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TV-Kritik: Günther Jauch : Die moralisierende Weltmacht

  • -Aktualisiert am

Nur noch wenige Talkrunden bis zu seinem Abgang von der ARD: Günther Jauch Bild: dpa

Während in Brüssel das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen ist, diskutiert man hierzulande über das „Terrorziel Deutschland“. Die Runde bei Jauch bemühte sich um Wirklichkeitssinn. 

          Manchmal kann man Argumente in Echtzeit überprüfen. Der Publizist Jürgen Todenhöfer schilderte gestern Abend die Verantwortung die Westens für den Aufstieg des IS. Dafür gibt es gute Argumente. Eines ist die Besetzung des Irak durch die Vereinigten Staaten im Jahr 2003. Todenhöfer wies aber zugleich auf die Kolonialgeschichte der Europäer in der Region hin. Er nannte Frankreichs Algerienkrieg in den 1950er Jahren.

          Gleichzeitig lebt Belgien seit drei Tagen im Ausnahmezustand mit einem weitgehenden Stillstand des öffentlichen Lebens. Nach Todenhöfers Logik müsste es Belgien mit Terroristen aus dem Kongo zu tun haben. Dieser war ab Ende des 19. Jahrhunderts zuerst das Privatreich des belgischen Königs, anschließend die Kolonie des belgischen Staates. Belgisch-Kongo war wegen der Grausamkeit und Barbarei der Kolonialherren selbst für hartgesottene Imperialisten ein außergewöhnlicher Fall. Trotzdem gibt es 55 Jahre nach der Unabhängigkeit des Kongo keinen globalen Terror aus dieser Region, der sich mit der Kolonialerfahrung legitimiert. Brüssel droht Gefahr durch islamistische Dschihadisten. Aus einer Region, in der Belgien niemals aktiv gewesen ist.

          Zum Klischee degenerierte westliche Selbstkritik

          Es ist diese Legende vom westlichen Kolonialismus als Ursache des Terrors, die Islamisten gerne erzählen, weil er Anschluss an eine zum Klischee degenerierte westliche Selbstkritik findet. Sie erklärt aber nicht heutige Ereignisse. Algerien und Libyen wurden nach ihrer Unabhängigkeit zu Gegnern des Westens. Das gilt auch für den Irak und Syrien. Gleichzeitig begann damals deren Boom als Erdölstaaten. Eine der ersten muslimischen Zuwanderungswellen nach Frankreich betraf übrigens nicht dessen Opfer in Algerien, ganz im Gegenteil. Es fanden dort die Muslime Zuflucht, die bis 1962 für den Fortbestand Algeriens als integralen Bestandteil Frankreichs gekämpft hatten. Zuvor hatte in Paris am 17. Oktober 1961 ein Massaker an Algeriern stattgefunden, die für die Unabhängigkeit des Landes demonstriert hatten – übrigens nachdem es erstmals zu Mordanschlägen der algerischen Guerrilla im Mutterland gekommen war. Der heutige französische Staatspräsident hat erst vor wenigen Jahren die Existenz dieses Massakers überhaupt zugegeben.

          Die Enkel beider Seiten könnten heute zu Dschihadisten geworden sein. Das Argument Todenhöfers steht somit auf tönernen Füßen. Interessanter war da schon Stefan Aust, Herausgeber der „Welt“. Er benannte die Ähnlichkeiten zwischen Dschihadisten und der „Roten Armee Fraktion“ im späten 20. Jahrhundert – etwa deren Abhängigkeit von einem Sympathisantenumfeld, die ihre Aktivitäten erst möglich machen. Und die Faszination junger Männer und Frauen für eine „Propaganda der Tat“, die die damaligen Linksextremisten und heutigen Dschihadisten gemeinsam haben. Ein Andreas Baader hätte gewusst, was Aust damit meinte. Jauch zeigte erneut Ausschnitte aus einem Interview, das Todenhöfer bei seinem Aufenthalt beim IS mit einem deutschen Konvertiten aus Solingen führte. Relevant sind nicht die austauschbaren marxistischen oder islamistischen Phrasen, sondern der Kult der Gewalt und die destruktiven Machtphantasien, die in diesem Interview zu erleben sind. Im Gegensatz zu Baader kommt das Solinger Kanonenfutter des IS aber ohne jedes Charisma aus. Eine Gudrun Ensslin wäre von ihm sicherlich nicht fasziniert gewesen.

          Ist es „widerlich“, mit Putin oder Erdogan zu reden?

          Wie umgehen mit dieser Bedrohung, wo Jauchs Titel „Terrorziel Deutschland“ in dieser Nacht ungeahnte Bestätigung erfuhr? Einer der Attentäter der Pariser Massenmorde sei auf dem Weg nach Deutschland, teilten aufgeregte Journalisten via Twitter mit. Unaufgeregt war dagegen der Vorschlag von WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich. Sie erinnerte an den Bürgerkrieg in Nordirland, wo die Präsenz von Militär und schwerbewaffneter Polizei mehr als 30 Jahre lang zum Alltag gehörte. Allerdings zielten die IRA und die RAF zumeist auf Funktionsträger des von ihnen bekämpften Staates. Der Massenmord an Zivilisten war keine politische Strategie, woran Aust erinnerte. Interessant war allerdings das Verständnis von Realpolitik bei Frau Mikich. Man müsse wegen des Mittleren Ostens auch mit Leuten wie Russlands Putin oder Erdogan in der Türkei reden. Sogar mit einem Massenmörder wie Assad. Das sei zwar „widerlich“, aber so wäre eben Realpolitik.

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