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TV-Kritik: Günther Jauch : Es geht auch ohne Ost-West-Jammerei

Günther Jauch hatte keine Lust auf Diskussionen über Wessis und Ossis Bild: dpa

Am Jahrestag des Mauerfalls vermeidet Günther Jauch eine Diskussion über Probleme der Wiedervereinigung. Zum Glück.

          Wahnsinn war das Wort des 9. November 1989, und wer am Sonntag die Bilder aus Berlin gesehen hat, wird kaum eine andere Vokabel für das Jubiläum finden. Mehr als eine Million Menschen waren allein im Berliner Zentrum entlang der einstigen Grenze unterwegs, die noch einmal so gut ausgeleuchtet schien wie sie es bis vor 25 Jahren war. Die ARD sendete fast den ganzen Abend live von den Feierlichkeiten, und am Bildschirm entstand bisweilen der Eindruck, einem Sportereignis beizuwohnen, gehörten doch Fragen nach dem Gefühl der Besucher zum Standard-Repertoire der „Reporter vor Ort“. Die Antworten darauf lauteten gefühlt immer: Wahnsinn!

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Fast war zu befürchten, dass auch Günther Jauch wahnsinnig geworden war und mitten in diesem Jubel am Sonntagabend eine ernsthafte Debatte zum Stand der Deutschen Einheit vom Zaun brechen würde. „25 Jahre Mauerfall – haben sich unsere Hoffnungen erfüllt?“, lautete der Titel seiner Sendung, aber dieser diente wohl nur der korrekten Abrechnung beim Gebührenzähler. Was Jauch nämlich im Folgenden bot, war eher die Generalprobe einer Mischung aus Talk-Show und Theater, eine Art Talkater.

          Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

          Die Hauptrollen in dem Stück hatten drei Leute, die an jenem 9. November 1989 berühmt geworden sind: Reporter Georg Mascolo, der mit laufender Kamera zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, nämlich am Grenzübergang Bornholmer Straße, der einstige Oberstleutnant Harald Jäger, der an eben jenem Übergang ohne Befehl den Schlagbaum öffnen ließ und Bärbel Reinke, die als „Frau vom Brandenburger Tor“ in die Geschichte einging, weil sie sich noch am 9. November als erste Zivilistin nach 28 Jahren das Recht erzwang, einmal durch Berlins berühmtestes Bauwerk zu laufen.

          Die Nebenrollen gingen an den Schauspieler Jan-Josef Liefers, der, damals 25 Jahre alt, fünf Tage vor dem Mauerfall auf dem Alexanderplatz bei der größten Demonstration in der Geschichte der DDR eine mutige Rede gehalten hat, sowie an Klaus Wowereit, der damals - soviel für die Jüngeren - noch nicht Regierender Bürgermeister, aber bei Jauch für den durch Krankheit verhinderten Hans-Dietrich Genscher eingesprungen war.

          Eine kontroverse Besetzung sieht anders aus, aber darum ging es gar nicht. Vorhang auf also für den ersten Akt: Regisseur Jauch, der bereits alle Antworten kennt, fragt reihum und in chronologischer Reihenfolge alle Beteiligten, wie sie die Nacht des Mauerfalls erlebt haben. Mascolo und Jäger waren im Dienst, Liefers war im Theater, Reinke vor dem Fernseher und Wowereit mit DDR-Besuch (Rentner!) in Westberlin beim Essen. Niemand, so versichern alle, habe geahnt, dass gleich die Mauer fallen würde.

          Man kann es nicht oft genug hören

          Das kann man langweilig finden, weil man meint, das alles schon zu kennen. Im Grunde aber kann man es nicht oft genug hören, schon gar nicht von denjenigen, die live dabei waren. Wie Jäger und seine 15 Mitarbeiter sich auf einmal Zehntausenden gegenüber sehen, die sofort in den Westen wollen. Wie Mascolo DDR-Bürger interviewt, die rufen: „Jetzt macht doch mal auf, wir müssen morgen wieder arbeiten!“ Wie Reinke in den „Tagesthemen“ Hanns Joachim Friedrichs sieht, der verkündet: „Die Tore in der Mauer stehen weit offen“, obwohl das noch gar nicht der Fall war.
          So schwelgt die Runde mehr als eine halbe Stunde in Erinnerungen, bis Jauch im zweiten Akt sein Theater mit ein wenig Polit-Talk zu umhüllen versucht. Im Osten, so wirft er in die Runde, hätten viele Leute das Gefühl, bevormundet und übergangen worden zu sein. Doch das scheint eine Debatte von gestern zu sein, jedenfalls bestätigt keiner der anwesenden drei Ostdeutschen diese Sicht, woraufhin es Jauch mit dem bewährten Stichwort „Unrechtsstaat“ probiert.

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