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TV-Kritik: Anne Will : Das Ende der Vereinigten Staaten, wie wir sie kennen

  • -Aktualisiert am

Anne Will im Gespräch mit (v.r.): Dieter Kempf (BDI-Präsident), Ralph Freund (Vizepräsident „Republicans Overseas Germany“), Günter Verheugen (SPD) Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Der Einzug von Donald Trump ins Weiße Haus bedeutet einen historischen Einschnitt. Über die Gründe und Konsequenzen diskutierte man bei Anne Will unaufgeregt und nüchtern. Die Sache selbst ist schließlich schon dramatisch genug.

          Die Vereinigten Staaten waren in den vergangenen siebzig Jahren die unumstrittene Hegemonialmacht des Westens. Das bedeutet, die Verantwortung für das Funktionieren des gesamten Systems zu übernehmen. Dafür muss ein Staat die Voraussetzungen mitbringen: Die entsprechende ökonomische und militärische Stärke sowie eine hohe Legitimität des eigenen politischen Führungsanspruchs. Ansonsten wird eine solche Hegemonialmacht zur Despotie. Nicht zuletzt daran war die Sowjetunion gescheitert. Eine solche Rolle bedeutet zugleich Last und Bürde. Sie verlangt die Bereitschaft, mehr in den Erhalt des Systems zu investieren, selbst wenn es unter Umständen den kurzfristigen eigenen Interessen schaden sollte. Dafür braucht es allerdings die Überzeugung vom Nutzen des Gesamtsystems für den eigenen Staat.

          Wenn der amerikanische Präsident Donald Trump in seiner Inaugurationsrede den Grundsatz „America first“ verkündet, hat er somit nichts anderes getan als den Anspruch seines Landes auf die Rolle der westlichen Hegemonialmacht aufzugeben. Trump macht damit aus den Vereinigten Staaten einen beliebigen Nationalstaat, wenn auch zweifellos immer noch von beeindruckender Größe. In historischer Perspektive werden die Vereinigten Staaten damit kurioserweise zu einer Art Regionalmacht. Dem verleihen sie mit einem Mauerbau an der Grenze zu Mexiko sogar symbolisch Ausdruck. Was beim Römischen Reich noch Jahrhunderte dauerte, bei der Abwicklung des britischen Empire immerhin noch Jahrzehnte, will der amerikanische Präsident offenbar in Wochenfrist erledigen: Das Ende der Vereinigten Staaten, wie wir sie kennen.

          „Frustration des Durchschnittsamerikaners“

          Gestern Abend versuchten die Gäste bei Anne Will mit diesem fürwahr historischen Einschnitt umzugehen. Dabei ging es im wesentlichen um zwei Fragen: Wie es dazu überhaupt kommen konnte und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind. Der Historiker Michael Wolffsohn brachte das gut auf den Punkt, als er Trump die „Personifizierung der Frustration des Durchschnittsamerikaners“ nannte. Mit dessen Mentalität gingen die Redenschreiber des Präsidenten ans Werk. Sie hatten nämlich offenkundig noch nicht einmal eine Ahnung davon, was das von ihnen formulierte Selbstverständnis eigentlich bedeutet. Der frühere EU-Kommissar Günter Verheugen (SPD) machte dabei auf die Kontinuität im politischen Denken Trumps aufmerksam. Forderungen wie die Beschränkung von Automobilimporten waren von ihm schon in den späten 1980er Jahren zu hören. „Trump meint, was er sagt“, so Verheugen. Und die Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) machte sich auch keine Illusionen über das, was uns erwartet. Trump verfolge „eine klare Agenda“. 

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          Es ist der Rückzug der Vereinigten Staaten auf sich selbst. Das geschieht ausgerechnet in dem Jahr eines hundertsten Jubiläums: Die weltpolitische Rolle des Landes begann nämlich mit dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg im Jahr 1917. Es war ein langer Weg, verbunden mit massiven innenpolitischen Konflikten, bis die Vereinigten Staaten ihre Rolle fanden, die sie nach 1945 so selbstbewusst übernahmen. So war „America first“ auch der Slogan der Isolationisten in den 1930er Jahren. Warum diese Position trotz ihrer historischen Belastung wieder mehrheitsfähig werden konnte, ist gestern Abend durchaus deutlich geworden.

          Entgrenzung und Freihandel

          Für Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, hat Trump allerdings „einfach nicht die globalisierte Wirtschaft verstanden.“ Er argumentierte aus der Sichtweise eines Unternehmers, der die Nutzung etwa von Kostenvorteilen in Niedriglohnländern wie Mexiko für selbstverständlich hält. Aber gleichzeitig hat diese Form der Globalisierung „immer größeren Teilen der Bevölkerung keinen Vorteil gebracht“, so Verheugen. Dieser warnte zudem vor jenen Szenarien, die leichtfertig das ökonomische Scheitern der neuen Regierung in Washington prognostizieren. Die Globalisierung war tatsächlich ein ideologisches Konstrukt der Entgrenzung gewesen, die nicht zuletzt zum Zusammenbruch der Weltfinanzmärkte vor noch nicht einmal zehn Jahren führte. Es war schon immer ein Irrtum, völlige Entgrenzung mit Freihandel zu verwechseln.

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