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TV-Kritik: Günther Jauch : Allahs Dampfplauderer

  • -Aktualisiert am

Abdul Adhim Kamouss war zu Gast bei Günther Jauch Bild: dpa

Bei Günther Jauch war gestern ein Berliner Imam zu Gast. Der redete viel, doch wie er den Islam auslegt, wurde trotzdem nicht deutlich. Eines stellte er aber klar: Dass Engel unwillige Ehefrauen zum Sex auffordern, glaubt er nicht mehr.

          Kennen Sie Abdul Adhim Kamouss? Er ist freiberuflicher Imam und predigt unter anderem in der Al-Nur-Moschee in Berlin-Neukölln. Kamouss war gestern Abend bei Günther Jauch zu Gast. Dessen Thema war „Gewalt im Namen Allahs – wie denken unsere Muslime?“ Womit sehr gut das Problem dieser Sendung beschrieben worden ist. Am Ende wusste der Zuschauer noch nicht einmal, wie dieser Gast denkt oder was er eigentlich für einen Islam vertritt. Dabei hatte Jauch recht interessant angefangen. In der Einführung zur ersten Sendung nach der Sommerpause zeigte er in Großaufnahme einen lächelnden Kamouss und stellte folgende Frage: „Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie in diesen Tagen diesen Mann sehen?“ Es ist die berühmte Frage nach dem rosa Elefanten, an dem man bloß nicht denken soll. Es ging Jauch um die Vorurteile in den Köpfen des Publikums. Ein bärtiger Imam, jeder kennt das Thema und die Bilder aus Syrien. Fertig ist das Misstrauen.

          Belobigung vom früheren Innensenator

          Wahrscheinlich sollte jetzt der Zuschauer die Gelegenheit bekommen, sich eine eigene Meinung über diesen Gast zu bilden. So legte Kamouss los, wie die Feuerwehr nach einem Notruf. Seine Intention war durchaus nachvollziehbar. Er wollte nicht als der böse Salafist vorgeführt werden, der die Jugend radikalisiert und schließlich einige von ihnen in die Arme des „Islamischen Staates“ treibt. Der Dschihad-Tourismus aus dem Westen ist bekanntlich das große Thema. Kamouss wollte damit nichts zu tun haben. So habe er Hasspredigten in besagter Moschee noch nie gehört, sei sogar von einem früheren Berliner Innensenator für seine Integrationsbemühungen belobigt worden; zudem gehöre er zu den wenigen „Imamen, der alle Gruppen“ im Islam noch „erreichen könne“.

          Er wolle gerade Radikalisierung verhindern, wenn ihm das in Einzelfällen auch einmal misslingen könne. Trotz seiner guten Beziehungen zu jener höheren Macht, die wir Gott nennen, ist das durchaus ein menschlicher Zug zu nennen. Nach fünf Minuten Gespräch, so Kamouss, merkten selbst Zuhörer mit Vorurteilen, er sei „ein Mensch“. Er erinnerte allerdings bisweilen an den Jesuiten und Wanderprediger Johannes Leppich, der wegen seiner Wortgewalt in den 1950er Jahren das „Maschinengewehr Gottes“ genannt worden war. Das „Maschinengewehr Allahs“ wäre aber sicher angesichts heutiger Umstände eine unpassende Titulierung.

          Jauch kapituliert

          So war der Zuschauer reichlich verwirrt angesichts der tackernden Schnellschuss-Rhetorik des Imams aus Neukölln. Selbst der in unzähligen Talk Shows gestählte Heinz Buschkowsky (SPD), Bezirksbürgermeister in Berlin-Neukölln, sah sich um seine „Premiere“ gebracht. Hatte er doch einen Salafisten erwartet und bekam nur dessen Weichspüler-Version präsentiert. Auch die anderen Gäste waren sichtlich aus dem Konzept gebracht. Es war sogar unklar geworden, ob es sich bei Kamouss überhaupt um einen Salafisten handelt, oder er nur irgendeine Privat-Interpretation des Islam anbietet. Das konnten auch die eingeladenen Experten, die Spiegel-Redakteurin Özlem Gezer und der NDR-Journalist Stefan Buchen, nicht beantworten.

          Sie wurden auch nicht dazu gefragt. Was sie sonst zu sagen hatten, ging aber weitgehend in dem rhetorischen Maschinengewehrfeuer Kamouss unter. Während Jauch schon längst kapituliert hatte, versuchte der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach noch Widerstand durch Hinweis auf die „freiheitlich demokratische Grundordnung“ (FDGO) zu leisten. Mittlerweile hatte Kamouss schon die Islamophobie niedergekämpft. Außerdem hatte er in knapp zwei Minuten mit Hinweis auf Koran-Suren eine repräsentative Umfrage widerlegt, die den Islam zu 38 % als Bedrohung, zu 24 % als intolerant und gar zu 68 % als frauenfeindlich beschrieb. Auf Kamoussis Frage, ob Jauch selber so über den Islam denke, antwortete der schließlich: „Natürlich nicht“, aber darauf käme es jetzt nicht an.

