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Veröffentlicht: 27.10.2014, 05:21 Uhr

TV-Kritik: Günther Jauch Schockgefrostet

Ist es wirklich unmoralisch, wenn Arbeitgeber das Einfrieren von Eizellen bezahlen? Jauch erlaubte einen kühlen Blick in die Zukunft: künstliche Befruchtung als Standard.

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© dpa Gewebeproben werden in flüssigem Stickstoff eingefroren

„Social Freezing“ ist eines dieser Themen, die man soziologisch, juristisch oder ethisch diskutieren kann – die Meinung hängt jedoch von der Biographie des Diskutanten ab. Schaut man auf die Teilnehmer von Jauchs Runde, ist vieles klar. Ranga Yogeshwar, Vater von vier Kindern, Deutschlands bekanntester Wissenschaftsjournalist. Warum gibt es keine Frau mit vier Kindern, die in diesem Sektor ähnlich erfolgreich ist? Günther Jauch, Vater von vier Kindern, einer der erfolgreichsten Fernsehmoderatoren des Landes. Warum gibt es auch in seinem Gewerbe keine Frau mit vier Kindern? Es liegt auf der Hand: Hier gibt es keine Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Für Jauch und Yogeshwar ist es leicht, zu sagen, dass sie die Angebote von Apple und Facebook an ihre Mitarbeiterinnen für unmoralisch halten. Erstens sind sie Männer, und zweitens haben sie beides: große Familien und coole Jobs. Wer braucht da gefrorene Eizellen?

Für eine ehrgeizige Frau passt ein Kind nie

Schaut man sich in Jauchs Runde um, wird die Ablehnung schon weniger eindeutig. Die Frauen haben höchstens ein Kind; eine hat keins. Petra Dalhoff, die als Rechtsanwältin Arbeitgeber berät, wurde mit 41 Jahren Mutter. Denn vorher passte es nicht, wie es eigentlich ja nie passt. Sie meint diplomatisch, jede Frau müsse selber entscheiden, ob sie die Konservierung ihrer Fruchtbarkeit wolle. Oder Elisabeth Niejahr, Korrespondentin im Berliner Büro der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie bekam mit 40 Jahren eine Tochter auf natürlichem Weg. Dabei hatte sie sich vorher Eizellen einfrieren lassen, aus medizinischen Gründen. Sie sagt völlig richtige Dinge: Dass die Arbeitswelt sich ändern muss, damit beides geht, Kinder und Beruf - und zwar gleichzeitig, nicht hintereinander. Dass Männer sich mehr um Kinder kümmern müssen. Damit würde es Personalchefs egal, ob sie einen jungen Mann oder eine junge Frau einstellen.

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Aber verurteilen würde Niejahr keine Frau, die sich für das Einfrieren von Eizellen entscheidet. Sie kennt natürlich all die biographischen Zwänge, in denen beruflich ehrgeizige Frauen stecken: Erst das Studium, möglichst mit Auslandssemester und Praktika, dann der Berufseinstieg, das Festigen der Position. Alle Kolleginnen waren kinderlos, berichtet Niejahr; ihr fehlten Beispiele, wie das denn eines Tages mal gehen solle mit einer Familie. Und welcher Mann wäre der richtige?  Auch wenn sie selbst die Behandlung zur Gewinnung der Eizellen als unangenehm und unnatürlich empfand: Kein negatives Wort über eine Frau, die diesen Weg wählt.

„Es ist wie Geld auf der Bank“

Die Werbefilmerin Sharon Berkal hatte die Rolle der „Beispiel-Frau“ zu spielen. Sie hat sich zweimal Einzellen einfrieren lassen; insgesamt nun etwa 30 Stück. Sie ist 37 Jahre alt, die biologische Uhr tickt. Aber ihre Branche lässt keine lange Auszeit zu, so viel ist auch klar – schließlich ist sie keine Grundschullehrerin. „Ich war in der Frage, ob ich Mutter werden wollte, noch nicht so entschieden; erst einmal wollte ich etwas für mich erreichen.“

Als sie mit 33 Jahren den Mann ihres Lebens kennen lernt und der unbedingt Vater werden will, ist für sie das Eizellen-Einfrieren der Weg, das Thema erst einmal aufzuschieben. „Es ist wie Geld auf der Bank, es ist nur eine Sicherheit“, sagt sie.  Mit dem kleinen Unterschied allerdings, dass Geld auf der Bank sich zwar auch vermehren soll, man es aber nie lieben und umsorgen wird. Die gefrorenen Eizellen sind also nichts anderes als eine Option. Ob eines Tages Kinder aus ihnen werden, ist offen. So distanziert, wie Berkal darüber redet, ist das eher unwahrscheinlich.

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