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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Du hast keine Chance, aber nutze sie!

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg diskutiert mit seinen Gästen über die Integrationspolitik. Bild: WDR/Dirk Borm

Frank Plasbergs Integrationsdebatte hat gleich mehrere Tiefpunkte. Den eingeladenen Einwanderern gelingt es aber, die Sendung vor den Ausfällen des Moderators zu retten.

          Gekommen um zu bleiben – wie werden aus Einwanderern Deutsche?“, fragte Frank Plasberg seine Gäste. Sie erzählten, wie sie Deutsche wurden, bevor das „Fördern und Fordern„ in Mode kam, weil sie sich selbst forderten. Das „Fördern und Fordern“ ist in der deutschen Gesetzgebungsprosa zu einem rhetorischen Mantra geworden. Es kommt ganz harmlos daher, erklärt sich fast wie von selbst. Es hat – vordergründig – die Praxis des deutschen Sozialstaats renoviert. Das Arbeitsamt wurde zu einer Agentur, Arbeitslose zu Kunden. Zugleich kam damit etwas in die Praxis der öffentlichen Verwaltung, das einer modernen Zivilgesellschaft nicht gut zu Gesicht steht: die gesetzlich verbriefte Chance, andere Menschen zu demütigen.

          Die Botschaft des Förderns und Forderns konditioniert einen Vorbehalt. Sie verfestigt ein Misstrauen. Sie stellt dem „Wir schaffen das“ ein Beinchen. Jedes Stolpern im Binnenverhältnis zwischen Fördern und Fordern wird zu einer Chance für Missgunst. Die Botschaft ist hinterwäldlerisch. Sie beharrt auf der Annahme, Deutschland sei kein Einwanderungsland. So vollzieht die Rhetorik der Gesetzgebung eine Springprozession und erweckt den Eindruck, sie wolle mit jedem Sprung lieber zurück als nach vorn.

          Hängenbleiben als Karrieregeschichte

          Nazan Eckes, Tochter eines Fließbandarbeiters bei Bayer, ist heute TV-Moderatorin. Peter Maffay Popstar, Mehmet Daimagüler erfolgreicher Anwalt, Neven Subotic Fußballstar. Daimagüler wirkt bei „Hart aber fair“ anfangs skeptisch: Man bleibe immer der Fremde. So bringt er einen existentialistischen Ton in die Runde, der die Realität vermutlich präziser erfasst, als viele wahrhaben wollen.

          Frau Eckes erlebte ihre Kindheit im Rückblick eher spielerisch, erinnert an den Spruch, wenn du Schweinefleisch isst, wirst du so rosa wie die Deutschen. Ihre Geschichte dokumentiert, dass die Kinder der Einwanderer die maßgeblichen Integrationsagenten ihrer Familien sind. Peter Maffay hatte es einfacher. Er kam aus Siebenbürgen nach Deutschland, sprach schon deutsch, seine Familie wollte eigentlich weiter nach Amerika, sei aber in Deutschland hängen geblieben. Hängenbleiben als Karrieregeschichte. Er könne niemandem, der in Not und Elend lebt, verdenken, wenn er die Flucht ergreift.

          Existenzialistischer Ton: Man lebt sein Leben

          Mehmet Daimagüler bleibt beim existenzialistischen Ton. Fast könnte man aus ihm Albert Camus´ Meursault hören: Man lebt sein Leben. Es gibt kleine und große Gemeinheiten. Was veranlasst Frank Plasberg zu der Frage, wo Mehmet Daimagüler begraben werden wolle? Dazu gehört schon eine ziemlich robuste Ignoranz. Im NSU-Prozess vertritt Anwalt Daimagüler Angehörige von Ismail Yasar und Abdurrahim Özüdogru. Aber Daimagüler macht gute Miene zu diesem Spiel und berichtet, wie cool er die Beerdigung seiner Mutter in Istanbul gefunden habe. Er wird wütend darüber, dass er wütend wird, stellt aber auch fest, wie viel offener Deutschland in den letzten 20 Jahren geworden sei. Die Willkommensbilder der Bahnhöfe haben ihn mit Stolz erfüllt. Einwanderung sei alles andere als ein Multikulti-Straßenfest. Integration hänge ab von Bildung und Arbeit.

          Soviel „sowohl als auch“ wie an diesem Abend ist von Markus Söder nur selten zu hören. Bayern tue viel für die Integration, mit Gesetz und 4,5-Milliarden-Budget. Es gebe aber auch Beispiele für Misslungenes: Parallelgesellschaften und No Go Areas.

          Neven Subotic ist der einzige Flüchtling in der Runde. Seine Familie floh, als er ein Jahr alt war, aus dem bosnischen Bürgerkrieg nach Deutschland, landete im Schwarzwald, lebte anfangs im Vereinsheim des örtlichen Fußballklubs unterm Dach. Sein Vater sei auf der Suche nach Arbeit von Tür zu Tür gegangen. Nach zehn Jahren sei die aufenthaltsrechtliche Duldung seiner Familie abgelaufen. Statt nach Bosnien zurückzugehen, konnte sie in die Vereinigten Staaten einwandern.

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