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TV-Kritik: Hart aber fair : Dickes Fell und Ohrenstöpsel

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg Bild: dpa

Eigentlich hätte die Sendung alle Zutaten für eine ausgewogene Auseinandersetzung mit der Lage gehabt. Das passte aber nicht in die Dramaturgie von „Hart aber fair“. Erst am Ende setzte sich die Vernunft durch.

          Mit der Vernunft ist es so wie mit dem Frieden. Ein bisschen ist immer ein bisschen viel zu wenig. Vernunft ist nur ganz oder gar nicht zu haben. Frank Plasbergs Thema gehört zu den Ja-Nein-Fragen: Bürger in Angst, Polizei unter Druck − ist unser Staat zu schwach? Solche Fragen sind nicht dazu geeignet, ein zutreffendes Bild der Lage zu ermöglichen. Sie bedienen eine Sehnsucht, die sich nur widerwillig mit der Realität befasst. Daraus wäre etwas zu machen: gebändigte Einsicht.

          Je weiter das vom Krawall wegführte, desto näher ermöglichte es ein Verständnis der Lage. Die Gäste wären dazu bereit gewesen: Emitis Pohl, Kölner Bürgerin mit iranischem Migrationshintergrund, hat ihre beiden Töchter nach Silvester mit Pfefferspray versorgt. Rüdiger Thus leitet das Einbruchsdezernat in Köln und ist Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Samy Charchira ist ein Sozialpädagoge aus Düsseldorf und Ingo Lindemann ein Strafverteidiger. Nicht zu vergessen: Wolfgang Bosbach.

          Die Angst der Bürger und der Generalverdacht gegen Ausländer

          Die Moderation verfolgt einen anderen Plan. „Nach den Übergriffen von Köln wächst die Angst der Bürger: Sind sexuelle Belästigung und Raub bald an der Tagesordnung?“ Die Frage ist hysterisch. Wer sagt so etwas? Angst ist etwas Besitzergreifendes. Wer erst einmal Angst hat, gibt sie so schnell nicht wieder auf. Frank Plasberg liefert sie frei Haus.

          Wolfgang Bosbach findet das plausibel. Er will wissen, wer nach Deutschland kommt, mit welchem Pass, welchem Namen, welcher Herkunft. Das scheint bei jugendlichen Serientätern mit acht verschiedenen Identitäten ein schwieriges Unterfangen. Samy Charchira ist mit einem anderen Plan ins Studio gekommen. Er wehrt sich gegen den Generalverdacht, der sich plötzlich auch gegen Leute wendet, die seit über 60 Jahren in Deutschland leben. Frau Pohl plädiert für konsequente Härte. Das klingt nach mehr, als das Jugendstrafrecht erlaubt. Strafverteidiger Lindemann kennt die Fallgeschichten der Tunichtgute, die zu früh zu hart bestraft wurden und im Gefängnis zu IS-Kämpfern reiften. Polizeigewerkschafter Thus plädiert für mehr Polizeipräsenz, schneller und härter urteilende Gerichte.

          Der erste Einspieler geht der Frage nach, wie Angst zu messen sei. Etwa am Umsatz von Selbstverteidigungswaffen. Die Anträge auf kleine Waffenscheine schnellten in Stuttgart binnen eines Jahres von drei auf 229 Anträge, in Köln von 30 auf 1209 Anträge. Das Umfrageergebnis, dass sich 66 Prozent der Befragten vor mehr Kriminalität durch Flüchtlinge fürchte, gehört zu den Anfütterfragen, die mit der Realität nur wenig zu tun haben. Anders und plausibler klingt die Aussage von Frau Pohl: Sie fühlt sich seit Silvester in Köln nicht mehr so sicher wie vorher.
          Rüdiger Thus beobachtet gestandene Kollegen, die das Portemonnaie aus der Gesäßtasche in eine vordere Hosentasche stecken und mit der Hand schützen. Sie bezeugt den Respekt der Profis vor den Kleinkriminellen.

          Zwei Töchter Wolfgang Bosbachs besuchen Selbstverteidigungskurse. Sie seien froh, Silvester nicht in Köln gewesen zu sein. Die Frage, was der Staat tun könne, um den Bürgern die Angst zu nehmen, ist nicht einfach zu beantworten, zahlt aber symbolisch auf das Beliebtheitskonto des einstigen Sicherheitspolitikers ein.

          Samy Charchira beschreibt seine Situation differenzierter. Seit der Silvesterjagd jagten Bürgerwehren und Rockerbanden als Ausländer erkennbare Bürger. Die Ereignisse von Köln würden dazu instrumentalisiert, Feindschaft gegen Ausländer zu verbreiten. Kripo-Mann Thus relativiert die Situationsbeschreibung: Dass es nordafrikanische Tätergruppen gebe, sei nicht neu. Natürlich beunruhigen Autoaufbrüche, Taschen- und Handydiebstähle die Bürger. Ähnliche Unruhe habe es früher mit der Russenmafia und serbischen Einbrecherbanden gegeben.

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