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Veröffentlicht: 12.01.2016, 07:25 Uhr

TV-Kritik: Hart aber fair In Teufels Küche

Die Attacken auf Frauen in der Silvesternacht in Köln überfordern das Weltbild deutscher Politiker. Das zeigt sich bei „Hart aber fair“ im Ersten am Beispiel von Hannelore Kraft und Renate Künast. Sie wollen das Problem gar nicht sehen.

von Frank Lübberding
© WDR/Klaus Görgen „Hart aber fair“-Moderator Frank Plasberg

Wenn Politik etwas verspricht, was sie nicht umsetzen kann,“ sagte die Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, „kommt sie erst recht in Teufels Küche“. Hannelore Kraft formulierte das so gestern Abend bei Frank Plasberg. Sie meinte damit die Forderung nach einer Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen. So hätte sie das auch vor Weihnachten sagen können. Da ahnte  Hannelore Kraft aber noch nicht, was passiert, wenn man Versprechen nicht einhält. „Viele fragen sich darum, wie sicher ist es noch bei uns?“, hatte sie in ihrer Neujahrsansprache gesagt, um anschließend ihr „großes Vertrauen in die Polizei und Justiz“ zu bekunden. Auch wenn es zur Ehrlichkeit gehöre, dass es absolute Sicherheit nicht geben könne. „Deshalb muss jede und jeder Einzelne wachsam bleiben“, so die Ministerpräsidentin. „Entscheidend ist aber, dass wir uns unsere Art zu leben, erhalten.“

Hannelore Kraft war schon in Teufels Küche geraten, als sie vor winterlicher Bergkulisse den Rheinländern und Westfalen ihre guten Wünsche zum neuen Jahr ausrichtete. In Köln waren in der Silvesternacht jene Ereignisse geschehen, die seit Tagen die Diskussion bestimmen. Für die hehren Worte von der Ehrlichkeit, der Wachsamkeit und der Erhaltung unserer Lebensart war schon das Dementi formuliert, als die Ansprache der Ministerpräsidentin lief. Nun, bei Plasberg, brachte sie zwar zu Beginn der Sendung ihre Bestürzung über diese Vorgänge zum Ausdruck. Es hätte „nicht passieren dürfen“ und man müsse alles tun, damit sich das nicht wiederhole. Solche Sätze sind allerdings sinnlos, wenn Hannelore Kraft nur wenige Minuten später in die alte Phraseologie zurückfällt. Sie bemerkt noch nicht einmal, wer in des Teufels Küche sitzt: Nicht ihr Amtskollege aus Bayern, sondern sie selbst. Man könne etwas schaffen, was man sich vorher gar nicht zugetraut habe – dieser Formulierung der Ministerpräsidentin ist in Köln der Boden entzogen worden. Das kann man nur zurückgewinnen, wenn man sich wenigstens eingesteht, was eigentlich passiert ist.

Plasberg bemühte sich darum. Er hatte ein Opfer dieser Silvesternacht zu Gast und zitierte aus dem Bericht des Landesinnenministeriums zu den Geschehnissen. Der macht deutlich, was das Neue an den Übergriffen war und wer die Täter waren. „Es war entsetzlich und widerlich“, so Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung. Die grüne Spitzenpolitikerin Renate Künast hatte vorher ein anderes Interesse genannt: Warum man nicht über das Neue und die Täter reden sollte, sondern über sexualisierte Gewalt in der deutschen Gesellschaft der vergangenen Jahrzehnte. Die gab es bekanntlich immer. Frau Künast nannte die Ablehnung des Straftatbestandes der „Vergewaltigung in der Ehe“ im Jahr 1997 in der Union. Sie erwähnte aus nachvollziehbaren Gründen nicht die Debatte bei den Grünen über die Legalisierung der Vergewaltigung von Kindern. Dabei hätte das durchaus gepasst: Welche Folgen es haben kann, wenn man systematisch wegsieht und die Wirklichkeit seinen ideologischen Annahmen unterordnet.

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