so windelweich aus, wie man das kennt. Da ist von „Umgangsformen“ die Rede, die man abgleichen und von neuen, die man bilden solle, ganz so, als läge die Sache nicht auf der Hand. Was der konservative Imam als Höflichkeit gegenüber einer Frau versteht, ist in diesem Land ein Zeichen der Herabwürdigung. Und in den Gesten drückt sich eine Werthaltung aus. Das zu erkennen, darauf legt bei Plasberg auch Dietmar Ossenberg Wert, der als langjähriger Nahost-Korrespondent des ZDF die Usancen in arabischen Ländern kennen- und vieles dort schätzen gelernt hat:  Es müssen die Werte gelten, die wir haben.

          Ideologische Scheuklappen fallen

          Kein Widerspruch in der Runde, selbstverständlich nicht bei Jens Spahn von der CDU, nicht bei dem Islamkritiker Hamed Abdel-Samad (der auch an diesem Abend das Problem hat, andere nicht ausreden zu lassen, selbst aber nicht zum Ende zu kommen), aber auch nicht bei der stellvertretenden NRW-Ministerpräsidentin Sylvia Löhrmann von den Grünen, die zwar dem Habitus nach das ewig Beschwichtigende einer Margot Käßmann ausstrahlt, aber auf Plasbergs Frage nach der Merkelschen Dialektik immerhin in einem Nebensatz wegnuschelt, dass man es sich mit der Integrationspolitik bislang vielleicht etwas zu leicht gemacht hat. So schnell können ideologische Scheuklappen fallen.

          Der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad

          Bis die anderen Scheuklappen fallen, das wird noch dauern, hört man jemandem wie Zekeriya Altug zu, der seine Sache bei Plasberg ansonsten gut macht und sich von dem energischen Hamed Abdel-Samad nicht aus der Reserve locken lässt, als der darauf hinweist, dass der Prophet Mohammed ob seines Lebenswandels als Gewaltherrscher ein Vorbild abgebe, dem die Kämpfer des IS vollkommen zu entsprechen glauben, das es aber zu dekonstruieren gelte. Man müsse auch die „Werte der Muslime“ respektieren, sagt Zekeriya Altug an einer Stelle, an der die Diskussion wieder von vorne hätte beginnen können, weil offenbar wurde, dass der Grundkonsens eben noch nicht hergestellt ist, den ein Zuschauer der Plasberg-Sendung in den Satz fasst: Religion soll das Leben bereichern, aber nicht bestimmen. Und das Leben in einer offenen, demokratischen, pluralen Gesellschaft schon gar nicht. Mal sehen, mit welcher dialektischen Volte Angela Merkel auf diese Herausforderung reagiert.

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