http://www.faz.net/-gsb-8zmms

TV-Kritik „Anne Will“ : Faschistoider Gewaltrausch

  • -Aktualisiert am

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz kann die neben dem G-20-Gipfel eskalierte Gewalt im Gespräch Anne Will nicht erklären. Bild: dpa

Anne Will unterbricht ihre Sommerpause, um über den G-20-Gipfel und die eskalierte Gewalt zu diskutieren. Die Sendung verlief anders als gedacht. Da passte die zehnminütige Unterbrechung der Live-Übertragung durchaus ins Bild.

          Manche Zufälle vermitteln ihren eigenen Sinn. Anne Will hatte schon lange die Unterbrechung der Sommerpause geplant, um über den Samstag zu Ende gegangenen G-20-Gipfel in Hamburg zu diskutieren. Es war nicht vorgesehen, einen Polizisten dazu einzuladen oder den Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz. So wollte sie nicht über die äußeren Umstände dieser Veranstaltung berichten, wo es einem marodierender Mob gelungen ist, die Schlagzeilen der Weltöffentlichkeit zu bestimmen.

          Genauso wenig geplant war zweifellos auch die zehnminütige Unterbrechung der Live-Übertragung auf Grund einer nicht näher erläuterten Störung. Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) wollte gerade zu seiner Sicht auf die Gewaltexzesse eingehen als die Übertragung vom Sender gehen musste. Sie begann wieder als es um die politische Einordnung des G-20-Gipfels gegangen ist. Offensichtlich konnte die Redaktion von Frau Will die Störung nicht vorhersehen oder in wenigen Sekunden beenden. Diese Forderung wäre absurd gewesen.

          Verlust zivilisatorischer Selbstkontrolle

          Allerdings ist es genauso absurd, vor allem die Ereignisse in der Nacht von Freitag auf Samstag im Hamburger Schanzenviertel vorherzusehen. Die entgegengesetzte Sichtweise vertrat Jan Reinecke, Hamburger Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamte. Er war in der Gefangenensammelstelle im Einsatz, die die Polizei für absehbare gewalttätige Vorfälle eingerichtet hatte. Dass es wahrscheinlich zu solchen Zwischenfällen kommen würde, war schon im Vorfeld eine gesicherte Erkenntnis. Reinecke referierte noch einmal diesen Sachstand. Tausende gewaltbereite Linksradikale, die die Konfrontation mit dem Staat suchten.

          Emily Laquer von der „Interventionistischen Linken“ hatte zudem schon am 2. Juni in der Zeitung „Welt am Sonntag“ ihre Erwartungshaltung klar formuliert: „Wir werden uns nicht geschlossen von Gewalt und brennenden Autos distanzieren.“ Klarer kann man die Gewaltbereitschaft dieses Sekten-ähnlichen Milieus nicht zum Ausdruck bringen. Aber ist es dann trotzdem gerechtfertigt, diese Ereignisse der vergangenen Tage für vorhersehbar zu halten, wie Reinecke argumentierte?

          Es verkennt die Dynamik, die im Hamburger Schanzenviertel in der besagten Nacht stattfand. Hier erlebten die Linksradikalen ihr politisches Waterloo. In der Selbstberauschung einer Masse wurde der nihilistische Kern dieser Gewaltbereitschaft sichtbar. Gewalt als Selbstzweck, die lediglich als Möglichkeit dient, alle Grenzen eines zivilisatorischen Verhaltens niederzureißen. Wohl nicht nur der gewalttätige Kern der Linksradikalen geriet in einen faschistoiden Gewaltrausch, er zog andere mit hinein und machte die anwesenden Zuschauer zu faszinierten Voyeuren dieser Exzesse. Das hat niemand geplant, sondern wirkte wie ein Sog. Das war eben etwas anderes als die erwarteten Ausschreitungen durch die gewaltbereiten Linksradikalen der Frau Laquer.

          Der von den Ereignissen sichtlich angeschlagene Hamburger Bürgermeister  Scholz versuchte das anzusprechen, ohne es allerdings formulieren zu können. Er ist politisch für diesen Kontrollverlust des Staates verantwortlich. Reinecke erläuterte die Dramatik für die Hamburger Polizeiführung. Der Einsatz gegen einen solchen marodierenden Mob, der jede zivilisatorische Selbstkontrolle verloren hat, wird für die Polizeibeamten zu einem lebensgefährlichen Risiko. Scholz kündigte übrigens nicht nur die Bestrafung der Täter an, die durchaus identifiziert werden könnten. Er will auch die Linksradikalen zur politischen Verantwortung ziehen, die erst mit ihrer europaweiten Mobilisierung die Voraussetzungen für dieses Desaster geschaffen haben.

          Aber nicht nur die Linksradikalen erlebten ihr politisches Waterloo. Es gilt auch für jene linksliberalen Unterstützer, die etwa noch bis Donnerstag angesichts der polizeilichen Verbote zur Durchführung von Camps von Einschränkungen der Versammlungsfreiheit sprachen. Tatsächlich erwiesen sie sich als die logistische Basis, damit Linksradikale etwa auf der Hamburger Elbchaussee wahllos Autos brandschatzen konnten, wie Reinecke und Scholz deutlich machten.

          Es gab in Hamburg keine einzige Einschränkung des friedlichen Protests gegen den G-20-Gipfel. Von polizeilichen Maßnahmen waren nur solche Versammlungen betroffen, die unter dem begründeten Verdacht exzessiver Gewaltbereitschaft standen. Der Vorwurf namens „Polizeigewalt“ nimmt nicht einmal mehr wahr, dass diese erst als Folge von Handlungen seitens der Linksradikalen eingesetzt wurde. Ohne diese Gewaltbereitschaft wäre der Hamburger G-20-Gipfel tatsächlich wie der obligatorische Hafengeburtstag verlaufen, um eine im Nachhinein unglückliche Formulierung von Scholz zu verwenden. So schützen Linksliberale keine Bürgerrechte, sondern werden zu nützlichen Idioten von Linksradikalen, die zu Grundrechten nur ein zynisches Verhältnis besitzen. Es gibt noch kein Grundrecht auf Brandschatzung.

