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„Tatort: Im Schmerz geboren“ : Der Teufel kehrt in seine Heimat zurück

Im Bilderwahn: Ulrich Matthes – diabolisch als Richard Harloff Bild: HR/Philip Sichler

Chaos dreht das Rad des Hades: Der hessische „Tatort: Im Schmerz geboren“ ist ein Geniestreich voller Gewalt und Leidenschaft. Mehr Tote und mehr klassische Musik gab es im „Tatort“ bisher nicht.

          Dieser „Tatort“ ist ein Hammer. Schwer wie ein Alb, dunkel wie Blut, heiß wie die Sonne, wild wie ein Herz, schwebend wie eine Schneeflocke. Doch, das passt schon alles! Ein phantastisches Stück, das man sich nicht hatte erträumen lassen im deutschen Fernsehen, ein Phantasiestück im Wortsinn, auch das: ganz scharfes Theater also, ein tiefer Schnitt ins Fleisch der Gewohnheit. Unseren sonntäglichen „Tatort“ gibt uns die ARD unermüdlich. Müde dieser nicht selten kraftlosen Speisung sind wir geworden. Was also jetzt? Welche Handlung? Die klassische, im Kern, aber wie toll - auch das im Wortsinn.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Einer kommt aus der Ferne zurück. Einer, der längst für die zivile Gesellschaft verloren ist, Drogen, Waffen, Morde in der Hölle, die Bolivien heißt. Den Sohn David, der das Töten beherrscht, hat er bei sich. Er trifft auf seinen alten Freund, der hierzulande für die Ordnung steht; einst waren sie gemeinsam auf der Polizeischule. Richard Harloff heißt der Heimkehrer, der andere ist der LKA-Ermittler Felix Murot - der Mann mit dem Nachnamen, der ein Anagramm von „Tumor“ ist, jenem Hirnübel, von dem er allerdings jüngst befreit wurde. Die da mit- und gegeneinander antreten, sind Meister ihrer Kunst: Ulrich Matthes ist der verführerische Teufel in Person; Ulrich Tukur ist der Kommissar, den die Entfernung seines Geschwürs im Kopf nicht leichter durchschaubar gemacht hat. Matthes und Tukur liefern ein Kammerspiel ab, das seinesgleichen erst noch sucht.

          Wahnzustände und Bewusstseinsveränderungen

          „Im Schmerz geboren“ ist der Titel der abgründigen Bühne, die ihnen Florian Schwarz (Regie) und Michael Proehl (Drehbuch) dafür bereitet haben. Eine Bühne ist das schon deshalb, weil das gewalttätige Spiel, das sich nun entfaltet, als ein Spiel im Spiel aufgeführt wird - ein riskanter Akt der gedoppelten Fiktion, ein Geniestreich. Gleich am Beginn steht die offene Anspielung auf einen Klassiker: Drei Männer stehen auf einem menschenleeren Bahnhof, der Zug fährt ein und wieder aus. Ein weiterer Mann steht jetzt am Bahnsteig. Wenig später sind die drei anderen tot. Ähnlich komplex wie Sergio Leones unsterblicher Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ ist auch dieser Kunstfilm gebaut - eine Tektonik zwischen Erinnerung, Traum und Wirklichkeit. So geht es dahin - in einem Hybrid aus Western und Shakespeare, aus antiker Racheorgie und dem Leichtsinn eines Quentin Tarantino, unterwegs zur Erlösung von dem Bösen, um den Preis der verlorenen Unschuld.

          Den Lauf der rasanten - und zugleich immer wieder arretierten, fast stillgestellten - Handlung hier zu schildern hieße, das gewagte Spiel zu verderben. Es folgt der Bahn, die Richard Harloff zieht, mit seinen schwarzen Augen des Totenkopfschwärmers - nur einem der Symbole, mit denen die unschuldige Luft von Wiesbaden und Frankfurt für diesen „Tatort“ aufgeladen wird. Was reißt dieser Racheengel mit dem schlimmen Geheimnis, das er bis fast zum Schluss in sich trägt, nicht alles an sich und mit sich, im Spektakel auf Leben und Tod. Selbst die Bilder an den Wänden des Frankfurter Städel Museums geraten ins Taumeln vor seinem Blick. Harloff hat das Stendhal-Syndrom, jene seelisch-körperliche Störung, die bei entsprechender Reizung der Sinne Wahnzustände und Bewusstseinsveränderungen erzeugt. Vielleicht ist das Stendhal-Syndrom überhaupt die Matrix des gesamten Films - mit seinen eingefrorenen Szenen, seinen wie verblassten Rückblenden, seinem animierten Gemälde von Tiepolo gar, aus dem plötzlich Harloffs Alter Ego zurückschaut.

          Über all diese seltsamen Geschehnisse breitet das HR-Sinfonieorchester seinen Soundteppich aus, es ist Filmmusik in reinster Form. Während einmal sanft der Laserpunkt dem Schuss aus einem unsichtbaren Gewehr vorangleitet, als geschehe ein kleines Wunder, ertönt ein romantisches Thema von Jean Sibelius. Dann bricht auch Alexander Bosco auf dem Asphalt vor seiner Werkstatt tot zusammen, ein Schicksal, das zuvor seine drei Söhne am Bahnsteig ereilte. Jedoch, nicht viel später ersteht der Schrotthändler - ebenfalls großartig: Alexander Held - wieder auf, als ein Begleiter für das Publikum, shakespearisch im Ton, in der Attitüde der antiken Tragödie. An dieser Stelle nur so viel: Am Ende ist da ein befreiendes Lachen. Vielleicht nicht, was „Katharsis“ einst meinte, die Reinigung von den Affekten kann in unserer Zeit kein Film leisten. Alle gutgemeinte Psychologie versagt ohnehin. Doch wie heißt dieser Tragödie letzter Satz, den Bosco als jener Psychopomp, der die Seelen ins Jenseits begleitet, spricht: „Denn Rache ist kein guter Rat.“ Für die Toten nicht und nicht für die Lebendigen.

          Tatortsicherung

          Was verschwieg die Krimi-Oper aus Wiesbaden? Diese und andere offene Fragen zum neuen Tatort beantworten Experten am Sonntag von 21.45 Uhr an unter faz.net/tatortsicherung. Parallel zur Fernsehausstrahlung veröffentlichen wir die Fragen zum Miträtseln auf dem Twitter-Account @FAZ_Feuilleton und unter #Tatort.

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