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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.01.2016, 05:24 Uhr

Tag 2 beim Dschungelcamp Der Qualm war schuld

Schon am zweiten Tag eröffnen die Camp-Bewohner Einsichten in ihr Privatleben. Dabei wird deutlich: Das „Dschungelcamp“ ist kein Unterhaltungs-, sondern ein Bildungsformat.

von Heike Hupertz
© RTL/ Stefan Menne Die Kandidaten müssen „australische Dinge oder Tiere ertasten und deren Anzahl erraten“.

Tag 2 war der Tag der ersten unglaublichen Enthüllungen. Man sitzt ums Feuer herum da unten in Australien, es raucht gedankenfördernd, man beginnt zu sinnieren und zu insinuieren. Aushorchen steht aktuell auf der Tagesordnung. Und positionieren. Wohl dem, der seine Story jetzt schon breittritt. Pech für den, den man bislang kaum sieht, wie den Ballermann-Sänger und Sonnyboy Jürgen.

Immer noch klassisch, auch im zehnten Jahr, der „Dschungelcamp“-Satz: „Ich wollte ja eigentlich nicht über mein Privatleben sprechen.“ Tiefer Atmer, bebende Brust (oder Brüste). Seufzer. Klar. Jetzt kommt’s raus. Es springt die Bekenntnismaschine an und produziert die unglaublichsten Statements. Konfessionsunterricht vom Gröbsten. Heute kommt irgendwas mit Bordellen, „Hunderten“ von Polizisten bei einer Razzia, und dann musste der arme Bert in den Knast – sowas von fies. Finden die anderen Camper auch.

Hä? Was? Wer nicht regelmäßiger Leser der Yellow Press ist, hat den Faden schon verloren. Wovon redet die Dame mit der Oberweite eines Heißluftballons, bei der wir uns als Bauchschläfer nur fragen, wie sie jemals zur Ruhe findet? Ist Bordellbesitzer, Unterstützer gewerbsmäßiger Prostitution, nun inzwischen ein Beruf wie jeder andere geworden und wir haben es hinter unserer Zeitung bloß nicht gemerkt? Werden meine Söhne bald „sowas wie der Wollersheim“ als Karrierewunsch angeben, weil sie dann Frauen heiraten können, die mit achtundzwanzig wie geliftete Mittvierzigerinnen aussehen und Haare von ausgesuchter Künstlichkeit auf dem Haupt tragen, die nicht blond, sondern wirklich gelb sind? Was weiß ich von den Träumen junger Menschen, die bei RTL zu Hause sind?

Crossformatig untergebrachte Unterhose

Wobei ja schon hier und da festgestellt wurde, dass RTL im Unterhaltungsgenre viel raffinierter zu Werke geht, als vom gemeinen Bildungsbürger gedacht. Da ist beispielsweise das geschickt crossformatig untergebrachte Motiv der Unterhose. Während Gunter Gabriel, den man beim Einzug ins Camp noch für scheintot halten konnte, gestern dort von seiner einzigen Unterhose erzählte, tritt heute kurz vor dem „Dschungelcamp“ bei „Deutschland sucht den Superstar“ ein verwirrter Mensch in ebensolcher auf, der das Lied „Ich zieh’ mir einen Schlüpfer an“ zum Besten gibt. Vielleicht allerdings hat Jürgen das schon früher am Ballermann gesungen. Vielleicht handelt es sich damit sozusagen um ein raffiniertes Sender-Selbst- und Querzitat und wir sind bloß nicht – siehe oben – auf dem Laufenden.

Schon zwei gewonnene Einsichten, die unser Leben nicht bereichern. Erstens: Wenn schon Puff, dann Kultpuff mit Sophia und Bert (warum klingt das wie Cindy und Bert?). Zweitens: Gesungen werden bei RTL Songs über Schlüpfer. Neues deutsches Liedgut.

A propos deutsches Liedgut: Gunter Gabriel („Ich schlafe nicht“) hält für seine Mitbewohner heute staunenswerte Überraschungen bereit. Er kannte Johnny Cash nicht nur, er war fünfundzwanzig Jahre lang mit ihm befreundet! Wahnsinn! Stellt sich nur die Frage: Wer war Johnny Cash? Beziehungsweise – David stellt diese Frage. Tja, Cash, der alte Sack, war leider wohl kein Youtube-Star wie Bibi oder die Lochis. Gunters Krächzen von „Ring of Fire“ macht es auch nicht besser.

Für sein Lied über den Schlüpfer bekommt der „Superstar“-Aspirant von Dieter Bohlen kurz vorher übrigens den Titel „Vollpfosten des Tages“ verliehen und eine kleine Skulptur, den „Goldenen Scheißhaufen“, überreicht. Dritte Einsicht: Ich sollte definitiv stärker kontrollieren, was meine Söhne im Fernsehen gucken und bisweilen im Internet treiben. Sonst kommt am Ende noch so etwas beim Abiturmachen heraus wie bei David Ortega.

„Ich wollte ja eigentlich Dings studieren – Medizin“

Der gibt, „interviewt“ von dem ehemaligen „Moderator“ Ricky, in der Intimität des Hockens um das Lagerfeuer solche Sätze von sich wie: „Ich wollte ja eigentlich Dings studieren – Medizin“. Und dann „Gentechnologie“ machen – oder „Nanotechnologie“. „Köpfe einfrieren“, für zehntausend Euro pro Stück. Sein Durchschnitt aber sei so schlecht gewesen, da habe er erst mal Architektur studiert. Ein Jahr lang, bis der Professor ihm gesagt habe, dass er damit keine Million verdienen werde. Nach dem Dschungel solle er sich selbständig machen, „mit’m Burgerladen. Vegan. „Veganer“, das ist so ein Volk, „das ist voll intelligent“. Und verhilft ihm damit sicher zur Million. Voll der Intellektuelle ist der David, mit Abi und so. Vierte Einsicht: Ich sollte meine Söhne lieber ein ehrliches Handwerk lernen lassen.

Zwischen Thorsten Legat und Rolf Zacherl gibt es keine Karrieregespräche (für die beiden vielleicht noch zu früh in der Staffel), sondern morgens einen dicken gegenseitigen Drücker, nachdem man sich nachts noch gewaltig gegenseitig auf den „Sack“ gegangen ist. Und die Erklärung: Der Qualm war schuld. Seltsame Zusammenhänge tun sich auf. Seltsame Sprachbildungen gibt es sowieso. Da wird verlangt, jemand solle mehr auf sein „Äußerliches“ achten (statt auf sein Äußeres). Und Frau Wollersheim gibt sich diplomatisch: „Ob ich das der Jenny (Elvers) jetzt abkaufe oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden“.

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Ja, für solche Stilblüten schauen wir dieses Format (wenn wir müssen). Um uns unter Niveau zu amüsieren. Prächtig zwar nicht, aber im Konsens mit vielen Beflissenen, die das Ohr an der Schiene der Zeit (okay, das war jetzt Absicht) haben wollen. Seit das „Dschungelcamp“ 2013 für den „angesehenen“ (Spiegel-Online) Grimme-Preis nominiert war, handelt es sich hier ja nicht mehr um Krawallfernsehen, sondern um ein amtliches, sozusagen mit Brief und Siegel ausgewiesenes Unterhaltungsformat.

Welch ein Irrtum. Das „Dschungelcamp“ ist kein Unterhaltungs-, sondern ein Eins-A-Bildungsformat. Allein die Anzahl der an Tag 2 gewonnenen Einsichten spricht dafür.

Quelle: FAZ.NET

 

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