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Veröffentlicht: 01.02.2016, 04:52 Uhr

TV-Kritik: Anne Will Aus Versehen den Feminismus abgeschafft

Kippt die Stimmung gegenüber Flüchtlingen? Darüber diskutierte gestern Abend Anne Will. Dabei wurde abermals die Absurdität unserer Debatte deutlich.

von Frank Lübberding
© dpa Anne Will

Frauen konnten gestern Abend bei Frau Will etwas lernen. Das kommt vor. Die meisten von ihnen werden sicherlich nicht auf einem Bahnhof oder an einem anderen Ort sexuell belästigt worden sein. Die Mehrheit der Männer in deren Umgebung sind hoffentlich ganz in Ordnung, was immer Mann und Frau darunter verstehen sollten. Daraus können Frauen jetzt Schlussfolgerungen ziehen, wenigstens wenn es nach Anke Domscheit-Berg geht. Die frühere Politikerin der Grünen und der Piraten warnte vor einem Pauschalverdacht gegenüber Männern. Damit sollte sich die feministische Debatte über Sexismus, sexuelle Gewalt oder das Geschlechterverhältnis in unserem Land erledigt haben. Das Misstrauen gegenüber den Männern in diesem Land ist wirklich unerträglich geworden, seit sie generell unter dem Pauschalverdacht stehen, Männer zu sein. Übrigens sind die meisten Männer sogar völlig unschuldig daran, wenn Frauen nicht in Unternehmensvorstände berufen würden oder ein geringeres Einkommen hätten. Frau Domscheit-Berg nannte dieses Argument, was immer das auch mit den Flüchtlingen zu tun haben sollte.

Das ist natürlich blühender Unsinn. Die Kritik am Geschlechterverhältnis funktionierte schon immer unter einer Voraussetzung: Ein Abstraktionsvermögen zu besitzen. Obwohl es sexuelle Gewalt in diesem Land gibt, ist nicht jeder Mann ein Verbrecher. Die meisten Frauen werden das genauso sehen, ansonsten müssten sie sich tatsächlich zu Hause verbarrikadieren. Deshalb wäre bisher auch niemand auf die Idee gekommen, die Männer vor dem Pauschalverdacht in Schutz nehmen zu müssen, Verbrecher zu sein. Auf dieser Ebene lässt sich über die Strukturen nicht reden, die das Leben von Frauen bestimmen. Die Frauen sollen nicht vor allen Männern geschützt werden, sondern vor den Verbrechen, die sie nur als Frauen erleiden können und die nur Männer begehen. Das ist etwas anderes.

Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetze in Syrien

Frau Domscheit-Berg hat das gestern Abend nicht begriffen. Sie meinte selbstredend nicht die Männer in ihrem Umfeld, die sie hoffentlich nicht jeden Tag sexuell attackieren oder mit sexistischen Anspielungen drangsalieren. Sie warnte vor einem Pauschalverdacht gegen Nordafrikaner. Sie sei in Kairo nicht zum Opfer sexueller Übergriffe geworden. Zudem hätten sich die Flüchtlinge, die sie bei sich zu Hause aufgenommen habe, anständig benommen. Mit diesen Argumenten und der Warnung vor dem Pauschalverdacht wollte sie tatsächlich jene Debatte unterbinden, die der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn ansprach. Über den kulturellen und sozio-ökonomischen Hintergrund der Flüchtlinge zu reden, die bei uns Zuflucht suchen. Offensichtlich sind das andere als in den westlich geprägten Demokratien. Aber selbst solche banalen Fakten sind in dieser Debatte nicht mehr zu formulieren, ohne rechter Umtriebe verdächtigt zu werden. Ob es zwischen den arabischen Gesellschaften und der Bundesrepublik noch signifikante Unterschiede gibt? Wer Frau Domscheit-Berg zuhörte, musste den Eindruck haben, die gäbe es nicht. Aber sie hat mit ihrer Warnung vor dem „Pauschalverdacht“ sogar aus Versehen den westlichen Feminismus abgeschafft. Aber wer weiß? Vielleicht haben wir bei uns nur noch nichts von den Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetzen in Syrien mitbekommen. Um einmal über Dinge zu reden, die das Deutschland der vergangenen Jahrzehnte geprägt haben.

Insofern ist es durchaus verdient, wenn sich Spahn über den intellektuellen Bankrott einer solchen Linken lustig machte. Schließlich konnte er nicht verstehen, warum neuerdings ausgerechnet dort die prägende Wirkung von Sozialisationsbedingungen für das Selbstbild von Menschen bezweifelt wird. Er meinte damit aber zudem noch den Rechtsanwalt Mehmet Gürcan Daimagüler. Dieser gehörte von 1990 bis 2008 der FDP an, wie wir erfuhren. Er hatte damals sicherlich nichts gegen eine Pauschalisierung einzuwenden, wie sie klassischer Weise die Liberalen vertreten. Nämlich die pauschale Besserstellung der freien Berufe gegenüber anderen Berufsgruppen. Aber Daimagüler machte einen bemerkenswerte Vorschlag. Man müsse alles von seinem Ende her denken. Nun kam bisher zum Glück niemand auf die Idee, die Kurdenpolitik der Türkei so zu betrachten. Etwa aus dem Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg die Schlussfolgerung zu ziehen, in Ankara dächte man jetzt von diesem Ende aus. Das hinderte ihn aber nicht daran, in einem Tweet auf die Judenverfolgung der Nazis hinzuweisen, um vor Pauschalurteilen über Nordafrikaner zu warnen.

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