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TV-Kritik: Anne Will : Und ewig grüßt das Chlorhühnchen

  • -Aktualisiert am

Bekannte Ängste: Demonstration gegen das Freihandelsabkommen TTIP in München Bild: dpa

Anne Wills Gesprächsrunde zum transatlantischen Freihandelsabkommen produziert traute Einigkeit unter Gegnern, aber keine neuen Argumente. Und ein deutscher Manager wollte nicht den bösen Amerikaner geben.

          Welche Linguistenkommission auch immer sich Ende dieses Jahres den sprachlichen Entgleisungen der Saison widmet: Ein Preis für das Chlorhühnchen sollte drin sein. Keine andere Wortschöpfung hat in den letzten Monaten einen ähnlich steilen Aufstieg hingelegt und es dabei geschafft, die Debatte über ein wichtiges und komplexes Thema derart zu verwässern und zu polemisieren.

          Auch den Diskutanten bei Anne Will kam das leidige Hühnchen wie gerufen: eigentlich angehalten, mit sachlichen Argumenten das Für und Wider des transatlantischen Freihandelsabkommens TTIP zu debattieren, diente das Stichwort der Runde nach einem mit bedrohlichen Gewitterwolken gesättigten Einspieler zunächst als Steilvorlage, die regionale Landwirtschaft zu loben: „Am besten schmecken sicherlich die Hühnchen vom Bauern um die Ecke“, sagte Martin Richenhagen, deutscher Chef des amerikanischen Landwirtschaftsmaschinenherstellers AGCO.

          In Polemik abgedriftet

          Überdies erhoffe er sich, dass bezüglich der Harmonisierung von Verbraucherschutzregeln im Freihandelsabkommen stets die „verbraucherfreundlichsten“, also die „strengsten“ Regeln die Grundlage der Verhandlungen bildeten. Damit weigerte sich Richenhagen ganz zu Beginn, neben den anwesenden Vertretern aus Politik und NGOs die Rolle des skrupellosen amerikanischen Kapitalisten auszufüllen, die man ihm wohl zugedacht hatte, was die Sendung aber auch nicht vor dem Abdriften in die Polemik rettete.

          Die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn versuchte daraufhin, die Diskussion in interessantere Bahnen zu lenken – eine Rolle, die ihr im Laufe des Abends noch häufiger, wenn auch wenig erfolgreich zufallen sollte: Das Chlorhühnchen sei ein Ablenkungsmanöver, es gehe um viel grundlegendere Fragen wie etwa das unterschiedliche Verständnis von Regulierung in Europa und Amerika. Doch der Diskussion dieser Frage bereitete die Moderatorin schnell ein Ende: „Herr Strobl, würden Sie Chlorhühnchen essen?“

          Sicherheit muss sein

          Auch der CDU-Politiker durfte daraufhin beteuern, dass er wie Richenhagen Produkte aus der regionalen Landwirtschaft bevorzuge und es überhaupt „keine Kompromisse“ bei der Lebensmittelsicherheit geben dürfe. Über diesen Punkt kam die Diskussion in der folgenden Stunde nicht wirklich hinaus, weshalb der Zuschauer diese Demonstration trauter Einigkeit auch zum Abschalten hätte nutzen können.

          Denn es folgten diverse Fälle ermüdenden Europa-Wahlkampfgeplänkels zwischen Höhn und dem EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz („Sie haben damals dem Mandat für die Verhandlungen zugestimmt!“- „Aber mit mir in der EU-Kommission wird es keine Aufweichung von Standards geben!“) und zahlreiche Demonstrationen erfolgreichen Aneinander-Vorbei-Redens: Die konzernkritische Lobbyistin Pia Eberhardt stellte dem wahlkampfschwangeren Optimismus der anwesenden Politiker ihren kampferprobten Pessimismus entgegen: wenn Chlorhühnchen und ähnliche Schandtaten keinen Eingang in den Vertragstext fänden, würden sich die Konzerne diese Regeln eben im Nachhinein erklagen.

          Genmais vs. Pizza

          Höhn sah die europäischen Werte derweil unter Bergen von Genmais in den Weiten des Atlantik verschwinden, woraufhin Strobl sich mit durchaus originellen, aber in der Sache nicht wirklich weiterführenden Vergleichen hervortat: „Als vor 50 Jahren die Italiener mit ihrer Pizza kamen, hatten die Leute auch Angst, dass sie damit vergiftet würden.“

          Durchbrochen wurde die insgesamt wenig strukturierte Diskussion von seltenen Lichtblicken: etwa, als Höhn die Schwächung des multilateralen WTO-Freihandelsprozesses durch Abkommen wie TTIP beklagte – ein ernsthafter Einwand, dem die Runde durchaus eine längere Debatte hätte gönnen können. Oder als man sich kurz mit der eigentlich nicht überraschenden Erkenntnis befasste, dass das, was Lobbyisten fordern, nicht immer unbedingt identisch mit dem ist, was demokratische Organe letztlich beschließen.

          Schiedsgerichte? Teufelszeug!

          Gegen Ende widmete sich die Runde mit Investorenschutz und Schiedsgerichtsbarkeit dann auch endlich dem strittigsten Punkt des geplanten Abkommens, doch auch hier waren sich die Anwesenden ähnlich einig wie bei den Chlorhähnchen. Schiedsgerichte seien Teufelszeug, Privatjustiz, Instrument amerikanischer Konzerne, um europäische Rechtsnormen zu unterlaufen, das Abkommen dürfe keinesfalls mit solch einer Klausel in den Ratifizierungsprozess gelangen. Das mag sein, gehört hat man es in dieser Form nun allerdings zur Genüge. Richenhagen machte den schwachen Versuch einer Verteidigung, die im allgemeinen Schlussgeplänkel jedoch großteils unterging.

          Gegen Ende wünschte er sich noch, die Debatte möge sich nach den Europawahlen versachlichen – diesem Wunsch dürften sich die meisten Zuschauer angeschlossen haben.

          Quelle: FAZ.NET

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