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TV-Kritik: Anne Will : Realitätsverlust als Deutungshoheit

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Genderneutral aber realitätsfern: Manuela Schwesig zeigt bei Anne Will, wieso das Berliner Wahlergebnis eine Folge der Politik der Bundesregierung ist. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

CDU und SPD erleben bei der Berlinwahl ein historisches Desaster. Anschließend beweist Familienministerin Schwesig bei Anne Will, warum dieses Debakel mit der Regierungspolitik zu tun hat.

          Gestern Abend bekam der Zuschauer die Gelegenheit einen kompetenten Politiker kennenzulernen. Er kam sogar aus Berlin, was manche Zeitgenossen für so unwahrscheinlich halten werden, wie die Eröffnung eines neuen Flughafens in der Bundeshauptstadt. Es stimmt aber trotzdem.

          Alexander Ahrens kommt tatsächlich aus Berlin. Allerdings ist er Bürgermeister in Bautzen. Anne Will hatte ihn zu den Vorfällen in dieser ostdeutschen Kleinstadt eingeladen, die seit Mitte vergangener Woche die Republik bewegen. Dort hatten sich zwanzig minderjährige Flüchtlinge im Stadtzentrum daneben benommen. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen mit achtzig Rechtsextremisten, die diese Jugendlichen anschließend durch die Stadt jagten. Die Polizei konnte, wenn auch mit etwas Mühe, eine weitere Eskalation verhindern.

          Was nützt den „Rechten“?

          Ahrens schilderte die Vorfälle in seiner Stadt auf sachliche Art und Weise. Er neigte weder zur Verharmlosung, noch zur Dramatisierung. Dabei räumte er durchaus eigene Fehleinschätzungen ein. So hatte er seit April von den Beschwerden über das Verhalten einiger Flüchtlinge auf dem Bautzener Kornmarkt gewusst, dabei aber das Eskalationspotential unterschätzt, das sich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag vergangene Woche zeigte.

          Ahrens machte eigentlich alles richtig. Er reagierte etwa mit Dialogangeboten, ohne sich anzubiedern. Und er beschrieb die Probleme mit diesen Flüchtlingen ohne jeden falschen Zungenschlag. Sie gibt es, genauso wie Probleme mit Rechtsextremisten. Dabei wurde jedoch eines deutlich: Der Bürgermeister ist wie die Bürger seiner Stadt handlungsfähig.

          Das aber auch nur aus einem Grund. Ahrens orientiert sich nicht an Mediendiskursen. So zeigte Frau Will jenen Vorfall mit dem Bundespräsidenten, der bei einem Besuch in Bautzen von Passanten unflätig beleidigt worden ist. Ahrens nutzte das zu einer berechtigten Form der Medienschelte, obwohl er diesen Begriff gar nicht benutzen wollte. Er hätte Joachim Gauck über Stunden begleitet. Und dieser Vorfall entsprach keineswegs der Stimmung, so Ahrens, die Gauck in Bautzen vorgefunden habe. Aber diese eine Passage, wo sich lediglich „sechs Passanten“ entsprechend artikulierten, wäre als Eindruck von diesem Besuch in der deutschen Öffentlichkeit haften geblieben.

          Realität versus Medienlogik

          Ahrens orientiert sich offensichtlich an der Wirklichkeit. Welche Auswirkungen die Medienlogik haben kann, war gestern Abend bei Frau Will zu erleben. So diskutierte man ernsthaft einen Großteil der Sendung über folgenden Sachverhalt: Als Reaktion auf die Vorfälle in Bautzen ist für die jugendlichen Flüchtlinge ein Alkoholverbot verhängt worden, zudem müssen sie einstweilen bis 19:00 Uhr wieder in ihren Unterkünften sein. Das ist bei Minderjährigen jeglicher Herkunft ein übliches Verfahren, wenn diese Mist gebaut haben. Zudem sollte Alkoholkonsum bei Minderjährigen keine Selbstverständlichkeit sein, auch wenn er trotzdem vorkommt. Eltern wissen, wovon die Rede ist.

          Frau Will fragte allerdings wiederholt, ob diese völlig angemessenen Reaktion auf solche Vorfälle nicht „den Rechten“ nutzen könnte. Es ist bezeichnend, so eine selbstverständliche Reaktion auf das Verhalten unmündiger Jugendlicher in einen solchen politischen Diskurs zu transformieren. Was nützt diesen „Rechten“ nicht? Wenn diese Jugendlichen betrunken im Bautzener Stadtzentrum herumlungern?

          umf, uma und Bumf

          So interessiert sich in Wirklichkeit niemand für diese jugendlichen Flüchtlinge, außer gestern Abend der Bautzener Bürgermeister. Es geht allein um deren Instrumentalisierung für den jeweiligen politischen Diskurs. Alle Seiten wollen die Deutungshoheit erringen. So verteidigte der Generalsekretär der CDU-Sachsen diese Sanktionen. Ansonsten versuchte er vor allem den Eindruck zu erwecken, dass die seit 1990 ununterbrochen regierende CDU mit dem gesellschaftlichen Klima im Freistaat nichts zu tun hätte. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) begnügte sich zumeist mit bahnbrechenden Erkenntnissen über die vorzügliche Arbeit des sächsischen SPD-Landesvorsitzenden Martin Dulig. Dabei gehören die unbegleiteten minderjährigen Jugendlichen zu ihrem Ressort.

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