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TV-Kritik: „Ein Mann, eine Wahl“ : Volkshochschulkurs mit Unterhaltungselementen

  • -Aktualisiert am

Ist sich einfach nicht genug: Klaas Heufer-Umlauf klont sich vor seiner neuer Sendung Bild: obs

Noch eine Sendung zur Bundestagswahl: Klaas Heufer-Umlauf zielt auf die Jüngeren und trifft einen Unterhaltungskünstler auf dem Schießstand und einen Politiker im Sportwagen. Brauchen die Zuschauer solche Mätzchen noch?

          Über fehlende Informationsmöglichkeiten kann sich knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl niemand beschweren. So hatte gestern Abend die ARD zuerst die „Wahlarena“ mit der Bundeskanzlerin im Programm, um anschließend bei „Hart aber fair“ in einem „Bürgercheck“ über „Steuern, Rente und Wohnen“ zu diskutieren. Das ZDF wird entsprechend ihre „Klartext“ genannten Bürgersprechstunden mit den beiden Kanzlerkandidaten von Union und SPD am heutigen Dienstag und am kommenden Donnerstag veranstalten. Dazu kommen noch in beiden Sendern die regulären Talkshows und zusätzlich die Dokumentationen über den Wahlkampf.

          Politisch hoch interessierte Fernsehzuschauer sehen fast alles, dürfen sich allerdings nicht über gewisse Ermüdungserscheinungen wundern. Wahlkämpfe leben davon, die immer gleiche Botschaft möglichst oft zu wiederholen. Erst wenn ein Kandidat das hundertste Mal etwas ausgesprochen hat, hat der Letzte unter Umständen das erste Mal davon gehört. Die spannende Frage ist somit, wie Parteien die politisch desinteressierten Zuschauer erreichen. Sie können aus einer Vielzahl von Programmen auswählen, wo Politik schlicht nicht vorkommt.

          Miserabel Quoten von Privaten bei TV-Duell

          Entsprechende Schwierigkeiten haben die privaten Fernsehsender mit der Wahlberichterstattung. Wenn Sat.1 und RTL gemeinsam mit den beiden öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten das Kanzlerduell austragen, wird quasi automatisch ARD und ZDF eingeschaltet, entsprechend miserabel sind die Einschaltquoten der Privaten. In den vergangenen Jahren gab es nur eine Ausnahme. Das war die samstägliche „TV Total“ Ausgabe auf Pro Sieben einen Tag vor der Bundestagswahl. Stefan Raab erreichte damit eine jüngere Zielgruppe, die ansonsten an Wahlberichterstattung wenig Interesse hatte.

          In der ersten Ausgabe im Jahr 2005 gelang ihm mit seinem Televoting sogar ein besonderer Coup. Dort hatte überraschenderweise die SPD die Nase vorn, obwohl die Union von Angela Merkel schon lange wie der sichere Sieger aussah. Das wirkte zu diesem Zeitpunkt völlig absurd, aber am Wahltag schien Raabs Umfrage plötzlich genauer gewesen zu sein als die der professionellen Meinungsforscher. Tatsächlich hatten diese den Stimmungsumschwung auch mitbekommen, allerdings wurden deren Zahlen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr veröffentlicht. Raabs „TV Total“ galt seitdem als verlässliches Stimmungsbarometer. Dieses Image steigerte wiederum die Attraktivität dieser Sendung, nicht zuletzt bei Parteien und Berichterstattern.

          „Es muss ein Arschtritt durch Deutschland gehen“

          So ein Format fehlt den privaten Fernsehanstalten zur Zeit. Daran konnte auch Klaas Heufer-Umlauf nichts ändern. Gestern Abend lief auf Pro Sieben sein „Ein Mann, eine Wahl“, eingerahmt von einer sechsstündigen Dauerschleife der „Big Bang Theory“. Es war ein Volkshochschulkurs mit Unterhaltungselementen. Allerdings kaut die politische Bildungsarbeit schon seit Jahrzehnten auf dem Problem herum, wie sie ihre vergleichsweise trockenen Inhalte selbst jenen Gruppen vermitteln kann, die sich ansonsten nicht dafür interessieren.

          Heufer-Umlauf wählte dafür eine Mischung aus Politiker-Interviews und Prominenten-Statements. So interviewte er „Die Ärzte“-Ikone Bela B. auf einem Schießstand über sein politisches Erweckungserlebnis in den frühen 1990er Jahre. Die Zuschauer erfuhren im Pistolenfeuer etwas über Molotowcocktails auf Flüchtlingsheime in Rostock-Lichtenhagen. Mit jedem Argument fiel eine Pistolenhülse in einen Eimer. Den Vorsitzenden der „Bild“-Chefredaktion Julian Reichelt traf Heufer-Umlauf dagegen ganz zivil in dessen Büro. Beide waren unbewaffnet. Es ging um die Frage, ob „Emotionen in der Politik wie Fakten“ seien. Zweifellos, ansonsten könnte man auf solche Mätzchen am Schießstand verzichten.

          Entsprechend interviewte er den FDP-Vorsitzenden in einem quietschgelben Chevrolet Camaro mit acht Zylindern, sechs Litern Hubraum und mehr als vierhundert Pferdestärken. Wobei es immerhin noch zu einem knalligen Statement von Christian Lindner reichte: In einer Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen umschrieb dieser Arbeitsanreize metaphorisch als „Tritt in den Arsch.“ Es müsse „ein Arschtritt durch Deutschland gehen“, so fasste das Heufer-Umlauf zusammen. „Vielleicht“, ergänzte Lindner. Ob dieser Sprachgebrauch eine gewisse spätrömische Dekadenz konnotiert, wird wohl erst die Zukunft weisen.

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