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Veröffentlicht: 26.09.2016, 05:02 Uhr

TV-Kritik „Anne Will“ Bescheuerte Amerikaner?

Donald Trump könnte Amerikas nächster Präsident werden. Für viele Deutsche ist das unbegreiflich. Aber statt teutonische Vorurteile zu pflegen, sollte den wahren Trump-Wählern lieber zugehört werden.

von Frank Lübberding
© NDR/Wolfgang Borrs Sind die Amerikaner bescheuert? Fragt Anne Will in ihrer Sendung. Thomas Gottschalk zitiert in seiner Erklärung Peter Sloterdijk.

In wenigen Wochen wird in Amerika ein neues Staatsoberhaupt gewählt. Das Rennen um das Weiße Haus scheint offen. Der Wahlkampf geht in die heiße Phase. Auch Anne Will widmete sich in ihrer Sendung diesmal der amerikanische Präsidentenwahl und einem Mann namens Donald Trump. Sein Erfolg ist für aufgeklärte Europäer unverständlich, weshalb diese gerne Rückschlüsse auf den Geisteszustand des amerikanischen Wählers ziehen. Anne Will spielte mit diesem Klischee als sie dem einzigen anwesenden Amerikaner die launige Frage stellte, ob er bescheuert wäre.

Der bekennende Trump-Wähler Roger Johnson nahm es mit Gelassenheit. Er tat sich mit dieser Entscheidung selber schwer, wie er deutlich machte. Sein Votum zugunsten des formal republikanischen Kandidaten begründete er mit seiner Ablehnung der Gegenkandidatin Hillary Clinton. Deren mögliche Präsidentschaft betrachtet Johnson als „eine Katastrophe“, womit er aber ironischerweise den derzeitigen Ton in der Berichterstattung hervorragend traf.

„Rätselhaftes Kindvolk“

Vor einer drohenden Katastrophe, allerdings verbunden mit dem Namen Trump, warnte die Politikanalystin Constanze Stelzenmüller, die derzeitig in einer Denkfabrik in Washington arbeitet. Das machte sie vor allem an dessen Rhetorik fest, die sie als „menschenverachtend“ empfindet. Trump mache außerdem aus seiner Verachtung für die Regeln des amerikanischen Rechtsstaates keinen Hehl. Frau Stelzenmüller warnte davor, ihn nur noch aus der Perspektive des Showbiz zu betrachten. Es war schon interessant zu sehen, wie verzweifelt sie sich bemühte, das „andere Amerika“ zu skizzieren. Das war zwar in früheren Zeiten das Privileg der linken Amerika-Kritik, die sich damit gegen den Vorwurf des Antiamerikanismus wehrte. Frau Stelzenmüller meinte aber ein Amerika, das Politik noch als einen Streit um rationale Argumente betrachtete.

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Daher wehrte sie sich gegen jene Einspieler, die dieses Klischees über das von Frau Will angesprochene „bekloppte“ Amerika bestätigten. Das richtete sich darüber hinaus gegen Thomas Gottschalk, der Peter Sloterdijks Sentenz von den Amerikanern als „rätselhaftes Kindvolk“ zitierte. Der altgediente Entertainer hatte einen anderen Zugang zur amerikanischen Politik als die überzeugte Transatlantikerin Stelzenmüller. In den Vereinigten Staaten betrachtete man Politik nicht als entscheidend für das eigenen Leben, so Gottschalk, weshalb Wahlkämpfe als ein Unterhaltungsformat gelten würden. So hielten zwar viele Amerikaner die Wahl zwischen Trump und Clinton für eine „zwischen Pest und Cholera.“  Aber es fehlte die in Europa vorherrschende Katastrophenstimmung, wenn Trump gewählt werden sollte. Allerdings kann man offensichtlich auch die Wahl Clintons für eine Katastrophe halten.

42555909 © NDR/Wolfgang Borrs Vergrößern Politikanalystin Constanze Stelzenmüller empfindet Trumps Rhetorik schlicht „menschenverachtend“.