          Jenseits dessen ging es in der Sendung von Anne Will um die schon im Vorfeld diskutierte Frage, ob solche Gipfel noch zeitgemäß sind. Darüber hat aber kein marodierender Mob zu entscheiden, wie Altmaier deutlich machte. So hielt John Kornblum als früherer Botschafter der Vereinigten Staaten in Deutschland dessen organisatorische Struktur zwar für überholt. Nur wäre ein solches Format als Möglichkeit zum „Agendasetting“ für wichtige weltpolitische Probleme unverzichtbar. Kornblum gab zudem eine Lehrstunde über die Funktionsweise der Diplomatie – und machte auf diese Weise den Provinzialismus der deutschen Debatte deutlich.

          So hielt es Katrin Göring-Eckardt für einen Skandal, dass der amerikanische Präsident Donald Trump in der Klimadiskussion Tochter Ivanka als seine Stellvertreterin in die Runde der zwanzig Regierungschefs schickte. Kornblum betrachtete diese Kritik der Vorsitzenden der Grünen-Bundestagsfraktion als belanglos. Dort werden nämlich nur vorbereitete Statements verlesen. Die eigentlichen Verhandlungen finden in den informellen Hintergrundgesprächen statt. Wie hätte die Bundesregierung überhaupt reagieren sollen? „Haltung zeigen“, so Frau Göring-Eckardt. Die Bundeskanzlerin hätte als Gastgeberin ebenfalls wegbleiben müssen, so die Vermutung. Wahrscheinlich hätten die anderen Gipfel-Teilnehmer allerdings diese Symbolik anders gedeutet und den politischen Verstand der Bundeskanzlerin angezweifelt.

          So verkämpfte sich die Grünen-Spitzenfrau auf Nebenkriegsschauplätzen. Das galt auch für den „Monitor“-Moderator Georg Restle. Er hielt diesen G-20-Gipfel für gescheitert. Dieser Ansicht kann man sein. Nur meint er wirklich, dass die UN-Vollversammlung ein besseres Format sein könnte? Wo man „drei Tage braucht“, so Altmaier leicht sarkastisch, damit überhaupt jeder Mitgliedsstaat sein erstes Statement abgegeben hat. Was aber niemanden dieser beiden Kritiker aufgefallen ist: Deutschland ist gar nicht in der Lage, die Existenz oder die Zusammensetzung dieses G-20-Gipfels zu bestimmen. Es kann lediglich darüber entscheiden, ob es selber daran teilnehmen will. Auf diese naheliegende Idee ist bezeichnenderweise niemand gekommen, obwohl es das einzige Thema im deutschen Kompetenzbereich ist. Es ist eine spezifische Form der deutschen Weltfremdheit, die hier zum Ausdruck kommt.

          Rechtsanwalt als geistiger Brandstifter

          Heute um kurz nach 02:00 Uhr veröffentlichte die Redaktion schließlich jene Passagen in der Diskussion, die der Störung zum Opfer gefallen waren. Warum die Grünen-Senatoren im Hamburger Senat die Durchführung dieser Veranstaltung lange Zeit unterstützten, um sich erst jetzt davon zu distanzieren, konnte Frau Göring-Eckardt allerdings nicht erklären.

          Restle war ebenfalls schockiert über diese Bilder, die er sich vorher so auch nicht vorstellen konnte. Er hielt das Ausmaß der Gewalt auch nicht für absehbar. Er fragte allerdings, ob die harte Linie der Hamburger Polizei nicht zur Eskalation beigetragen hat. Davon waren unbeteiligte Demonstranten und Journalisten betroffen gewesen, so Restle. Diese haben allerdings wohl weder geplündert, noch gebrandschatzt, so die Vermutung. Sie gerieten schlicht in die Unübersichtlichkeit der von gewaltbereiten Linksradikalen bewusst ausgelösten Straßenschlachten.

          Polizeiliche Deeskalation kann eben nicht funktionieren, wenn die andere Seite die Eskalation als politisches Ziel formuliert. Den politischen Bankrott der Linksradikalen machte niemand anderes deutlich als der Anmelder der „Welcome to hell“-Demonstration von Donnerstag. Der Rechtsanwalt Andreas Beuth zeigte in einem Interview mit dem NDR nicht nur „gewisse Sympathien“ für die Aktionen des marodierenden Mobs. Er äußerte vor allem sein „Unverständnis“, im Schanzenviertel „die eigenen Geschäfte zu zerlegen.“ Dort, „wo wir selbst, die Leute, die da wohnen, auch einkaufen,“ so die denkwürdigen Worte. Wie man bei einem solchen geistigen Brandstifter deeskalieren soll, wird niemand beantworten können. Noch nicht einmal Georg Restle oder Kolumnisten in Münchner Bürostuben.  

          Weitere Themen

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Topmeldungen

          Warum Italien stur bleibt : Vier Gründe für den Trotz

          Rom bleibt stur und will, dass der Haushaltsentwurf bleibt, wie er ist. Für die trotzige Haltung gibt es vier Gründe. Doch auch die EU hat wenig Anlass, ihre Position zu ändern.

          Personalkrise im Weißen Haus : Feuert Trump die nächste Ministerin?

          Donald Trump hat gerade erst Justizminister Sessions rausgeworfen. Nun soll angeblich auch Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen gehen. Das könnte jedoch zu einem Showdown im Weißen Haus führen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.