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„Tatort“ aus Kiel : Leere Flaschen, alte Gardinen und Eltern, denen alles egal ist

  • -Aktualisiert am

Keine schlechte Idee: Gespräch auf Augenhöhe zwischen Borowski und den Jungs Bild: NDR/Christine Schroeder

Das Mordopfer war zum Fürchten: „Borowski und die Kinder von Gaarden“ zeigt einmal mehr, dass der Kieler „Tatort“ zu den besten zählt.

          Die mit Kameras bestückten Drohnen, die jeder Regisseur von Welt inzwischen aufsteigen lässt, haben freie Sicht, denn noch blockieren weder Paketdienste noch Polizei den Luftweg. Daher beginnt auch dieser Tatort (Regie: Florian Gärtner) mit einem Blick aus Drohnenperspektive, die ein unschuldiger Vorbote des Überwachungsstaates ist - um den Raum zu vermessen, von dem er erzählt. Gaarden: ein tristes, von den blauroten Kränen der Howaldtswerke und den weißen Passagierfähren auf dem Wasser eingerahmtes Viertel im Osten von Kiel.

          Herumstreunende Kinder

          Ein Kind rennt dort einsam umher. Ein zweites steht brüllend am Meer. Ein drittes, es hat den Hund angeleint, geht an verwahrlosten Säufern vorbei, drückt die Klingel an einem ranzig anmutenden Ort. Leere Flaschen, alte Gardinen, eine blutige Leiche am Bett?

          Dennoch scheint die Behausung von Onno Steinhaus, als der noch lebte und die Tage durchtrank, für die herumstreunenden Jungen von Gaarden eine Attraktion gewesen zu sein. Konnte man die Szenen, die sich hier abspielten, doch immerhin mit dem Handy aufnehmen und ins Netz stellen. Dazu der Alkohol und die Pornos, die Onno besaß - und vielleicht gar noch ein deftiges Wort.

          Eltern haben mit sich selbst zu tun

          Dass der Mann ein vorbestrafter Pädophiler war, haben viele in der Siedlung gewusst und trotzdem nichts gesagt, als sich die ethnisch bunt zusammengewürfelte Clique regelmäßig bei ihm zu treffen begann. In diesem Teil von Gaarden haben die Mütter und Väter, wenn sie denn anwesend sind (die Drehbuch-Autoren Eva und Volker A. Zahn haben dort jedenfalls keine Väter gesehen), genug mit ihrem Leben zu tun. Und mitunter gehören zu diesem Leben nicht einmal die eigenen Blagen dazu.

          Es geht auch gemeinsam: Sarah Brandt (Sibel Kekilli), Thorsten Rausch (Tom Wlaschiha) und Klaus Borowski (hinten, Axel Milberg) vermuten Einbrecher in der Wohnung von Steinhaus

          Die Mutter von Timo, der es gern zum Schiffsmechaniker bringen würde - das Ambitionierteste, auf das man so kommt -, zeigte jedenfalls keine Spur von Mutterliebe, als die Mordkommission vom Anfangsverdacht gegen den Filius spricht. Timo könnte mit dem Hammer auf Steinhaus eingedroschen haben. Es gibt Bilder, die ihn auf der Matratze zeigen. Sarah Brandt (Sibel Kekilli), die aufgeweckte Kollegin von Hauptkommissar Borowski (Axel Milberg), stößt allerdings auch auf Filmaufnahmen, auf denen der orientierungslos durch seine Wohnhölle stolpernde Steinhaus von der Clique wie Abschaum behandelt wird.

          Borowski hört sich unterdessen die homophoben Sprüche an, die bei den pubertierenden, von der Langeweile zur Möchtegern-Gang zusammengeschweißten „Kindern von Gaarden“ zum guten Ton gehören. Provozieren können sie ihn nicht, und den richtigen Draht zu den Kindern wird dieser wetterfeste, desillusionierte Ermittler selbstverständlich auf seine ganz eigene Art finden. Das ist wortwörtlich zu verstehen: Denn es ist der Draht, der den Bolzplatz umgibt, so dass sich Borowski bis zum Beginn eines echten Gesprächs mit den Jungs gewissermaßen einsperren kann. In Momenten wie diesen verliert sich der neue Tatort aus Kiel allerdings zu sehr in Sozialromantik. Doch auf die schauspielerische Leistung von Sibel Kekilli und Axel Milberg ist Verlass, die Darsteller der Kinder sind gut ausgewählt, und die Dialoge wirken bis auf wenige Ausnahmen authentisch. Vor allem aber darf Sarah Brandt abermals ihre Trinkfestigkeit unter Beweis stellen.

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          In „Die Kinder von Gaarden“ trifft die Kommissarin nämlich einen Bekannten aus Kinderzeiten, der in Gaarden eine Art Supercop mimt und die Sonnenbrille entschieden zu cool im Gesicht trägt: Thorsten „the Legend“ Rausch, genannt Rauschi (Tom Wlaschiha, ein Kekilli-Kollege aus „Game of Thrones“). Das macht die Ermittlerin zur „Rauschi-Expertin“, die es dringend braucht, als der Kollege zunehmend mehr Fragen aufwirft, als er zu lösen vermag.

          Das Resultat ist ein klassischer Whodunit-Krimi, der nicht allzu viel will oder von seinen Zuschauern verlangt, aber dafür solide bis ins Mark inszeniert ist. Und der einem wieder einmal klarmacht, dass der Kieler Tatort einfach zu den besten gehört.

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