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TV-Kritik: Anne Will : Die Spätzle-Connection – schwarz-grüne Paartherapie

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Anne Will stellt in ihrer Sendung am 10. September 2017 Wolfgang Schäuble (CDU) und Cem Özdemir (Grüne) die Frage: „Wie viel Grün steckt in Schwarz?“ Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Wolfgang Schäuble und Cem Özdemir zu Gast bei Anne Will: Der dienstälteste Abgeordnete des Bundestages diskutierte mit einem künftigen Koalitionspartner. Möglicherweise.

          Das Gespräch zwischen Schäuble und Özdemir umgeht kunstvoll eine Frage. Wie kommt es dazu, dass die Grünen derzeit nur bei acht Prozent liegen, während gleichzeitig fünfzig Prozent der Befragten einer repräsentativen Studie es grundsätzlich begrüßen, wenn die Grünen in der nächsten Bundesregierung als Koalitionspartner beteiligt wären? Wie viel Musik steckt in diesem Möglichkeitssinn der deutschen Wählerschaft? Wie groß wird die Überraschung am Wahltag sein, wenn die Grünen hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben oder wenn sie in den nächsten beiden Wochen doch noch mächtig aufholen?

          Die Unionsparteien müssen natürlich auch liefern. Der Kanzlerinnenbonus allein wird es nicht richten. Die Ungewissheitsgewissheit darüber, wen man am Wahltag tatsächlich wählen wird, war noch nie so groß wie in dieser Saison. Zu einer „Zweierbeziehung“ zwischen CDU und Grünen wird es nach jetzigen Zahlen nicht reichen. Eher sind – mit FDP und CSU – am Ende vier Unterschriften unter den Koalitionsvertrag der nächsten Legislaturperiode zu leisten. Es kommt daher zu einem Zweckbündnis, nicht zu einer Polyamourie.

          Schäuble erinnert zum Auftakt an Lessings Nathan: „Begreifst du aber, wie viel andächtig schwärmen leichter als gut handeln ist?“ Schäuble kann es nicht lassen, die Grünen in die Romantikecke zu stecken, obschon sein Schwiegersohn in Stuttgart Innenminister unter einem grünen Ministerpräsidenten ist und ihm tagtäglich vom Realitätssinn in der Villa Reitzenstein berichten kann.

          Widerwilliger Kanzlerinnenwahlverein?

          Wer wollte bestreiten, dass die Union über mehr Regierungserfahrung verfügt? Nur steht sie unter dem Verdacht, ein etwas widerwilliger Kanzlerinnenwahlverein geworden zu sein. Schäuble tut so, als liege es in seiner Hand, die Eintrittsbarriere für die Grünen höher oder tiefer zu hängen. Nach der schwarz-gelben Erfahrung von 2009 bis 2013 hält sich die Sehnsucht bei der Union nach einer neuen Episode mit der FDP in Grenzen. Özdemir raspelt Süßholz mit anerkennenden Worten für ein Wahlplakat der Union, als mache er den Wohlfühlfaktor zum Markenzeichen einer schwarz-grünen Koalition.

          Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen, in der Sendung von Anne Will am 10. September 2017
          Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen, in der Sendung von Anne Will am 10. September 2017 : Bild: dpa

          Erst einmal aber betrachten sie die Hindernisse auf dem Weg zu einem solchen Bündnis: Defizite beim Klimaschutz auf Seiten der Union, illusionäre Ideen der Grünen zur wirtschaftlichen Leistungskraft. Diese Vorwürfe werden so routiniert abgespult, dass sie schon jetzt nicht mehr als Hindernis gelten können. Zeitweise klinkt sich die Gastgeberin wie eine Paartherapeutin aus dem Gespräch aus und erlaubt den fast schon frisch Verlobten, alten Verdruss abzuladen. Schon finden sie in Özdemirs notarieller Formel von einem geordneten Strukturwandel zusammen. Schäuble erinnert als Mitgift der Union an den stark gestiegenen Anteil der erneuerbaren Energien in der Stromversorgung. Was gibt es jetzt noch für Hindernisse? Das Ende für fossile Verbrennungsmotoren entscheidet sich im internationalen Wettbewerb und kommt daher vermutlich schneller als die jetzt gehandelten Daten zwischen 2030 und 2040.

          Ein junger Bruder Heiner Geißlers

          Wie in jedem gut geführten Therapiegespräch kommt nun die Sprache auf die versäumten Chancen von 2013. Die Grünen haben damals die ausgestreckte Hand der Union verworfen. Zu einer Liebesheirat wird es daher so schnell nicht kommen. Die Union fühlt sich noch vier Jahre später gekränkt. Ist das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen für 2017? Schäuble kann seinen Sarkasmus nicht zügeln und mahnt, wenn keiner regieren wolle, könne man das Wählen auch lassen. Özdemir dagegen warnt vor dem Menetekel Detroit, wenn die deutsche Autoindustrie nicht endlich zu ihrer Innovationskraft zurückfinde. Der schwärzeste aller Grünen, wie ihn die Neue Zürcher Zeitung taufte, wirkt an diesem Abend wie ein junger Bruder Heiner Geißlers.

          Der Klammerblues der Konservativen

          Moderatorin Will bringt sich wieder in Erinnerung und scheint nicht zu merken, wie weit die Sondierungen zwischen ihren beiden Gästen bereits gediehen sind. Es geht längst nicht mehr um die Farbenlehre, wie viel von der Farbe des einen in der Farbe des anderen steckt. Die beiden sind schon ganz woanders. Jetzt geht es um den Blues der Konservativen in der Union, die ein Thema nach dem anderen, das ihnen lieb und teuer war, im Abraum der Geschichte verschwinden sehen.

          Schäuble ist da ganz unsentimental und stellt fest, dass sich die Gesellschaft unglaublich verändert habe. Damit ist der Wandel auch abgehakt, hätte Schäuble nicht noch hinzugefügt, wenn ihn eines Tages einer bei der Bemerkung erwische, dass früher alles besser gewesen sei, solle man ihn endlich hinausschieben. Sein Rendezvous mit der Realität ist noch nicht vorbei.

          Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in der Sendung von Anne Will am 10. September 2017
          Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in der Sendung von Anne Will am 10. September 2017 : Bild: dpa

          Jetzt ist es an Özdemir, der Union zuzubilligen, dass sie viel Ballast abgeworfen habe, wenngleich die Methode Merkel mit der Brennelementesteuer teuer geworden sei. Die beiden Verhandlungsführer haben so das vorletzte Kapitel begonnen und wollen die ausgestreckte Hand Emmanuel Macrons fescht ergreifen. Özdemir muss etwas dabei aufpassen, die Union nicht mit allzu alten Vorwürfen zu überziehen. Das bekommt der pränuptialen Paartherapie nicht gut.

          Pate der Pizza-Connection

          Der gute Wille der Union kommt schließlich auch darin zum Ausdruck, dass Schäuble sich mit über 30-jähriger Verspätung als Pate der Pizza-Connection outet, denn es hatte in seiner Hand als Parlamentarischer Geschäftsführer der Union gelegen, die ersten Grünen im Bundestag an die Hand zu nehmen.

          So wirken die Aussichten eines schwarz-grünen Bündnisses im Bund rosig, wenn die Wähler ihrer bekundeten Koalitionspräferenz entsprechend abstimmen. Bis dahin müssen sie sich noch alle ordentlich anstrengen, denn das Hemd, so Özdemir, schwitzt nicht von alleine.

          Quelle: FAZ.NET

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