Nun ist die extreme politische Polarisierung in Amerika nichts Neues. Dort wird Obama von vielen Konservativen genauso gehasst, wie Liberale den jüngeren Bush verachteten. In der Sendung von Anne Will wurde aber deutlich, warum es so schwierig ist, das Phänomen Trump zu verstehen. Frau Stelzenmüller und Gottschalk beurteilten ihn lediglich auf Grundlage seiner Rhetorik, die ein Ziel nicht verfolgt: Irgendetwas über eine politische Agenda zu verraten, die seine Präsidentschaft prägen könnte.

Er will damit lediglich Wahlen gewinnen, weshalb altmodische Neokonservative in Washington Trump mit guten Gründen für unerträglich halten. Frau Stelzenmülller und Martin Schulz (SPD) wiesen darauf hin. Republikaner in Washington schlügen wegen ihrem Kandidaten die Hände über den Kopf zusammen, so der Präsident des Europäischen Parlaments. Schulz sah das klassische amerikanische System der „Checks and balances“ in Gefahr. Wie Trump den Kongress ausschalten will, konnte er aber nicht erklären.

Repräsentantin des politischen Establishments

Dieses System der „Checks and Balances“ ist nämlich dafür verantwortlich, dass sich die amerikanische Politik spätestens seit der Amtszeit von Bill Clinton in einem Zustand ständiger Blockadeversuche befindet. Johnson machte das in einer Bemerkung deutlich, die aber nicht aufgegriffen wurde. Solche Fakten überforderten wahrscheinlich den normalen Zuschauer. Er sprach von der Sehnsucht nach Verhältnissen als dieses System noch funktionierte. So hätten sich in der Amtszeit Ronald Reagans der Präsident und der damalige demokratische Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, er hieß Tip O’Neill, „bei einem irischen Getränk“ zusammengesetzt, um Kompromisse zu finden. Johnson machte zudem deutlich, warum Trump trotz seines Vermögens nicht dem Establishment zugerechnet wird. Er hatte mit diesem sich selbst blockierenden System schlicht nichts zu tun.

42555911 © NDR/Wolfgang Borrs Vergrößern Der einzige bekennende Trump-Wähler in der Runde: Roger Johnson

Dagegen ist Hillary Clinton geradezu die Repräsentantin dieses politischen Establishments der vergangenen Jahrzehnte. Deshalb war es nicht überzeugend, wenn der frühere SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine (Linkspartei) Clinton in klassisch linker Weise als „Kandidatin der Wall Street und des militärisch-industriellen Komplexes“ kritisierte. Daran hat sich die Mehrheit der Wähler in Amerika noch nie gestört. Es gibt zwar jene weit verbreitete Stimmung, die Politik kümmerte sich nicht mehr um die Bedürfnisse jener Menschen, für die „tausend Euro oder Dollar“ viel Geld sind, wie es Schulz formulierte. Oder dass die „Entstaatlichung“ in den Vereinigten Staaten dazu geführt habe, sich „von der Politik im Stich gelassen zu fühlen“, so Frau Stelzenmüller. Aber diese Debatten gab es schon im Jahr 1992 als Bill Clinton in seiner Wahlkampagne die sich verschlechternde Lage der Mittelschicht thematisierte.

Das alles kann den Erfolg von Trump nicht erklären. Genauso wenig gilt das für jene Populismus-Theorien, die gestern Abend von Frau Stelzenmüller und Schulz angeboten wurde. Sie lassen sich in dem Titel der Sendung namens „Emotionen statt Fakten - Warum ist Trump so erfolgreich?“ bündeln. Es blieb Lafontaine die Einsicht überlassen, dass schon immer Emotionen entschieden haben. Das ist tatsächlich nichts Neues. So erfand etwa John F. Kennedy im Jahr 1960 gegen seinen Kontrahenten Richard Nixon eine sogenannte Raketenlücke, ohne die er wohl niemals Präsident geworden wäre. Fakten störten schon immer, nicht nur Donald Trump.

42555908 © NDR/Wolfgang Borrs Vergrößern Oskar Lafontaine empfiehlt Hillary Clinton, im amerikanischen Wahlkampf auf die „Frauenkarte“ zu setzen.

