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TV- Kritik: „Adam sucht Eva“ : Lauter nackte Wahrheiten

Privatfernsehen im Jahr 2014: Die Kandidaten der Nackedei-Show „Adam und Eva“ bei RTL. Bild: RTL / Andreas Friese

RTL zieht die Kandidaten einer neuen Show aus. Das lässt tief blicken, zumindest, was den Anspruch der Unterhaltung im Privatfernsehen angeht. Ein Besuch am FKK-Strand aus gegebenem Anlass.

          Um 23.45 Uhr hieß es bei Sat.1 am Donnerstagabend: „Einer von Euch muss jetzt ausziehen.“ An dem Punkt war das Programm von RTL schon um halb elf. Denn da entsprachen die Kandidaten der neuen Nackedei-Show „Adam sucht Eva – Gestrandet im Paradies“ schon dem Protokoll der Sendung und hatten sich jeglicher Textilien entledigt. Adam und Eva, in diesem Fall Ricarda, die Medizinstudentin, und Thomas, der Berufsberater, standen da, nackt – nicht im Wind, sondern am Strand. Und wir können sagen: Wir sind dabei gewesen und haben gesehen, wie zwei junge Leute sich in maximale Sonnenbrandgefahr begaben. Kein Schatten, nirgends. Nur Sand, Sonne, Südsee und ein Liebespaar in spe aus Köln.

          Er sieht ihr in die Augen, sie schaut woanders hin

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Was das Äußerliche angeht, hätte es schlimmer und also sehr viel pornographischer kommen können. Die Kamera zeigte uns „Adam und Eva“ zumeist und dankenswerter Weise von der Gürtellinie an aufwärts. Für den taxierenden Ganzkörpercheck erklärte sich Ricarda zuständig, auch für Bemerkungen zur Größe bestimmter Körperteile. Thomas bemühte sich derweil, ihr in die Augen und nicht etwas tiefer zu gucken und machte sich Gedanken über seinen behaarten Po. Unansehnliche Kandidaten aber hatte RTL natürlich nicht auf die Insel geschickt. Aber auch keine professionellen Poser. Die Einlassungen der beiden Nackedeis zum Thema fielen jedenfalls herzlich unverstellt aus. „Wir sind nackt, das heißt, wir haben keine Vorurteile“, sagte Thomas. „Die Natur ist auf unserer Seite.“ Weise Worte, gelassen ausgesprochen.

          Aber RTL wäre nicht RTL, wenn eine solche Show sich auf das Abfilmen einer romantischen Paarbildung beschränkte (nächtens kommt es in der Strandhütte „zum Austausch von Zärtlichkeiten“, die Kamera ist natürlich dabei, aber es bleibt alles jugendfrei). Und so landet ein zweiter Adam auf der Insel. Und zwar einer von der Sorte, die man nicht gerne zum Konkurrenten hat, ob mit oder ohne Klamotten. Ein Typ wie aus dem Modellkatalog (Sixpack und so), mit entsprechend großem Ego, lässiger Macho-Attitüde und leicht öligem Frauenverstehercharme. Er soll, flötet die zwischendurch immer mal wieder auftauchende Strandmoderatorin Nela Lee, die Schlange spielen. Kein Wunder, dass Thomas diesen Ricardo gerne sogleich zum Ölringen am Strand überreden möchte. Doch es wird nicht geprügelt, sondern muss gebalzt werden und dann wird (kein Witz) - gemalt. Ein Bild für und mit Ricarda drauf natürlich. Auch da hat Ricardo den Schwung raus. Thomas macht das zwar mit Selbstironie wett („Picasso für Arme“), aber das anschließende Glas Sekt im Abendrot nimmt Ricarda dann doch mit Ricardo. Erst nach einigen Irrungen und Wirrungen entscheidet sich Ricarda, als Eva, schließlich für den richtigen Adam, also Thomas.

          Kuppelshow und FKK-Märchen

          Wir sehen hier natürlich ein nach allen Regeln der Kuppelshow-Kunst inszeniertes FKK-Märchen, aufgeführt von Amateuren, die RTL in ein Rollenkonzept zwingt, aus dem sie nicht wirklich heraus können. Eine Frau, zwei Männer, also nicht Adam und Eva, sondern Eva und Adam I. und Adam II. Und dann heißt es: Ring frei. Obszön ist hier vor allem die Zurschaustellung von Gefühlen, von denen niemand weiß, ob sie echt sind, die allerdings wie üblich als groß und wahr ausgegeben werden. „Wir haben zwei Menschen glücklich gemacht“, sagt die Moderatorin Nela Lee zum Schluss. Und was kommt nächste Woche? Die zweite Folge von „Adam sucht Eva“ natürlich. Diesmal ist die Rolle der Eva doppelt besetzt und Adam der Hahn im Korb.

          Sie will Adam und Eva zusammenbringen: Moderatorin Nela Lee

          „Ausziehen“, nicht sich, sondern das Haus von „Promi Big Brother“ verlassen, musste bei Sat.1 übrigens der Musiker und Produzent Hubert Kah. Er schied als Letzter vor der heutigen Finalrunde aus und tat dies mit Würde.

          Bei RTL lief zu dieser Zeit die erste Ausgabe einer neuen Show, die deutlich obszöner war, als man es von der „Adam sucht Eva“-Revue zuvor hatte befürchten können. In „Was wäre wenn?“ zeigten Jan Böhmermann, Palina Rojinski, Katrin Bauerfeind und Jan Köppen, wie tief man mit einer, tja, wie soll man es nennen - Comedyshow (?) - sinken kann. Man muss nur bei McDonalds oder Burger King vorfahren und beim Drive In „Hamburger Loyal“, „Fischen McNuggets“ und einen „frisch gegessenen O-Saft“ bestellen oder „Dubsi bubsi“. Oder sich ein Hitler-Bärtchen unter die Nase kleben und beim Asiaten „Nazi-Goreng“ bestellen. Oder als ahnungsloser Museumsführer, der Picasso für eine Pokemon-Figur hält, Besucher durch eine Ausstellung jagen. Die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn mit einem gefakten Interview belästigen und einen Schmalspurvertreter der Partei „Pro Deutschland“ fürs „Nazi Bingo“ einspannen. Schon ist ein trauriger Fernsehabend perfekt. Mit Comedy-Shows wie „Samstag Nacht“ oder „7 Tage, 7 Köpfe“ war RTL vor Jahrzehnten schon einmal entschieden weiter.

          Nackte, faule Witze, B-Prominente im Container: Man könnte denken, wir schrieben nicht das Jahr 2014, sondern 1984 und das Privatfernsehen habe gerade erst angefangen.

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