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TV-Kritik: „Günther Jauch“ : Überlebende erzählen lächelnd vom Schrecken

TV-Moderator Günther Jauch Bild: dpa

Kann es siebzig Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau immer noch um Aufklärung gehen? Ja, sagt Günther Jauch. Es muss sogar wieder darum gehen, denn das Vergessen hat schon begonnen.

          Dreimal applaudiert das Studiopublikum spontan. Einmal am Anfang, als Günther Jauch das Alter der Dame preisgibt, mit der er gerade spricht: 93 ist Margot Friedländer. Sie freut sich, grüßt heiter in die Runde. An sich ist Alter kein Verdienst, in diesem Falle aber doch. In diesem Falle hat Jauch auch sein Begrüßungsritual abgewandelt, die Worte „live aus dem Gasometer“ entfallen, damit niemand später Grund hat, sich über etwaige Gedanken- oder Geschmacklosigkeiten aufzuregen. Friedländer ist eine Überlebende der Shoa. Als einzige ihrer Familie wurde sie nicht im KZ ermordet. Sie hat ein Buch darüber geschrieben, durch welche Zufälle, welche Verzweiflungstaten sie davon kam. 23 war sie, als das Lager Auschwitz-Birkenau am 27. Januar vor siebzig Jahren von der Roten Armee befreit wurde. 64 Jahre lang lebte sie in den Vereinigten Staaten. 2010 ist sie zurückgekehrt nach Berlin.

          Lob für Merkel            

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das zweite und dritte Mal gibt es Beifall am Ende der Sendung, als die Holocaustüberlebende Eva Erben, neun Jahre jünger als Friedländer, von ihrem Vertrauen zu Kanzlerin Angela Merkel spricht und nebenbei die israelkritische Presse tadelt. Erben sagt: „Wenn jedes Land eine Frau Merkel hätte, wäre das Leben besser.“ Das freut die Leute. Dazwischen, zwischen dem ersten und letzten Applaus, liegt stilles Betroffensein. Es wird ja kein kontroverses Thema diskutiert in dieser Talkshow. Es werden vielmehr Zeitzeugen zur Person und zu ihren Erinnerungen befragt. Das ist ein ganz anderes Format, im Wesentlichen sind sich die Disputanten auf dem Podium  einig, am Ende gibt es Blumen. Und es ist allein der Job Jauchs, mit Zahlen und Fakten, so etwas wie ein kritisches Potential abzubilden. Die Fragen, die er stellt sind nicht neu, vielmehr solche, auf die es keine Antwort gibt, außer: Hilf- und Fassungslosigkeit.

          Zwanzig Prozent der heute unter Dreißigjährigen in Deutschland wissen mit dem Begriff „Auschwitz“ nichts mehr anzufangen, sagt Jauch. Was tun? Wie konnte es sein, dass  die Mehrheit der Deutschen nach 1945 erst mal verdrängte, von nichts gewusst haben wollte, und eine ganze Generation unter Amnesie litt? Etwa 500.000 Täter gab es, die an der Menschenvernichtungsindustrie direkt beteiligt waren, nur 900 wurden verurteilt, in diversen Prozessen, das sind 0,2 Prozent. Wie ist das zu erklären?

          Normalität des Bösen

          Der als dritter Zeuge geladene Jurist Gerhard Wiese, Staatsanwalt beim Frankfurter Auschwitz-Prozess, hat, was das betrifft, keinerlei Illusionen. Keinem war anzusehen, was er getan hat, niemand hat sich entschuldigt, die Neigung, überhaupt etwas aufzuklären „war nicht so groß“. Und die beiden Frauen erzählen aus ihrem Leben, mit all den unfassbaren Details. Die getöteten Babys, die vertauschten Schuhe, die Zählappelle, die operierte Nase, die nassen Kleider, der letzten Endes lebensrettende Kuhfladen. Sie erzählen lächelnd vom Schrecken und von der eigenen Naivität, aber auch von der Normalität des Bösen. Dass sie überhaupt so offen darüber reden können, das haben sie sich erst im Laufe ihres späteren neu aufgebauten Lebens, die eine in New York, die andere in Ashkalon, Israel, nach und nach erworben. Heute betrachten sie es als ihre Aufgabe, den Jüngeren davon zu berichten. Aber auch sie haben zunächst jahrelang verdrängt. „Ich wollte das Leben nicht vergeuden wegen der vier Jahre“, sagt Erben. Auch ihren eigenen Kindern habe sie die Kindheit nicht vermiesen wollen. Erst, als die nachfragten, da habe sie ihnen die Wahrheit gesagt: „Aber nicht die ganze.“

          So wenig das auszuhalten ist, was sie erzählen, so atemraubend ist die Aufrichtigkeit, der Witz und der Charme dieser beiden sehr unterschiedlichen Zeuginnen. Wenn es überhaupt eine Meinungsverschiedenheit gibt, dann wird sie hauchdünn, aber messerscharf, erst am Ende sichtbar. Die entscheidende Frage Jauchs lautet: „Habt ihr Vertrauen, dass das nicht wieder passieren kann?“

          Friedländer sagt: Ja. Erben sagt: Nein, absolut nicht. Das eine meint genau so wenig etwas Gutes, wie das andere. Antisemitismus habe es schon seit Jahrtausenden gegeben, meint  Friedländer, sie hoffe halt, dass die Regierungen „das nicht wieder groß werden lassen“. Erben dagegen: Ähnliches passiere immer wieder, auch heute, in anderer Form, an anderen Orten, „dasselbe Fräulein im anderen Rock“. Dass schlichte Wahrheiten wie diese so unaufgeregt und klar ans Licht treten können an diesem Abend, zur Aufklärung eines Millionenpublikums, ist Jauchs Verdienst. Danke.

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