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TV-Film „Der Silikon-Skandal“ : Aufmerksamkeit hat ihren Preis

Vier gegen den Rest der Welt: Stephanie Krogmann, Hannes Jaenicke, Susanne Bormann und Muriel Baumeister (von links) als Gegenspieler eines Pharma-Konzerns. Bild: Sat.1

Der Film „Nicht mit uns! Der Silikon-Skandal“ erinnert an das Geschäft mit lebensgefährlichen Brustimplantaten. Er erzählt aus der Perspektive von vier betroffenen Frauen. Für einen gelungenen Auftritt sorgt das leider nicht.

          Die Legitimation für diesen Film steht wie so oft gleich zu Beginn: „nach einer wahren Geschichte“. Man ahnt da schon, dass das ernste Thema vielleicht doch mit dem Dienstagsendeplatz von Sat.1 kollidieren könnte. Der ist der eher leichten Unterhaltung vorbehalten. Doch in dieser „wahren Geschichte“ geht es um die Machenschaften des französischen Konzerns Poly Implant Prothèse (PIP). Das Unternehmen fabrizierte seit den neunziger Jahren Brustimplantate, die mit billigem Industriesilikon befüllt waren. Durch das billige Silikon wurden die Kissen schneller porös. Das gesundheitsschädliche Silikon gelangte ins Brustgewebe, mehr als zwanzig Frauen sollen daraufhin an Krebs erkrankt sein.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die französische Gesundheitsbehörde Afssaps kam dem Betrug erst 2009 durch einen anonymen Tipp auf die Spur. Verbieten konnte Afssaps den Vertrieb der Implantate erst 2010. Weltweit empfahlen Behörden den Frauen, sich die Implantate entfernen zu lassen. Das Unternehmen meldete daraufhin Konkurs an. Laut Zeitungsberichten waren weltweit etwa 400000 Frauen betroffen, davon etwa 30000 in Frankreich und 5000 in Deutschland. Noch im Jahr 2012 betonte die französische Gesundheitsbehörde, dass ein Zusammenhang zwischen den Krebserkrankungen und dem Billigsilikon nicht erwiesen sei.

          Zusammen mit dem Regisseur und Autor des Films, Holger Haase, entwickelte der Schauspieler Hannes Jaenicke die Idee zum Stoff. Jaenicke engagiert sich so vielfältig wie medienwirksam für allerlei gerechte Sachen. „Alle inhaltlichen und juristischen Fakten sind weitestgehend originalgetreu recherchiert“, sagt der Schauspieler. Leider geht die Idee, das Thema in Form einer Art „Dramödie“ zu erzählen, entsetzlich schief.

          Der Anwalt  Axel Schwenn (Hannes Jaenicke) legt vor Gericht Beweise vor.

          Die Orte der Handlung, die Figuren und ihre Motive sind überschaubar. Dafür wird mit umso größerem Pathos erzählt. Zu Beginn sehen wir ein in Tränen aufgelöstes Mädchen, dem Schulkameradinnen Taschentücher aus dem BH zupfen. Es ist Jenny Hottrop (Susanne Bormann), die sich später – da ist sie bereits Polizistin – eben jene giftigen Brustimplantate einsetzen lässt, um endlich „Anerkennung zu bekommen“. Als die gesundheitsschädlichen Folgen bekanntwerden, nimmt sie mit der Biologielehrerin Konstanze Konrad (Muriel Baumeister) und der schwäbelnden Pornodarstellerin Micki Schmidt-Bergen (Stephanie Krogmann) den Kampf gegen den Konzern DMS auf. Eine ihrer Mitstreiterinnen ist zu diesem Zeitpunkt bereits an Krebs gestorben.

          Der Einzige, der helfen kann, ist der Rechtsanwalt und Chauvi Axel Schwenn (Hannes Jaenicke). Nach dem üblichen Hin und Her entscheidet sich der ehemalige Staranwalt – er hat in seiner Karriere schon so manchen Skandal aufgedeckt –, dem Trio zu helfen. Von nun an wird es schwer, zu entscheiden, was dem Film am meisten schadet: Die schlechten Witze, für die zumeist die Pornodarstellerin Micki herhalten muss („Ich kann Französisch“ – „Ich meine die Sprache“)? Die unaufhörliche Aneinanderreihung von Konflikten, die im Minutentakt aufgeworfen und sofort wieder gelöst werden? Der sympathieheischende Ruhrpottakzent des durch die Arbeit an der guten Sache vom Chauvinismus bald geheilten Anwalts? Die überhöhte Dramatik, der kein einziger Schauspieler gewachsen ist? Bleibt nur, dass der These, die weibliche Brust sei auch im 21. Jahrhundert maßgeblich für die Anerkennung der Frau (auch im Beruf), wirklich gar nichts entgegengestellt wird.

          So wichtig das Anliegen ist, so sehr hat man es in einer schwer erträglichen Mischung aus Seifenoper und Anwaltsschmonzette entstellt. Im Dezember 2013 wurde der Gründer der Brustimplantate-Firma PIP, Jean-Claude Mas, zu vier Jahren Haft und einer Geldstrafe von 75000 Euro verurteilt. In einem Berufungsprozess wurde das Urteil im Mai 2016 bestätigt.

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