          Engel am Bett und der BGH von 1966

          Warum man den Islam nicht frauenfeindlich nennen darf, aber dafür die katholische Kirche des 1992 in Münster verstorbenen Leppich, ist allerdings ein Rätsel. Bosbach forderte nun eine „klare Kante“ gegen den Salafismus. Er warnte vor falsch verstandener Toleranz, wir ahnen es schon, gegenüber den Feinden der früher FDGO genannten und oben erwähnten Grundordnung. Er wies auf den alten Fritz hin, der schon im 18.Jahrhundert der Überzeugung war, „jeder soll nach seiner Façon selig werden“. Dabei wurde aber ein seltsames Verständnis dieser FDGO sichtbar. Jauch zeigte Film-Ausschnitte, die über das Frauenbild von Kamouss Aufschluss geben sollten. Unter anderem ging es um die Verpflichtungen des Weibes. Der altertümliche Begriff passt ja durchaus  zum Frauenbild der Salafisten. Kamouss erläuterte dort, wie sie den Bedürfnisses des Mannes im Ehebett Wohlwollen entgegenzubringen haben. Ansonsten, so der Imam, erschienen der Frau nämlich die ganze Nacht mahnende Engel am Bett.

          Immerhin kam der Bundesgerichtshof im Jahr 1966 in einem Grundsatzurteil zum damaligen Scheidungsrecht zu der Erkenntnis, dass „eine Frau ihren ehelichen Pflichten“ nicht schon damit genüge, wenn „sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt.“ Wenn das die Engel wüssten! Jauchs Gast wies aber darauf hin, dass das Video aus dem Jahr 2002 stamme. Mittlerweile habe er dazu gelernt. Vielleicht bekamen Kamouss damaligen männliche Zuhörer, statt Engel zu sehen, auch nur die passenden Worte ihrer Ehefrauen zu hören. Da ist für einen Prediger das Lernen eine probate Möglichkeit zum Erhalt der Glaubwürdigkeit. Aber diese Frage wurde nicht geklärt. Nur meinte Jauch in diesem Frauenbild eine Verfassungswidrigkeit im Sinne der FDGO feststellen zu müssen. Nur ist die katholische Kirche ein Verfassungsfeind, weil sie das Recht auf freie Berufswahl für Frauen einschränkt? Es ist wirklich grotesk, wie mittlerweile gewisse gesellschaftspolitische Überzeugungen zur verpflichtenden Leitlinie für alle gemacht werden sollen. Das geringste Problem am militanten Islamismus ist wirklich sein reaktionäres Frauenbild.

          Ohne rosa Elefanten

          Jeder kann in Zukunft weiterhin so leben, wie es seiner Façon entspricht. Ob mit Engeln am Bett oder ohne. Nur der Staat kommt heute nicht mehr auf die Idee, sich über die Beiwohnung in ehelichen Betten Gedanken zu machen. Als Bosbach die Forderung an die Muslime erhob, sich eindeutig vom Terror der Dschihadisten zu distanzieren, war Kambouss sofort zur Stelle. Er wolle sogar bei der Aktion „Not in my name“ mitmachen, womit Muslime auf der ganzen Welt ihre Ablehnung des IS deutlich machen. Hier platzte Frau Gezer endgültig die Hutschnur. Sie gab ihm zwar nicht die Hand, aber duzte ihn respektlos.

          Wie er auf die Idee käme, ihre Mutter solle sich als gläubige Muslima von diesen Leuten distanzieren? Schließlich machten das die Deutschen beim NSU auch nicht. Wobei das die Repräsentanten dieses Staates in deren Namen schon oft genug zum Ausdruck gebracht haben. Aber zu dem Zeitpunkt war Jauch der Abend schon völlig aus dem Ruder gelaufen. Das hatte vor allem einen Grund. Es blieb bis zum Schluss unklar, mit wem man es bei Abdul Adhim Kamouss zu tun hatte. Er bestätigte noch nicht einmal die Charakterisierung als Salafist. Soll der Zuschauer eigentlich vor dem Fernseher sitzen, und im Internet nach solchen Artikeln zu suchen? So saß er staunend vor dem Bildschirm und versuchte sich auf diesen Abend einen Reim zu machen, wenn auch ohne rosa Elefanten. Aber vielleicht haben es ihm auch die Engel im Schlaf erklärt.

          Quelle: FAZ.NET

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