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TV-Kritik: „Anne Will“ : Lafontaines Praline

ARD-Moderatorin Anne Will Bild: dpa

Es geht schon wieder um Rot-Rot-Grün, wieder um Thüringen und wieder um den „Unrechtsstaat“ – dieses Mal bei Anne Will. Interessant ist das dennoch. Sogar ein ungeschickt vorgetragener Gedanke Edmund Stoibers führt zu neuen Einsichten.

          Über den Umweg „Gauck“ versuchte Anne Will in ihrer Talkrunde im Ersten die Frage zu beantworten: Ist Deutschland schon so weit, einen Ministerpräsidenten der Linkspartei zu akzeptieren? Womit eigentlich schon die Antwort gegeben wurde: Das wäre offenbar ein Zeichen von Fortschritt. So aber musste erst einmal eine andere Frage beantwortet werden: Ist Deutschland schon so weit, einen Bundespräsidenten Gauck zu akzeptieren? Damit wurde dem Fortschritt immerhin ein Schnippchen geschlagen. Denn Gauck hatte die erste Frage schließlich mit einem verhaltenen Nein beantwortet. Durfte er das? Eigentlich schon, waren sich die Gäste Anne Wills einig, auch wenn Anke Domscheit-Berg – ehemalige Bürgerrechtlerin und ehemalige Piratin – den Zeitpunkt für etwas ungünstig hielt, denn er machte aus Gaucks Zweifeln eine Wahlempfehlung für die SPD-Mitglieder in Thüringen, die gefragt worden waren, ob sie schon so weit seien, einem Linkspartei-Kandidaten zum Amt des Regierungschefs zu verhelfen.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Oskar Lafontaine fand auch das nicht einmal schlimm. Er regte sich nur darüber auf, was Gauck gesagt hatte, also darüber, dass er den Fortschritt in Frage stellte. „Wo lebt er eigentlich!?“ Lafontaine gab sich selbst die Antwort: „Der lebt immer noch in der DDR!“ Das war ein munterer Anfang, dem der ehemalige Bürgerrechtler und SPD-Politiker Stephan Hilsberg gleich noch eins draufsetzte. Denn selten hatte man eine so gute Begründung für Gaucks Bemerkung gehört, dass die Linkspartei vielleicht doch noch nicht so weit von ihrem SED-Erbe entfernt sei, dass man ihr den Posten eines Ministerpräsidenten verschaffen sollte.

          Hilsberg reagierte damit auf die Bemerkung Lafontaines, es sei absurd, Bodo Ramelow – einen westdeutschen Gewerkschafter und „bekennenden Christen“ – mit dem SED-Erbe in Verbindung zu bringen. Dass Gauck nicht Ramelow, sondern dessen Partei gemeint habe, bezeichnete Lafontaine als „Trick“ – und genau dieser Trick Lafontaines brachte Hilsberg auf die Palme. Er täusche damit die Öffentlichkeit über den wahren Charakter der Partei, die er und Ramelow repräsentierten. Es sei die Partei, die sich schon während der friedlichen Revolution nie freiwillig von ihrem totalitären Ballast getrennt habe. Es sei die Partei, die das SED-Erbe immer verschleiert habe und dessen negativen Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein dem Westen in die Schuhe geschoben habe – und sich selbst dabei auch noch als Partei des Fortschritts verkaufe.

          Lafontaines Logik

          Wie das funktioniert, konnte Hilsberg am Ende der Sendung studieren, als Lafontaine, assistiert von Domscheit-Berg, die Schwäche der SPD damit erklärte, dass sie den Menschen insbesondere im Osten soziale Härten zugemutet habe, die unzumutbar seien. Kein Wort darüber, dass sie damit auch die Folgen des SED-Regimes ausbaden müssen. Dabei folgte Lafontaine einer ähnlichen Logik wie der in seiner Interpretation des „Unrechtsstaats“ – ja, das durfte nicht fehlen! Dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei, ja ja, sei’s drum, das sei ja alles gut und schön, gab Lafontaine zu, um gleich alles wieder einzureißen, indem er sagte: Aber gehe nicht auch von der Bundesrepublik Unrecht aus – etwa im Drohnenkrieg?  

          Aber der große Relativierer musste sich zuvor noch ganz anderer Fallstricke erwehren. Ihm gegenüber saß Edmund Stoiber, der ihm auf schmeichelhafte Weise vor Augen führen wollte, was die Linkspartei in Thüringen eigentlich bewegt. Lafontaine sei doch aus der SPD ausgetreten und habe ihr den Kampf angesagt, um sie auf den richtigen Pfad zu führen, pirschte sich Stoiber heran. Und nun krieche die SPD als Juniorpartner bei der Linkspartei zu Kreuze. Das müsse er doch als großartig empfinden!

          Stoibers Pirsch

          Leider endet eine Pirsch Edmund Stoibers immer so, dass niemand  mehr weiß, wo man ist und wo es hingehen soll. So auch hier. Worauf wollte Stoiber hinaus? Er wusste es dann wohl selbst nicht mehr, denn er beendete seinen interessanten Vorstoß mit dem nicht sehr überraschenden Urteil, er selbst hingegen halte diesen Erfolg Lafontaines für katastrophal. Ach so.

          Doch Lafontaine nahm Stoibers Fährte ganz bereitwillig auf: Er empfinde das gar nicht als Erfolg, weil er die SPD wegen der „Zerstörung des Sozialstaats“  verlassen habe – und da habe sich bislang in Deutschland so gut wie nichts getan. Warum, musste er gar nicht mehr erwähnen – natürlich: weil die Linkspartei noch nicht an der Macht ist.

          So denkt auch Bodo Ramelow, der westdeutsche Gewerkschafter und „bekennende Christ“. Er hat mit der Linkspartei so viel zu tun wie Lafontaine: Sie ist einfach nur ihr Mittel zum Zweck. Das schließt auch ein wenig Rache an der SPD ein, die das in Thüringen nun allerdings so entgegennimmt wie das Stöckchen, das einem vom Herrchen hingehalten wird. Für Lafontaine muss Thüringen deshalb eine besondere politische Praline sein. Stoiber war schon auf der richtigen Spur.

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