Gottschalk machte allerdings deutlich, wie kompliziert diese sein können. Er berichtete von dem weit verbreiteten Unmut an „Obamacare“, dem wichtigsten innenpolitischen Projekt Barack Obamas. Dort könnte man sich versichern, wenn die Menschen tatsächlich erst krank geworden sind. Das hielten viele Amerikaner für „unsportlich.“  In Deutschland gibt es genau deswegen eine Versicherungspflicht, um solche Mitnahmeeffekte zu verhindern. Die konnte Obama im Kongress nicht durchsetzen. Diese Kritik an „Obamacare“ hat nichts mit der „Sportlichkeit der Amerikaner“ zu tun. Sie haben lediglich mit der Kompromissbildung in einem dysfunktional gewordenen politischen System zu tun.

Gehaltene Wahlversprechen

Trump dient offensichtlich als Projektionsfläche für den Überdruss an solchen Verhältnissen. Da reicht nicht die Erklärung von Lafontaine, wenn er die desaströsen Folgen des Neoliberalismus für den Erfolg Trumps verantwortlich macht. Ohne die wären Bill Clinton oder Barack Obama niemals gewählt worden. Aber es lohnte sich, einem Trump-Wähler wie Johnson zuzuhören. Der Veteran des Irak-Krieges kritisierte den Rückzug aus dem Land. Damit hat Obama aber lediglich eines seiner zentralen Wahlversprechen eingelöst. Ob das die richtige außenpolitische Entscheidung war, darüber lässt sich streiten. Genauso wie über die Frage, ob Obamas Zurückhaltung bei militärischen Interventionen wie in Syrien richtig ist. Nur kann man nicht Trump den Vorwurf machen, wenn er solche Widersprüche mit der ihm eigenen Dreistigkeit aufgreift.

Er verzichtet dabei auf jede Erläuterung der eigenen Position, worauf Frau Stelzenmüller hinwies. Trump braucht nur noch jene Erwartungen der Wähler auszubeuten, die Lafontaine so schön beschrieb: Ob Wahlversprechen eingehalten werden, oder nicht. Dabei sind unerfüllbare Erwartungen an die Politik in Wirklichkeit das eigentliche Problem geworden. Nachdem Obama schon Guantanamo nicht schließen konnte, konnte er sich den Bruch eines weiteren Wahlversprechens schlicht nicht leisten. Lafontaine hätte anschließend als Kritiker sicher in der ersten Reihe gestanden. Populisten aller Lager leben von solchen Widersprüchen. Da ist Trump keine Ausnahme.

Ob „Gegenemotionalisierung“ hilft, wie es Schulz Hillary Clinton empfahl? Sicherlich nicht, wenn Trump weiterhin das macht, was er besonders gut kann. Sich als den Kandidaten zu empfehlen, der die Strukturen des Washingtoner Establishments aufzubrechen verspricht. Ihm seinen Zynismus ohne programmatische Fundierung vorzuwerfen, wird nichts nutzen. Als die eigentlichen Zyniker gelten schon längst die zahllosen Lobbyisten und Politikberater in der amerikanischen Hauptstadt. Clinton, so Lafontaine, müsste vielmehr „auf ihre politische Erfahrung“ und „die Frauenkarte“ setzen. Damit hätten die Amerikaner eine klare Alternative.

Ist der Überdruss so groß, dass eine Mehrheit der Wähler Donald Trump wählt? Einen Kandidaten, den niemand beurteilen kann. Seine Worte sind schließlich belanglos. Und von dem niemand weiß, was er will. Wahrscheinlich noch nicht einmal er selbst. Das könnte man bescheuert nennen. Johnson machte allerdings nicht diesen Eindruck. Er brachte vielmehr die Krise der amerikanischen Politik zum Ausdruck.

Glosse

Der erste Leser

Von Tilman Spreckelsen

Erst war es Bewunderung, dann war es nur so eine Phase: Martin Walser pflegte ein durchaus kompliziertes Verhältnis zu Arno Schmidt. Mehr 2

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